Hausmitteilung SPIEGEL-BUCH 8
Datum: 9. Februar 1981 Betr.: SPIEGEL-BUCH 8
So uneins waren SPIEGEL-Leser selten: »Fassbinder, nein danke«, schrieb Peter Jacobs aus Hamburg, »Bitte weitermachen, Herr Fassbinder«, Barbara van Loo aus Höxter. »Personen wie F. sind für eine positive Kultur- und Medienszene denkbar ungeeignet; deshalb: weg mit F.«, forderte G. Walter aus Königsbrunn. Gerhard Wisnewski, Frankfurt: »Man darf hoffen, dass der Wecker RWF (Rainer Werner Fassbinder) noch lange Jahre durch die Paradiescremeseelen der Deutschen schrillt, ihnen die Wahrheit in die leeren Gesichtszüge schreit ...«
Seit seiner 14teiligen Fernsehserie nach Alfred Döblins »Berlin Alexanderplatz« ist Fassbinder heftiger umstritten als jeder andere deutsche Film- und Fernsehregisseur. Was denkt, fühlt, was will dieser »Messias des neuen deutschen Films« ("New York Times")?
Wolfgang Limmer, 34, früher SPIEGEL-Redakteur und jetzt freier Autor, versucht in dem vergangene Woche erschienenen SPIEGEL-BUCH 8 »Verständnishilfe für das Wagnis Fassbinder« zu geben (Wolfgang Limmer: »Rainer Werner Fassbinder - Filmemacher«. SPIEGEL-BUCH 8; Rowohlt Verlag; 14 Mark).
Insgesamt neun Stunden haben Limmer und SPIEGEL-Redakteur Fritz Rumler mit Fassbinder gesprochen. Die Niederschrift dieses bislang längsten Interviews mit RWF bildet den Kern des neuen SPIEGEL-BUCHES, das ausserdem eine Einführung in Fassbinders Werk und eine ausführliche Dokumentation seiner sämtlichen Theater-, Fernseh- und Film-Produktionen von »Leonce und Lena« bis »Lili Marleen« enthält.
»Ich muss doch das Recht haben, mich so zu verwirklichen, wie es meinen Krankheiten und meiner Verzweiflung entspricht. Ich brauche die Freiheit, über mich selbst in der öffentlichkeit zu reflektieren«, das hat Fassbinder vor einigen Jahren im SPIEGEL für sich in Anspruch genommen. Im neuen SPIEGEL-BUCH spricht Fassbinder offen wie nie zuvor über seine Schaffenswut, seine homophilen Neigungen und über Drogen. Deutlich werde, wie Limmer meint, ein Mensch, »dessen bangste Frage es zu sein scheint, warum es Menschen gibt, die sich mit Antworten zufriedengeben«.