RUSSLAND Spiel mit der Firma
In den Offerten der Makler wimmelt es von Superlativen. Das andalusische Sotogrande, nahe der Grenze zwischen den spanischen Provinzen Cádiz und Málaga, sei »eine kleine Welt für sich": eine per Schlagbaum geschützte Villenstadt mit Yachthafen am Mittelmeer, Poloklub, nahem Surfstrand und dem berühmten Valderrama-Golfplatz, auf dem die Weltelite 1999 ihre Meisterschaft austrug. Kurzum: »Hier spürt man den Lebensstil der Reichen und Berühmten.«
Ganz besonders in der kleinen Seitenstraße, die nach König Philipp II., Sohn Kaiser Karls V., benannt worden ist. Nummer 19 ist der Blickfang, eine mehrflügelige Villa, die sich »El Crucero« (Der Kreuzer) nennt. Der schmiedeeiserne Zaun wird von Buchsbäumen gesäumt, Hibiskus und Bougainvillea wachsen über die Mauern, unter Palmen plätschert ein Wasserfall.
536 Quadratmeter Wohnfläche bietet das Anwesen, das Grundstück ist fast siebenmal so groß. Die letzten Besitzer haben 1,4 Millionen Peseten Monatsmiete gezahlt, rund 22 000 Mark. Das war vor zehn Jahren, inzwischen sind die Preise explodiert. Bedienstete wienern mehrere BMW und einen Mercedes-Bus, doch die Fenster der gelb getünchten Villa sind mit braunen Holzläden verschlossen: Der Hausherr scheut die Öffentlichkeit.
Das ist ganz im Sinne der Polizeibeamten, die vor der Villa Wache schieben. Sie sollen verhindern, dass ihr Schutzbefohlener eigenmächtig das Anwesen verlässt - Wladimir Gussinski, 48, Moskauer Medienzar, Ziehvater der einzigen unabhängigen Fernsehstation in Russland, Inhaber eines Radiosenders und eines Satellitenkanals sowie mehrerer Zeitungen.
Seit dem 12. Dezember, seit der Rückkehr von einer Reise nach Großbritannien, ist der Unternehmer ein unfreier Mann. Er war im nahen Gibraltar gelandet, hatte sich nach Sotogrande fahren lassen und den Fernseher angestellt - da klingelten vier spanische Polizisten und nahmen ihn mit. Über Interpol hatte Russlands Generalstaatsanwalt einen Haftbefehl erwirkt. Begründung: Gussinski, einer der reichsten Männer Russlands, habe Kreditbetrug verübt - es geht um 300 Millionen Dollar.
Bis zum 21. Januar muss Spanien darüber befinden, ob es Gussinski für einen politisch Verfolgten oder schlicht für einen Wirtschaftskriminellen hält. Entscheidet Madrid sich für die zweite Variante, müsste der Russe nach Moskau expediert werden. Damit wäre der Kreml in seinem eineinhalbjährigen Bemühen, Gussinskis regierungskritische Medien-Holding auszuschalten, einen Schritt weiter - vor Weihnachten leiteten die Steuerbehörden bereits ein Konkursverfahren gegen seinen Fernsehsender NTW ein.
Gussinski-Anwalt Genri Resnik traut den Spaniern nicht, böse Anzeichen gibt es genug. Richter Baltasar Garzón, bekannt geworden durch seinen Haftbefehl gegen den chilenischen Ex-Diktator Pinochet, ließ den Russen ins überfüllte Madrider Gefängnis »Soto del Real« stecken, nicht etwa in den VIP-Knast »Alcalá-Meco«, wo Banker und Politiker gewöhnlich einsitzen.
Schlimmer noch: Gussinski, Besitzer eines russischen und eines israelischen Passes, ist Steuerbürger der britischen Kolonie Gibraltar - keine Empfehlung in den Augen der Spanier, die den Felsen noch immer als von London geraubtes Gebiet ansehen und dessen Bewohner durch tägliche Grenzschikanen unter Druck setzen.
Als in der Woche vor Weihnachten sämtliche Chefredakteure der Gussinski-Medien in Madrid anreisten und Spanien öffentlich baten, der »Erpressung« durch die Kreml-Führung keinen Vorschub zu leisten, bekamen sie nicht einmal per Handy zu ihrem Arbeitgeber Kontakt.
Anwalt Resnik hatte seinen Mandanten auch ausdrücklich davor gewarnt, nach Spanien zurückzukommen, »das wenig vertraut« sei mit demokratischen Prinzipien: »Es kam, was kommen musste«, resignierte Resnik nach dessen Festnahme.
Womöglich hat sich Gussinski überschätzt. Der begnadete Spieler, der das Talent eines Händlers mit dem eines Schauspielers vereint, mischte seit Jahren im Intrigenspiel der Moskauer Machtelite mit - unter Ausnutzung alter Beziehungen zum Geheimdienst FSB. Das sei ein gefährliches Terrain, hatte Alexander Lebedjew, Direktor der Nazionalny Reservny Bank in Moskau, selbst Oberst a. D. der Auslandsaufklärung, gewarnt: »Wladimir, du pokerst hoch, das kann schief gehen.«
Der hatte, ganz nach dem Vorbild des alten KGB, in seiner Holding Media-Most einen eigenen Sicherheitsdienst und eine »Analyseabteilung« aufgebaut. Geleitet wird sie von Filip Bobkow, zu Sowjetzeiten Chef der für die Unterdrückung der Opposition zuständigen fünften Hauptverwaltung des KGB. Neben Bobkow dienen in der Most-Sicherheitsstruktur, die auf 1200 Mitarbeiter geschätzt wird, etwa 50 weitere hochrangige Ex-KGB-Offiziere.
Das KGB selbst war als Förderer an Gussinskis Karriere beteiligt. Der junge Theaterregisseur, als »zuverlässig« eingestuft, durfte die Dramaturgie bei den kommunistischen »Weltfestspielen der Jugend und Studenten« 1985 in Moskau übernehmen.
In den wilden neunziger Jahren nutzte er seine und Bobkows Verbindungen zu KGB-Kadern in Intrigenspielen, etwa als sein Konkurrent, der Finanzmogul Boris Beresowski, 1996 zum Vizesekretär des russischen Sicherheitsrats avancierte. Als Gussinskis Bündnispartner gilt seither der damalige Chef des Föderalen Sicherheitsdienstes (FSB), Nikolai Kowaljow.
Der frühere Bobkow-Untergebene hatte Ermittler auf die Spur gesetzt, Beresowskis dubiose Finanzpraktiken zu durchleuchten. Der aber erreichte durch seinen Einfluss am Hofe Boris Jelzins im Juli 1998 die Absetzung Kowaljows. Als Nachfolger an der FSB-Spitze ernannte Jelzin den damals wenig bekannten Obristen Wladimir Putin.
Besonderen Argwohn der Geheimpolizisten, deren Jagdinstinkt Putin zunehmend neu belebt, rief der Umstand hervor, dass Gussinski seine Sicherheitsleute in Israel schulen ließ - wo er Anteile an der Zeitung »Maariv« besitzt. Das weckte bei den KGB-Nachfolgern den Verdacht, die Most-Sicherheitsgruppe kooperiere mit dem israelischen Geheimdienst Mossad.
Nun könnte Moskau nicht nur Gussinskis ungeliebte Sender zum Schweigen bringen, sondern gleich noch dessen Sicherheitsimperium liquidieren. Doch zu Weihnachten landete der Medienzar zwei Punktsiege. Zehn Tage nach seiner Festnahme konnte er gegen Zahlung einer Kaution von umgerechnet zwölf Millionen Mark das Gefängnis vorerst verlassen, offenbar auf amerikanischen Druck - Gussinski ist Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses. Ein Moskauer Gericht sprach ihn Dienstag voriger Woche gar vom Betrugsvorwurf frei, die Generalstaatsanwaltschaft kündigte sofort Berufung an.
Auf den Beistand seiner Landsleute kann Gussinski kaum rechnen. Bei seiner ersten Verhaftung, vorigen Juni in Moskau, hatte Russlands liberale Intelligenz noch gegen die »Willkür des Kreml« protestiert. Diesmal blieb es daheim merklich still. Gussinski weiß auch, warum. In Russland liebe man ihn nicht, hatte er jüngst der spanischen Zeitung »El País« anvertraut, dort liebe man »überhaupt keine Reichen, schon gar nicht, wenn sie Juden sind«.
Gussinski-Stellvertreter Igor Malaschenko sieht nur einen Ausweg: Sein Chef müsse Spanien um politisches Asyl bitten.
UWE KLUSSMANN, CHRISTIAN NEEF
Vom Tycoon zum Gejagten
* DER AUFSTIEG
1989 Gründung der Most-Bank, später Aufbau eines Medienimperiums, vermutetes Vermögen: 400 Millionen Dollar.
* DER FALL
Im März 2000 verhindert der Kreml die Rettung des verschuldeten Medienkonzerns, im Juni erste Verhaftung Gussinskis, später Flucht nach Spanien.