POST / TELEPHONBÜCHER SpinDep
Der Oberpostdirektion Braunschweig ist in diesem Herbst das Kunststück gelungen, den Umfang ihres »Amtlichen Fernsprechbuches« trotz gestiegener Teilnehmerzahl von bisher 282 Seiten auf 194 Seiten zu reduzieren - was freilich dazu geführt hat, daß sich etwa ein geistlicher Würdenträger namens Meier künftighin als Sup Meier bezeichnen lassen muß. Sup steht - im »Amtlichen Fernsprechbuch« für den Bezirk der Oberpostdirektion Braunschweig - an Stelle von Superintendent.
Die Oberpostdirektion ist der Meinung, daß die Bezeichnung »Sup« für einen geistlichen Herrn durchaus angängig sei. Erläutert sie auf einem Handzettel, der dem Fernsprechbuch beigegeben ist: »Die Abkürzungen ... sind z.T. schon seit langer Zeit üblich und bekannt. Soweit neue Abkürzungen eingeführt worden sind, haben wir diese so gewählt, daß sie allgemeinverständlich sind.«
Daß die sogenannten Teilnehmereinträge durch Verwendung von Abkürzungen für die Berufs-, Geschäfts- und Wohnungsangaben so knapp wie möglich gehalten werden würden, war den Fernsprechern im Bereich der OPD Braunschweig schon im Juni angekündigt worden; daß zum Verständnis der Post-Kürzel eine zweiseitige Gebrauchsanweisung notwendig geworden ist, hat die Mehrzahl der Fernsprechteilnehmer verblüfft.
Die Post begründet ihre Aktion auf einleuchtende Weise. Voraussichtlich 1960 sollen die Fernsprechbücher von Hannover und Braunschweig im Zuge der Ausweitung des Selbstwählferndienstes zu einem Buch vereinigt werden. Ähnliche Zusammenlegungen sind auch für das übrige Bundesgebiet geplant. Der Bundespostminister hat eigens einen »Buchausschuß« eingesetzt, der mit dem Deutschen Industrie- und Handelstag die Geltungsbereiche der Bücher absprechen soll.
Die Oberpostdirektion Braunschweig hat nun vorexerziert, wie der Inhalt dieser Bücher beschaffen sein muß, wenn sie nicht das Format eines Brockhaus-Lexikons annehmen sollen: »Um dieser Entwicklung (zum unhandlichen Wälzer) entgegenzuwirken, haben wir ... die zur Verminderung des Umfanges erforderlichen Maßnahmen getroffen« Erläutert der Braunschweiger Fernmeldeoberinspektor Günter Räke: »Wir sind eben sehr modern.«
In dem hochmodernen Fernsprechbuch lesen die Teilnehmer hinter ihrem Klarnamen nun Formeln wie Arch, Hot und Doz, was Architekt, Hotel und Dozent zu bedeuten hat. Auch vor Zusammenziehung mehrerer Abkürzungen wird nicht zurückgeschreckt. Oberinspektor Räke: »MetW heißt nicht etwa Mettwurst, sondern Metallwaren.« KolWLdsProd weist auf ein Unternehmen hin, das sich mit Kolonialwaren und Landesprodukten befaßt; Spin-Dep würde Spinnereidepot heißen.
Klartext im Familienkreis
»Wir haben dem Volk aufs Maul geschaut«, versichert Oberinspektor Räke, dem die Braunschweiger Fernsprechbuchfassung zuzuschreiben ist. »Wenn Ihre Frau zum Bäcker geht, dann sagt sie auch nicht: 'Ich gehe jetzt zu Gotthold Emanuel Schulze, Bäckermeister, Herstellung feiner Backwaren'; sie sagt einfach: 'Ich gehe jetzt zu Bäcker Schulze'.« Aus Bäckerei- hat Räke einfach Bäck gemacht. »Bäck kann doch nur Bäckerei heißen. Was soll es denn anders heißen?« Räke gibt zu, sein Fernsprechbuch mute »im ersten Moment wie Zungensalat« an - zumal auf sämtliche Interpunktionszeichen verzichtet worden ist. Zu Hause jedoch hat Räke einige Fahnenabzüge des Buches seiner Familie überreicht und sich im Klartext vorlesen lassen. »Was soll ich Ihnen sagen, es hat prima funktioniert.«
Der Fernmeldeoberinspektor, der keinen privaten Telephonanschluß besitzt - er wäre sonst wohl als FmObInsp aufgeführt -, ist zuversichtlich, daß die Fernsprechteilnehmer sich mit den Kurzeintragungen abfinden werden. Denn: »Ein amtliches Fernsprechbuch ist kein Gotha des deutschen Handwerks, keine Promotionsliste und kein Warenverzeichnis. Man muß das Ding doch wenigstens noch in einer Hand halten können.«
Tatsächlich sind von den rund 55 000 Fernsprechteilnehmern bisher erst etwa dreißig Beschwerden über das neue Buch eingegangen; und ein Vertreter der Industrie- und Handelskammer Braunschweig hielt es für wenig denkbar, daß eine ernsthafte Opposition aus der Wirtschaft zu erwarten sei. »Wir fordern Rationalisierung noch und noch, und wenn dann wirklich mal rationalisiert wird, können wir nicht gleich am nächsten Tag sagen: Das ist Käse.«
Einige Verbesserungen hält allerdings auch Oberinspektor Räke noch für nötig. So haben sich die Rationalisierungs-Bemühungen der Post bei dem Vermerk der Rufnummer der Braunschweiger Paketannahme auf die Weglassung eines einzigen Buchstabens beschränkt. Statt »Paketannahme« steht im neuen Fernsprechbuch »Paketannahm«. Gibt Räke zu: »Das ist natürlich Blödsinn«