SPIEGEL Titel Energiesparen: Weg vom Opec-Öl
Saudi-Arabiens Ölminister Ahmed Saki el-Jamani hatte die Wahrheit als erster begriffen. »Unser Land«, erzählte der Saudi vergangenen Mai in Berlin dem deutschen BP-Chef Hellmuth Buddenberg, »ist auf Öl viel mehr angewiesen als Ihr Land.«
Schon bald merkten Jamanis Kollegen aus dem Ölförder-Kartell Opec, was mit dem Bekenntnis des Wüstensohnes gemeint war: Wenn die westlichen Industriestaaten weniger Öl brauchen als bisher, erleiden die Staaten der Opec einen Schwächeanfall, kehrt die Macht auf den Märkten zu den Industrienationen zurück.
Nur drei Jahre nach der iranischen Revolution, die den Ölpreis um 70 Prozent nach oben schraubte, weil fünf Prozent der Welt-Rohölförderung ausgefallen waren, spielt das Land Persien als Ölquelle keine Rolle mehr.
Knapp zwei Jahre nachdem Kanzler Helmut Schmidt und Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff in Bonn den Ölminister S.113 der Emirate und Opec-Präsidenten Uteiba öffentlich hofierten, müssen die Scheichs Rabatte geben, um noch ausreichend Öl loszuwerden.
Gerade ein Jahr nach der letzten Preiserhöhung der Opec sinken die Rohölpreise auf breiter Front. Nur ein halbes Jahr nach dem höchsten Benzinpreis aller Zeiten tanken die Autofahrer in Deutschland wieder zu Preisen von 1980.
Und nur wenige Monate nachdem das Opec-Kartell sich mühsam auf einen gemeinsamen Basispreis von 34 Dollar je Barrel Rohöl einigte, werden die einstigen Scharfmacher unter den Kartell-Herren ihren Stoff nicht einmal mehr zum herabgesetzten Preis los.
US-Präsident Ronald Reagan kann es sich inzwischen leisten, den Ölimport aus Libyen schlicht zu verbieten. Im Nachbarland Mexiko, das den Ölpreis Ende Februar um bis zu 2,50 Dollar senkte, ist leicht Ersatz zu holen.
Shell, Gulf, Mobil, Texaco und Socal, Hauptkunden des Öllandes Nigeria, haben ihre Rohölbezüge aus dem afrikanischen Staat erheblich gedrosselt. Das eigene Öl, etwa das aus der Nordsee, ist billiger zu haben und bringt Devisen in die Kasse des Königreichs Großbritannien.
Das einstige Kaiserreich Iran bietet Rohöl angeblich sieben Dollar unter dem Opec-Preis von 34 Dollar je Barrel an. Rund um die Welt fördern die Ölländer 1982 etwa 150 Millionen Tonnen (drei Millionen Barrel pro Tag) mehr von dem wertvollen Stoff, als sie auf den Märkten absetzen können.
Opec-Präsident Uteiba, um den Bestand des Kartells besorgt, trommelte deshalb seine Ölminister am 19. März eilig zu einer Sondersitzung in Wien zusammen. Dort beschlossen die Minister eine Drosselung von bisher 18,5 Millionen Barrel Tagesförderung auf 17,5 Millionen im zweiten Quartal 1982. An der Ölschwemme aber wird das zunächst nichts ändern.
Ist die Opec am Ende? Hat der Westen - wieder einmal - den längeren Atem? Steht nicht das Ende der Ölzeit, sondern die Wende der Ölzeit bevor? Wird etwa alles wieder so, wie es war?
Kaum. Die schlichte Wahrheit lautet nur, daß die westlichen Industrieländer auf die rabiate Ölpreiserhöhung von 1979/80 durch ebenso rabiates Sparen S.115 und durch ein Umlenken ihrer Investitionsmittel reagiert haben: nicht nur weg vom Öl, sondern vor allem weg vom Opec-Öl.
Die multinationalen Konzerne des Öls, Exxon an der Spitze, investierten kein Geld mehr in jenen Ländern der Opec, die sie für politisch unzuverlässig hielten oder die ihnen ihre Anlagen enteignet hatten.
Statt dessen investierten die Konzerne in die Öl- und Gasförderung aus der Nordsee, und statt dessen gab Präsident Reagan den Preis für US-Rohöl frei und animierte Big Oil zu höheren Investitionen im eigenen Land.
Statt dessen begann Marktführer Exxon die Ölausbeute aus dem Schiefergestein der Rocky Mountains. Und landauf, landab trieben die großen Ölkonzerne - paradox genug - eine Werbekampagne, möglichst wenig Öl zu verbrauchen.
Die Kampagne hatte mehr Erfolg, als ihre Erfinder ahnten. Um 14 Prozent ist seit 1979 der Öldurst in den westlichen Industriestaaten gesunken. Um 20 Prozent ist er in der - wie immer vorbildhaften - Bundesrepublik Deutschland zurückgegangen.
Besonders das für die Industrie und die Stromherstellung verwendete schwere Heizöl wurde kaum mehr gebraucht. Aber auch der Konsum an leichtem Heizöl, dem Brennstoff für die Ölheizungen, ging zurück. Heizölhändler, die den Bedarf ihrer Kunden per Karteikarte überwachen, registrierten seit 1979 einen Rückgang der Bestellungen um 28 Prozent. An leichtem Heizöl sind nach Esso-Chef Wolfgang Oehme in Deutschland »früher 50 Millionen Tonnen abgesetzt worden, bald sind es nur noch 25 Millionen«.
Westdeutsche Autofahrer, die lange Zeit von steigenden Spritpreisen unbeeindruckt schienen, haben seit 1981 in den Rückwärtsgang geschaltet: Obwohl die Zahl der zugelassenen Personenwagen 1981 um 1,5 Prozent wuchs, ist der Benzinverbrauch vergangenes Jahr um 5,9 Prozent gesunken. Oehme: »Das haben wir alle so deutlich nicht gesehen.«
Nun sehen sie es überdeutlich in den Bilanzen. So mußte Oehmes Konkurrent Hellmuth Buddenberg für 1981 im Ölgeschäft der BP runde 700 Millionen Mark als Verlust verbuchen. Um wenigstens einen Teil der Defizite einzudämmen, wollen die meisten deutschen Ölgesellschaften überflüssig gewordene Raffinerien schließen.
Die deutschen Raffinerien waren nur noch zu 57 Prozent ausgelastet. Durch die westdeutschen Pipelines, so der Hamburger Erdöl-Informationsdienst, sind 1981 rund 15 Prozent weniger Öl zu Raffinerien und Lagern geflossen als 1980. An den Kopfstationen der Nord-West Oelleitung GmbH (NWO) in Wilhelmshaven sank der Ölumschlag 1981 sogar um 32,3 Prozent. Auch der Verbrauch an Erdgas ist 1981 um sieben Prozent gesunken.
In der Europäischen Gemeinschaft sackte der Mineralölverbrauch vergangenes Jahr um 8,5 Prozent auf 418,2 Millionen Tonnen, der Import sogar um 15 Prozent. Wegen des Verbrauchsrückgangs, aber auch wegen des Ausbaus der britischen Ölfelder, hat sich die Abhängigkeit der EG-Staaten von importierter Energie seit 1971 von 64 auf 49 Prozent ermäßigt.
Auch für die nächsten beiden Jahrzehnte sieht etwa Shell-Chef Wilhelm von Ilsemann kein markantes Wachstum des Energieverbrauchs mehr. 1981 hat die Bundesrepublik 372 Millionen Tonnen Steinkohleneinheiten (SKE) an Primärenergie verbraucht.
( Primärenergie ist der Verbrennungswert ) ( der für die Energieerzeugung ) ( eingesetzten Grundstoffe wie Kohle, Öl, ) ( Uran. Die durch Umwandlung dieser ) ( Stoffe entstehenden Produkte (Heizöl, ) ( Benzin, Strom) werden Endenergien ) ( genannt. Die Differenz zwischen beiden ) ( Werten sind die Umwandlungsverluste. ) ( Sie sind beim Strom am höchsten. )
Im Jahre 2000 könnten es bei sogenannten günstigen Abnahmen (Deutsche Shell AG) gerade noch 436 Millionen Tonnen SKE werden - ein Zuwachs von nur 17,5 Prozent in 19 Jahren oder von 0,8 Prozent pro Jahr.
Doch der günstigste Fall muß nicht der wahrscheinlichste sein. Bei vorsichtigeren Annahmen - also bei hoher Sparleistung und vergleichsweise mieser Konjunktur - könne der Primärenergie-Verbrauch laut Shell im Jahr 2000 sogar auf 337 Millionen Tonnen SKE zurückgegangen sein. Das sind gut neun Prozent weniger, als 1981 verbraucht worden waren.
Das eingesparte Öl ist bisher bei weitem nicht durch andere Energieträger ersetzt worden. Die offiziell verkündete Politik des »Weg vom Öl« hat der energiebewußte Bürger als eine Politik des »Weg von der Energieverschwendung« verstanden. Die penetrant verkündete Wachstumsideologie der Regierenden und der Opposition ist durch Verbraucherverhalten widerlegt und durch Industrieprognosen in Zweifel gezogen.
Sparen wurde zum Volkssport der Bürger, Spartechnologien füllten die Anzeigen- und die redaktionellen Teile auflagenstarker Bauzeitschriften, und Sparempfehlungen gehören zum Ritual jedes Heizölhändlers, jedes Heizungsbaumeisters und jedes Klempnereibetriebes. Sparsysteme wurden von Privatleuten und von Gewerblichen, von Industrie und Behörden entdeckt, entwickelt und erprobt - im Kleinen und im Großen.
Schon 1973, noch vor dem ersten Ölboykott der Opec, faßte etwa das schwäbische Elektrounternehmen Robert Bosch GmbH den Beschluß, in seine Fabriken 400 Lüftungszentralen einzubauen, die abfließende Wärme ständig S.117 wieder in die Hallen zurückblasen sollten. Statt 77 200 Tonnen leichten und schweren Heizöls verbraucht der Bosch-Konzern pro Jahr nur noch 61 200 Tonnen - 21 Prozent weniger als sonst.
Im vorletzten Winter schraubten Arbeiter der Maschinenfabrik Ernst Spielvogel KG im schwäbischen Niederraunau simple Ventilatoren an die Decke ihrer sechs Meter hohen Fabrikhalle: Die Propeller sollten die nach thermischen Gesetzen hochsteigende Wärme wieder nach unten an die Arbeitsplätze drücken. Das Ergebnis: Die Raumtemperatur kletterte um vier Grad, der Einbau von Zusatzheizungen wurde überflüssig.
In der schwäbischen Landeshauptstadt Stuttgart richtete CDU-Oberbürgermeister Manfred Rommel 1976 eine Dienststelle für Energiewirtschaft ein, die über die Heizgewohnheiten in öffentlichen Gebäuden zu wachen hatte. Von 1977 bis 1979 senkten die von Rommels Spähtrupps überwachten Anlagen ihren Energieverbrauch um 27 Prozent.
Was solche Sparleistungen in Mark und Pfennig bedeuten, hat eine andere Kommune, die rheinische Industriestadt Duisburg, erfahren. Dort verkündeten die Stadtväter - ebenfalls 1976 - einen Mehrphasen-Plan zur Energiebewirtschaftung, durch den ein Viertel des damals üblichen Verbrauchs beseitigt werden sollte. Ohne Zusatzanschaffungen, allein mit 1,3 Millionen Mark höheren Personalkosten, senkte die Stadt in ihren 460 öffentlichen Gebäuden den Heizungsaufwand bis 1980 um 28,5 Prozent. Die Energiekosten sanken um 16 Millionen Mark.
Was Bosch, Spielvogel, Rommel und die Kommune Duisburg taten, rechnet sich in der Menge zu imponierenden Zahlen hoch. Alle vier nämlich gingen den Energieverbrauch dort an, wo vorher nicht nur das meiste verbraucht, sondern wo auch das meiste verschwendet worden war: bei der Raumheizung, die 40 Prozent aller eingesetzten Energie schluckt. Bei der Raumheizung allein wurden 1981 rund 20 Prozent weniger Öl verbraucht als noch 1979. Und das alles war am Anfang gar nicht so schwer.
Vor der ersten Ölkrise 1973/74 nämlich hatten die westlichen Gesellschaften Energie nie ernsthaft als Kostenbestandteil angesehen. Sie konnten sich hohen Investitionsaufwand sparen, weil Heizmaterial und Benzin viel zu billig waren. Deshalb bauten sie energiefressende Systeme - Glaspaläste, Billigsthäuser und durstige Benzinmotoren.
Besonders in den Privathaushalten und beim Staat ist Brennstoff aus Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit, aber auch aus Prestige verschwendet worden. »Wohlstandsheizen« hatte jahrelang das Schlagwort in den Verkaufsabteilungen der Ölindustrie geheißen. Bei offenen Türen und dünnen Wänden erreichten winterliche Wohnzimmer Gewächshaustemperaturen.
Mit dem Autofahren war es ähnlich. Verbrauchswerte von über 15 Liter auf hundert Kilometer gehörten für den Mittelklasse-Autofahrer zum Prestige. Benzinfresser auf den Straßen galten als schick, hoher Durst des eigenen Wagens als ansehensfördernd.
Verschwender solchen Zuschnitts können ihren Brennstoffverbrauch fast über Nacht, spätestens aber mit der Anschaffung des nächsten Autos halbieren. Das gesamte Sparpotential dieser Art wird von Fachleuten auf 30 Prozent geschätzt.
Weit höhere Sparleistungen noch lassen sich bei energiebewußtem Hausbau erzielen. Computerrechnungen zeigen, daß bei konventionell hergestellten Häusern der Nachkriegszeit - immerhin der größte Teil des westdeutschen Wohnungsbestandes - durch Wärmedämmung bis zu 70 Prozent des bisherigen Heizungsaufwands gespart werden könnten.
Wenn statt 5000 Liter Heizöl nur noch 1500 aus dem Tank fließen, lohnt sich dieser Aufwand für den Privatmann weit mehr als der von den Stromgesellschaften propagierte Wechsel des Heizungssystems von Ol auf Strom. Der finanzielle Aufwand für die Wärmedämmung an Gebäuden ist nämlich nicht höher als 15 Prozent der Neubausumme eines entsprechenden Hauses. Als Faustregel gilt, daß solche Investitionen sich binnen fünf Jahren zu rentieren beginnen.
Die Industrie, mit 35 Prozent am Endenergieverbrauch beteiligt, war schon vorher gewohnt, scharf zu rechnen und sich auf technischen Fortschritt einzustellen. 1973, noch bevor die steigenden Ölpreise zum Sparen zwangen, hatten Westdeutschlands Industrieunternehmen 29 Prozent weniger Energie je Produktionseinheit verbraucht als 1955. Bis zum Jahre 2000 sind mindestens noch weitere 20 Prozent möglich - vermutlich weit mehr.
Große Sparerfolge in Industrie und Haushalt kommen besonders dann zustande, wenn veraltete Anlagen durch S.119 neue ersetzt werden. Gesamtwirtschaftlich läßt der bloße Ersatz alter durch neue Anlagen den Energieverbrauch um mehr als 30 Prozent sinken.
Neue Ölbrenner wirtschaften eben besser als alte. Das gleiche gilt für neue Geschirrspüler und Waschmaschinen. Bei der durchschnittlichen Lebensdauer technischer Geräte von zehn Jahren kann allein durch Ersatzbeschaffungen der Energieverbrauch bis 1990 um ein Viertel bis ein Drittel reduziert werden. Und wegen Marktsättigung wird die Zahl der Geräte kaum noch steigen.
Daß allein neue Technik und Ersatzbeschaffungen sehr viel Energie sparen werden, gilt ebenso für das Automobil. Da die Fahrzeugindustrie bis 1979, bei weitgehend wieder beruhigten Spritpreisen, kein einziges echtes Sparauto konzipiert hat, ist bislang nur der geringere Teil der Spritspar-Möglichkeiten beim Auto erschöpft worden. Die Autokonstrukteure dachten über Benzinsparen intensiv erst nach, als sich der Ölpreis 1979 auf 26 Dollar je Barrel verdoppelte und als der sinkende Kurs der Deutschen Mark 1981 den Ölimport teurer werden ließ.
Ein Auto vom Entwurf bis in den Ausstellungsraum des Händlers zu entwickeln aber dauert vier bis fünf Jahre. Auf Sparsamkeit konstruierte Personenwagen wird es mithin erst vom Jahre 1983 an geben. Und erst, wenn sie auf die Straße rollen, erst wenn die gegenwärtig noch fahrenden Benzinfresser nach etwa zehn Jahren Lebenszeit sämtlich durch Benzinsparer ersetzt werden, schlägt das Sparen auch auf der Straße stark zu Buch.
Weit voran mit der Spartechnik ist der gerade vor der Ölkrise auf eine neue Fahrzeuggeneration umgestellte VW-Konzern. Mit Spar- und Formel-E-Modellen reduzierte das Wolfsburger Unternehmen den Durchschnittsverbrauch des Golf um inzwischen 20 Prozent. Mit einem neuen Klein-Diesel, den VW in seine Audi-, Passat-, Golf- und Jetta-Modelle, neuerdings auch in den Transporter baut, bot VW erstmals wieder besonders wirtschaftliche Autos an. VW verkauft inzwischen weit mehr Diesel-Personenwagen als Daimler-Benz.
Daimler-Benz, bei dessen besserer Kundschaft Spritverbrauch auch im Jahr 1982 noch keine Rolle spielt, setzte den Verbrauch seiner Achtzylinder-Modelle immerhin um 20 Prozent herab, ohne die Motoren grundlegend zu ändern.
Deutsche, französische und italienische Autofabriken wetteifern um die Palme, das sparsamste Automobil der Welt zu bauen. Ein Audi 80 Diesel schlug sie alle. Ausgestattet mit Pirelli-Spezialreifen kam das Serienauto bei konstanten 60 Stundenkilometern auf 2,27 Liter Verbrauch auf hundert Kilometer. Mit sechs Litern kommt der gleiche Wagen im Tagesbetrieb aus. Das bedeutet die Hälfte jener Spritkosten, die ein ähnlich komfortabler Opel Rekord der Baujahre bis 1981 verursacht hatte.
Allein in der Prestigewagen-Klasse wird der sparsame Diesel in Deutschland noch verschmäht. In den USA hingegen, deren Autolieferanten den Durchschnittsverbrauch der von ihnen angebotenen Flotte bis 1985 auf 8,5 Liter je 100 Kilometer herabsetzen müssen, ist Diesel auch bei Komfortlimousinen üblich. So kam etwa die Spitzenmarke von General Motors, Cadillac, mit einem aufwendigen Diesel-Angebot auf den Markt.
In den US-Markt gedieselt hat sich deshalb auch Daimler-Benz. Die prestigebeladene S-Klasse der Stuttgarter etwa wird dort mit einem Drei-Liter-Turbo-Diesel angeboten, der zehn Liter Sprit verbraucht und auf 165 Stundenkilometer beschleunigt.
In Deutschland bietet Daimler-Benz seinen Spitzentyp in Turbo-Diesel-Version nicht an, weil der einst nur bei Lastwagen und Taxis verwendete Diesel das Image der S-Klasse stören könnte. Selbst Bonner Ministerien, die zu den regelmäßigen Beziehern der teuren Daimler-Limousine gehören, haben trotz aller Sparappelle nie daran gedacht, von Daimler-Benz die Lieferung von Turbo-Diesel-Repräsentationswagen zu verlangen. Daimler-Benz-Chef Gerhard Prinz kann sich nur an eine einzige Anfrage dieser Art erinnern.
Wegen ihres geringen Spritverbrauchs sind die Zulassungszahlen der Diesel-Personenwagen 1981 um 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Hauptgewinner war der VW-Konzern.
Falls sämtliche bekannten Sparmethoden bei der Raumheizung und beim Automobil konsequent angewandt werden, ließe sich bis zum Jahre 2000 der gesamte westdeutsche Mineralölverbrauch auf das Volumen des gegenwärtigen Treibstoffverbrauchs eindämmen - auf 35 Millionen statt 106 Millionen Tonnen.
Daß Sparen eine besonders gute Energiequelle ist, gehört denn auch zu den besonderen Erkenntnissen des vergangenen Jahrzehnts, als Energie sich plötzlich brutal in den Kostenrechnungen niederzuschlagen begann. Das erste Signal dieser Art, mit dem auch konservative Energiepolitiker fertig werden mußten, kam aus Amerika.
»Es gibt eine Energiequelle«, hatten 1979 Wissenschaftler der US-Manager-Schmiede Harvard Business School in ihrem Bestseller »Energy Future«
( Deutsche Ausgabe: Harvard Energie ) ( Report. C. Bertelsmann Verlag 1980; 494 ) ( Seiten; 29,80 Mark. )
geschrieben, »die weder radioaktive Abfälle S.122 noch Petro-Dollar im Gefolge hat und mit einer äußerst geringen Umweltbelastung verbunden ist ... Man könnte diese Quelle als Energieeffizienz bezeichnen ... Aber im allgemeinen ist sie unter dem prosaischeren Ausdruck ''Einsparung'' bekannt.«
Würden sich die USA, so der Harvard-Report damals, ernsthaft zu Sparmaßnahmen verpflichten, »könnte der gegenwärtige Energieverbrauch ohne weiteres um 30 bis 40 Prozent gesenkt werden, und das bei konstantem oder sogar weiter wachsendem Lebensstandard ... Überdies liegen die Kosten der Einsparungsenergie keineswegs höher als die anderer Energieformen«.
Bei konsequenter Sparpolitik ließe sich erreichen, daß die Bundesrepublik bis zum Jahre 2000
* keine weiteren Kernkraftwerke benötigte,
* den Kohleverbrauch nur von 80 Millionen bis etwa 110 Millionen Tonnen erhöhen müßte,
* den Ölbedarf auf ein Drittel (den gegenwärtigen Anteil des Treibstoffs am Ölverbrauch) reduzieren könnte,
* mit Erdgas nur noch offene Lücken zu füllen hätte.
Damit wiederum würde sich der Einsatz importierter Energie so weit verringern, daß die westdeutsche Leistungsbilanz sich dauerhaft wieder zum Positiven wenden könnte: Das für Energiedarbietung investierte Geld würde weitgehend im Land bleiben.
Die von dem damaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Reinhard Ueberhorst bis 1981 geleitete Bonner Enquete-Kommission »Zukünftige Kernenergie-Politik«, in der Vertreter sämtlicher Parteien und energiepolitischen Konzeptionen vertreten waren, hat das Energiesparen denn auch für die Bundesrepublik als wichtigste Energiequelle des Jahrzehnts ausgemacht. Eine Grundsatzentscheidung über den teuren Einstieg in die Nuklearwirtschaft wollte die Kommission deshalb erst 1990 endgültig getroffen wissen.
Was Kommissionsleiter Ueberhorst, was auch der Harvard-Report auf den Weg brachten, haben die Bürger und Gewerbetreibenden im Westen peinlich genau erfüllt, teils übererfüllt.
Durch ihre Sparwut haben Westdeutschlands Verbraucher die Voraussetzungen für politisches Handeln verändert. Die fast ersatzlos eingesparten Ölmengen entsprechen - in Steinkohleneinheiten gerechnet - der Energieproduktion einer um das Zweieinhalbfache erhöhten Kernkraftwerksleistung in Deutschland. Dieser Umstand kann eigentlich nicht ohne Folgen für die amtliche Energiepolitik bleiben.
Der Ausbau solcher Kraftwerkskapazitäten nämlich würde ungefähr 100 Milliarden Mark kosten und jedes Jahr neue Folgekosten aufreißen. Die Einsparung in gleicher Höhe hat allenfalls ein Zehntel an Wärmedämmung, Steuerungsinstrumenten und anderem technichen Aufwand gekostet - und bleibt fast ohne Folgeaufwand: Geist schlug Geld.
Bei den Politikern aller Parteien steht es - trotz meßbarer Erfolge der Sparkonzeption - einstweilen noch umgekehrt. Mit einem riesigen Kapitalaufwand wollen sie den Spargeist der Deutschen gerne ein bißchen fehlleiten. Denn »Weg vom Öl« heißt bei ihnen hin zum Atom.
Um der Zukunft der teuren Atompartei gefällig zu sein, haben die Taktiker in Otto Graf Lambsdorffs Wirtschaftsministerium das Energiesparen öffentlich empfohlen, es hintenherum aber wieder behindert. So fanden sie es richtig, etwa die staatliche Förderung der privaten Gebäude-Isolierung durch wärmedämmende Fenster schnell wieder auslaufen zu lassen. Sie sei, so das Ministerium, nicht mehr notwendig.
Die Atompartei selber behauptet gerne, der Verbrauchsrückgang habe mit echtem Sparen nicht viel zu tun, sondern sei eher eine Folge der schlechten Weltkonjunktur. Wenn der sogenannte S.124 Investitionsstau beseitigt werde - also die gewünschten Atommeiler gebaut würden -, gebe es schlagartig gute Konjunktur, und entsprechend werde auch der Energiebedarf wachsen.
Ausgerechnet Beamte aus Lambsdorffs eigenem Ministerium wiesen dagegen nach, daß der Ölsparerfolg der Deutschen nur zum geringsten Teil konjunkturbedingt gewesen sei. In der Hamburger Fachzeitschrift »Oel« schreibt etwa Hans-Wilhelm Schiffer vom Bundeswirtschaftsministerium, daß der konjunkturbedingte Anteil an den von 1979 bis 1981 gesparten Ölmengen
* in den Haushalten (Einsparmenge: 12,6 Millionen Tonnen) 30 Prozent,
* bei der industriellen Stromerzeugung (0,6 Millionen Tonnen) 15 Prozent,
* im Verkehrswesen (0,8 Millionen Tonnen) null Prozent und
* bei der öffentlichen Stromerzeugung (1,3 Millionen Tonnen) wiederum null Prozent betragen habe.
70 Prozent der Ölersparnis, so das Ergebnis der Recherche, sei strukturbedingt, sei im Wege der Rationalisierung und des Einsatzes anderer Energien entstanden. »Die in diesem Ausmaß noch vor einem Jahr von niemandem erwarteten Anpassungsprozesse«, resümiert der Mann aus Bonn, »sind ein Beleg dafür, daß auf die Kräfte des Marktes vertraut werden kann.«
Sparleistungen solcher Art sind auf die Dauer allerdings nicht ohne gezielte Fiskalpolitik, ohne alternative Systeme der Raumheizung und ohne eine innere Reform der Stromindustrie möglich. Vor allem die Stromindustrie aber ist dazu noch nicht bereit. Für sie reduziert sich die Antwort auf die Frage, durch welches andere Produkt das Öl ersetzt werden soll, auf eine Silbe: Strom.
Elektrizität aber ist am schlechtesten geeignet, den sogenannten Wärmemarkt zu bedienen, der ein Markt für niedrige Temperaturen ist. Strom ist ein hochwertiges Gut. Es soll Licht erzeugen und geräuscharme Motoren treiben. Beim Stromeinsatz für die Raumheizung geht viel zuviel von der eingesetzten Energie wieder verloren: Es werden Kohle, Öl oder Uran benutzt, um aus kaltem Wasser Dampf zu erzeugen, der sich über Turbinen in elektrische Energie umsetzt. Dabei fallen sogleich rund 60 Prozent der eingesetzten Energie durch Verluste bei der Produktion und durch die nach außen geführte Abwärme aus.
Wenn die restlichen 40 Prozent über Hochspannungsleitungen weit weg transportiert werden, geht auch davon wieder einiges verloren - selbst die Elektroversorgungsunternehmen geben schon fünf Prozent »Netzverluste« zu. Der Hamburger Erfinder Werner Berends rechnet weit höhere Werte aus und will das von ihm entwickelte unterirdische Hartschaumstoffkabel unter anderem dazu nutzen, einen großen Teil dieser Übertragungsverluste zu vermeiden.
Wenn der Strom nach solchen Verlusten im Haushalt angekommen ist, muß er für die Heizung in Niedrigtemperatur-Wärme zurückverwandelt werden. Von der eingesetzten Primärenergie bleiben am Ende 30 Prozent als Heizwärme zurück. Lohnt sich dafür ein so ausgeklügelter technischer Prozeß? Kann er überhaupt wirtschaftlich sein?
Er kann es natürlich nicht. Aber das verdrängen die Stromerzeuger. Denn sie müssen verkaufen, müssen zum Verbrauch animieren, wollen sie mit ihrer Kernkraft-Propaganda noch glaubwürdig bleiben: Bei einem durchschnittlichen Kapazitätsbedarf von 44 000 Megawatt in der Bundesrepublik Deutschland hat die Elektrowirtschaft inzwischen Kraftwerkskapazitäten von über 70 000 Megawatt hingestellt und will immer noch mehr.
Dabei hat sie es durch ihre Tarifpolitik in der Hand, Preise anzubieten, wie es ihr gefällt, und den Markt nach eigenem Ratschluß zu manipulieren, denn sie arbeitet ohne Konkurrenz. Auf diese Weise forcierte die Stromwirtschaft in den 60er Jahren die Nachtspeicherheizungen, auf diese Weise will sie in den 80er Jahren die elektrische Wärmepumpe durchsetzen. Auf diese Weise möchte S.126 sie später die direkte Stromheizung in den Markt drücken - was etwa 50 neue Kernkraftwerke zum Stückpreis von mindestens drei Milliarden Mark bedeutete, wenn der Wärmemarkt von der Stromwirtschaft voll übernommen würde.
Mit manipulierten, jederzeit wandelbaren Tarifen würde der Verbraucher damit in Investitionen getrieben, die sich wenige Jahre später schon als sehr unrentabel herausstellen können: Dann nämlich, wenn es den Stromerzeugern tatsächlich gelingen würde, einen großen Teil des gegenwärtig von den Ölkonzernen beherrschten Wärmemarktes in die Hand zu bekommen.
Dieser Markt würde dann vielleicht doppelt soviel Strom verbrauchen, wie die Stromfabriken gegenwärtig herstellen. Er würde zu ihrem Hauptmarkt geworden sein - und für Hauptmärkte kann es keine billigen Sonder- und Einstiegstarife mehr geben. Das sichere Ende eines solchen Prozesses wären massive Preiserhöhungen.
Die einzig lohnende Großinvestition der Elektrizitätswirtschaft dagegen, der Bau von Heizkraftwerken, deren Abwärme aus der Stromerzeugung ganze Städte heizt, wird von der Stromversorgungswirtschaft selbst hintertrieben. Die Gründe dafür bleiben dunkel - sie können nur in der Verzahnung mit der Atomlobby liegen.
Denn Heizkraftwerke nutzen die investierte Energie bis zu 84 Prozent aus. Sie wären in fast sämtlichen Groß- und Mittelstädten des Bundesgebietes wirtschaftlich. Sie bringen zwar eine leichte Überproduktion an Strom - die in ländliche Gebiete abgeführt werden könnte. Sie benötigen sonst aber nur ein Rohrleitungssystem unter den Straßen - ähnlich der Kanalisation -, um ihre Abwärme in Raumheizung umzusetzen.
Zum Verdruß der Atompartei, die Heizkraftwerke gern als unsinnig hingestellt hätte, gibt es in Deutschlands nördlichster Stadt, in der 88 000-Seelen-Gemeinde Flensburg, eine solche zentrale Abwärmeversorgung schon. An sie haben sich seit 1971 rund 90 Prozent der Haushalte freiwillig angeschlossen, weil sie billig ist.
25 Prozent der deutschen Raumheizungen können selbst bei skeptischer Schätzung auf diesem energiesparenden Wege betrieben werden. Wenn sämtliche Gemeinden einbezogen würden, die keine schlechteren Voraussetzungen dafür bieten als Flensburg, wären fast alle deutschen Städte, wäre der gesamte Rhein-Ruhr- und Rhein-Main-Raum fernzuheizen - mit ohnehin verwendeter Kohle. »Wenn Sie Flensburg hochrechnen«, verkündete Flensburgs Stadtwerksdirektor Wolfgang Prinz, »können Sie 50 Prozent der Republik mit Fernwärme versorgen.«
Dem Fernheiz-Konzept durch Heizkraftwerke - technisch »Kraft-Wärme-Kopplung« genannt - kann selbst das ewige Totschlag-Argument mit den Arbeitsplätzen nichts anhaben. Der Ausbau von Fernwärmenetzen würde bis zum Jahre 2000 einen zusätzlichen Impuls an jener Stelle des Arbeitsmarkts geben, wo er am notwendigsten ist: in den mittelgroßen Unternehmen des Hoch- und Tiefbaus.
Nordrhein-Westfalens Minister Friedhelm Farthmann (Soziales) und Reimut Jochimsen (Wirtschaft) wollen die wachsenden Arbeitslosenzahlen in ihrem Lande denn auch mit einem »beschäftigungsaktiven Energie(spar)konzept« angehen, in dessen Mittelpunkt die Kraft-Wärme-Kopplung steht. Hamburgs Energieplaner - offiziell noch nicht los von Brokdorf - wollen mit vier Heizkraftwerken die zentrale Wärmeversorgung ausbauen und Arbeitslose von der Straße bringen.
Der Ausbau eines Fernwärmenetzes würde in der Bundesrepublik nach einschlägigen Rechnungen bis zu 90 000 zusätzliche Arbeitsplätze bringen. Energiesparprogramme, S.128 verraten verschiedene Gutachten, schaffen auf jeden Fall mehr Beschäftigung als der Bau sämtlicher gewünschten Kernkraftwerke.
Am Streit der Atompartei mit der Sparpartei hat sich die deutsche Energiepolitik einstweilen hoffnungslos verhakt. Wenn dennoch die Erfolge der Sparpartei auch im internationalen Vergleich so überragend waren, kann das eigentlich nur an dem freien Gestaltungswillen der Bürger, letztlich also an den Marktkräften liegen.
Sie brachten teils zum Nulltarif Erfolge und sie können technische Entwicklungen in Gang setzen, die neue Einsparmöglichkeiten geben: Rund sieben Prozent des gegenwärtigen Energiebedarfs der Industrie, errechnete der Essener Energiespar-Professor Klaus Meyer-Abich, lassen sich allein durch sinnvolleren Umgang mit der Energie sparen. Rund 43 Prozent seien durch herkömmliche Techniken einzusparen und 50 Prozent durch neue Technologien.
Die neuen Technologien - zu spät begonnen - sind bislang unausgereift. Die Investitionskosten etwa für Sonnenkollektoren liegen oft höher als die erreichbare Energieersparnis während ihrer Lebensdauer. Sie sind eher ein Sport für Pioniere und Tüftler, aber auch der ist notwendig: Er führt oft zu besseren, allgemein attraktiveren Lösungen.
Bei einfachen Windmühlen kann der Ertrag schon besser werden. So experimentieren norddeutsche Privatfirmen mit Windrädern, deren Stromerzeugung zwar nicht für das normale Netz geeignet ist, die aber nach dem Prinzip des Tauchsieders Wasser wärmen sollen, das in die Fußbodenheizungen der Häuser geleitet wird. Auch einfache Windräder, die Strom für das öffentliche Netz herstellen können, haben Privatunternehmen inzwischen erfunden. Sie werden auf der Nordseeinsel Pellworm erprobt.
Als besonders zukunftsträchtig sehen Fachleute die Technik der Photosynthese an: von Photozellen aus Silizium, dem am meisten vorhandenen Rohstoff der Erde. Sie können aus Sonne Gleichstrom erzeugen und sind in der Raumfahrt längst üblich. Sollten ihre Herstellungskosten eines Tages dramatisch sinken, können sie die gesamte Stromwirtschaft verändern: »Bei den Photozellen«, gibt sogar Hermann Krämer, Chef der auf Kernkraftwerke fixierten Hamburger Stromversorgungsgesellschaft NWK (Nordwestdeutsche Kraftwerke AG) zu, »liegt eine echte Chance.«
Bereits wenige Jahre Spartechnologie und Sparmethodik, verursacht durch hohe Preise, haben mehr energiewirtschaftlichen Erfolg gebracht als 25 Jahre strammer Atomkurs. Hätten die westlichen Gesellschaften schon nach der ersten Energiekrise 1973/74 ähnlich rasch reagiert, hätte die zweite kaum mehr geschehen können. Denn was konsequente Sparpolitik gebracht hätte, haben Forscher der American Physical Society vor Jahren schon ausgerechnet. Bei
* Einsatz von Wärmepumpen,
* Verbesserung des Wirkungsgrades der Kühlschränke um 30 Prozent,
* Ermäßigung des Wärmeverlustes an Gebäuden um 50 Prozent,
* Einführung der Kraft-Wärme-Kopplung in der Industrie,
* Verwendung organischer Abfälle als Brennstoff und
* Verbesserung des Wirkungsgrades der Automotoren
hätte sich der Ölverbrauch der USA um 40 Prozent vermindern lassen. In anderen Industrieländern wären die Ergebnisse ähnlich gewesen. Der Ausfall des Öllandes Iran 1979 wäre ohne Folgen geblieben, der Opec-Ölpreis hätte sich ruhig entwickelt und kein dramatischer Preisschub hätte das westliche System getroffen.
»Anstatt horrende Summen für immer höhere Ölrechnungen ins Ausland zu transferieren«, resümiert der Harvard Energie Report, »könnten wir mit dem gleichen Geld staatliche Anreize in Energiesparmaßnahmen finan zieren. Das Resultat wäre nicht nur ein höheres Bruttosozialprodukt, sondern auch eine sehr viel geringere Inflation.«
Schneller als je vermutet aber hat das westliche System dann im zweiten Anlauf - durch umgelenkte Investitionen und ungelenktes Sparen - die Macht der Opec erschüttert. Nicht einmal mit gedrosselter Ölförderung sind die Industrieländer gegenwärtig zu schrecken: Die Opec selber braucht weiterhin hohe Ölverkäufe, um zu überleben.
Die meisten Opec-Länder nämlich haben sich, verblendet durch die Milliardenflut an Petro-Dollar, ehrgeizige Investitionsprogramme aufgeladen, haben ihre Wüsten, Steppen und tropischen Wälder mit westlichem Industriekomfort verstellt, haben Betonburgen, Straßen und Flughäfen gebaut, die sie bezahlen und unterhalten müssen. Sie haben sich, freiwillig, in die Abhängigkeit vom Westen zurückbegeben, ohne es zunächst zu merken. Dabei waren gerade sie es gewesen, die den Westen vorher zum sinnvollen Umgang mit Energie gezwungen hatten und damit eine historisch bedeutende Leistung vollbracht hatten.
Von sämtlichen Opec-Ländern können inzwischen nur noch Saudi-Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indonesien ihre Ölproduktion manipulieren, ohne die eigene Finanzierungsbasis zu verlieren. Libyen, Iran, Irak, Kuweit, Nigeria, Algerien, Gabun, Venezuela und Ecuador fördern weniger, als sie fördern müßten. Die Preisbrecher Mexiko, Großbritannien und Norwegen - außerhalb der Opec - sind dagegen nicht allein auf Ölexporte angewiesen.
Der Spielraum des Ölkartells begrenzt sich damit auf wenige Millionen Barrel pro Tag. Die Gefahr weiterer Preisrückgänge bleibt, die Ölschwemme kann noch längere Zeit dauern. Sie kann es, muß es aber nicht.
Denn ebenso schnell wie das marktwirtschaftliche System auf zu hohe Preise kann es auf zu niedrige reagieren. Ein weiterer Preisverfall des Opec-Öls, warnt etwa Ulf Lantzke von der Internationalen Energie Agentur in Paris, kann den Sparwillen der Verbraucher rasch wieder brechen, die Entwicklung von Alternativ- und Spartechnologien bremsen und zur nächsten Energiekrise führen.
Der Sieg von 1982 wäre dann die Niederlage von 1984.
S.115Primärenergie ist der Verbrennungswert der für die Energieerzeugungeingesetzten Grundstoffe wie Kohle, Öl, Uran. Die durch Umwandlungdieser Stoffe entstehenden Produkte (Heizöl, Benzin, Strom) werdenEndenergien genannt. Die Differenz zwischen beiden Werten sind dieUmwandlungsverluste. Sie sind beim Strom am höchsten.*S.119Deutsche Ausgabe: Harvard Energie Report. C. Bertelsmann Verlag1980; 494 Seiten; 29,80 Mark.*