SPIONAGE - DER SPIEGEL
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Briefe

SPIONAGE
• aus DER SPIEGEL 11/1954
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIONAGE

(Nr. 8/1954)

Ihr Herausgeber, Herr Rudolf Augstein, hat es in seinem »Lieber SPIEGEL-Leser« großartig verstanden, auf die nun in Nr. 9/1954 angelaufene Spionage-Serie »Aus dem Kriegstagebuch eines Sowjet-Spions« neugierig zu machen und gleichzeitig dabei die üblich gewordene Überschätzung der Spionen-Arbeit auf das rechte Maß zurückzuführen. Sicherlich verläuft die Tätigkeit der Geheimdienste meist nicht so sensationell, wie es von glühender Phantasie übererregte Drehbuchautoren und Tatsachenberichtler einem staunend-gläubigen Publikum einreden möchten. Doch sollten deswegen die dokumentarisch belegbaren Erfolge des Nachrichtendienstes nicht geschmälert werden. Denn es gibt Schlachten, die es dem Nachrichtendienst zu danken haben, daß sie in Siege verwandelt wurden. Als zum Beispiel Prinz Eugen, der »edle Ritter«, im Jahre 1717 Belgrad belagerte, kamen die Türken den Belagerten mit einem Entsatz-Heer zu Hilfe. Eugen geriet in eine verzweifelte Lage, der Feind war in großer Übermacht, die tödliche Einkreisung schien unvermeidlich. Da, im letzten Augenblick, kam die siegbringende Meldung:

Am einundzwanzigsten August soeben
Kam ein Spion bei Sturm und Regen,
Schwur's dem Prinzen und zeigt's ihm an,
Daß die Türken furagieren,
Soviel als man kunnt verspüren,
An die dreimal hunderttausend Mann ...

Dieser im Lied besungene Spion war der Obristleutnant Karel Grujevac, ein Kroate, der mehr als zwanzig Jahre im Stab des Prinzen als Nachrichtenoffizier diente. Sooft er auch hinter die feindlichen Linien ging, erwischt wurde er nie. Die Angaben dieses Grujevac nun bestimmten den Schlachtplan. Prinz Eugen siegte. Der Krieg war beendet, die Türken aus Mitteleuropa abgeschlagen. Was wäre geschehen, wenn Eugen diesen Grujevac nicht gehabt oder dessen Angaben nicht geglaubt hätte? Vielleicht sähe die Geschichte Europas heute ganz anders aus.

Auch der Ausgang der Schlacht bei Sedan am 2. September 1870 wurde durch die Meldung eines Nachrichtenmannes und ihre geniale Auswertung durch Generalfeldmarschall von Moltke siegreich entschieden. Moltke hatte Metz eingeschlossen und marschierte auf Paris. Sein strategischer Gegenspieler, MacMahon, der Moltke in diesem Marsch hätte aufhalten können, weicht in kühnem Entschluß nach Norden aus, will in entgegengesetzter Richtung wie die Preußen marschieren, Metz und die dort eingeschlossenen französischen Streitkräfte unter Marschall Bazaine entsetzen und so Moltke in die Zange nehmen. Diesen Plan durchschaute Moltke, nachdem ihm ein in Paris als Beobachter tätiger preußischer Generalstabsmajor via Preußische Gesandtschaft in London hatte mitteilen lassen, daß sich Napoleon III. zu MacMahon nach Sedan begeben habe. Diese streng geheimgehaltene Reise des französischen Kaisers hatte der preußische Major, der seit zwölf Jahren, als Juwelier getarnt, in Paris lebte und es sogar verstanden hatte, Hoflieferant zu werden, von der in Paris zurückgebliebenen Gemahlin Napoleons III.,

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