Splitter im Hintern - DER SPIEGEL
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Supermächte Splitter im Hintern

Kümmerliche Wirtschaftshilfe, aber starke Worte für die Moskauer Zentrale: Angst vor dem Zerfall der UdSSR einte die Gipfelpartner Bush und Gorbatschow.
• aus DER SPIEGEL 32/1991
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Schwärmerischen Ausblicken in die Zukunft erklärtermaßen abgeneigt, hatte der Präsident der USA eine Vision. Schon bald, trug George Bush im Institut für internationale Beziehungen am Südwestrand von Moskau vor, würden Tausende US-Studenten ins ehemalige »Reich des Bösen« (Amtsvorgänger Ronald Reagan) ausschwärmen, um »Ihre Vergangenheit zu erforschen und mit Ihnen zusammen die Zukunft zu erleben«.

Von der sowjetischen Gegenwart war nicht die Rede.

Der explosiven Misere beim zum Partner geläuterten Super-Feind von gestern begegnete der amerikanische Präsident wie einer, der unerschütterlich hofft, es werde schon nicht so schlimm kommen. Dem internationalen Sozialfall Sowjetunion bleibe, so die Washingtoner Illusion, noch immer genügend _(* Gorbatschow, Bush, Barbara Bush, ) _(Raissa Gorbatschowa, Jelzin am vorigen ) _(Dienstag im Kreml. ) Zeit, sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Was Bush den Sowjets als Morgengabe mitbrachte, den 1951 während des Koreakriegs gestrichenen Meistbegünstigungsstatus für sowjetische Exporte in die USA, kann der zusammenbrechenden Wirtschaft jedenfalls in nächster Zukunft nicht aufhelfen: Moskau hat kaum noch etwas anzubieten, was im Westen loszuschlagen wäre.

Das sowjetische Sozialprodukt verringerte sich im ersten Halbjahr 1991 um zehn Prozent. Für das ganze Jahr rechnen Moskaus oberste Planbehörde, die Weltbank und die CIA einträchtig mit einem noch weit größeren Verfall.

Zwar meinen US-Wirtschaftsexperten, die besseren Zoll- und Steuerkonditionen für Waren aus der UdSSR könnten zu einer Verdoppelung oder gar Verdreifachung der Importe aus der Sowjetunion führen. Doch gegenwärtig geht lediglich ein Prozent des sowjetischen Exports in die USA, weniger als nach Finnland oder nach Italien. Wert der Ausfuhren nach Amerika 1990: 1,1 Milliarden Dollar - ein Drittel für Silber und Platin, ein Drittel für Wodka, Kaviar und Pelze und ein weiteres für Erdöl, dem Washington jedoch schon seit langem Meistbegünstigungstarife eingeräumt hat.

Setzt sich der Niedergang fort, so wird Moskau seinen wertvollsten Rohstoff schon bald selbst importieren müssen: Bereits im vergangenen Jahr fiel die Ölproduktion um sechs Prozent, bis 1995 rechnen sowjetische Experten noch einmal mit Einbußen in gleicher Höhe.

»Während die Menschen hier nicht wissen, ob sie im nächsten Winter noch genug zu essen haben werden«, bemerkte ein US-Diplomat mit langjähriger Sowjetunion-Erfahrung, »wird bei uns noch immer über die Frage gestritten, ob wir auf Gorbatschow und die Erhaltung einer Rumpf-UdSSR setzen sollen oder besser auf den Zerfall und den Nationalismus der Republiken.«

Zwei Tage vor Gipfelbeginn ließ Bush einen seiner engsten Mitarbeiter erklären: »Die Sowjetunion kann zusammenbleiben oder auseinanderfallen. Wir wollen uns da raushalten. In dieser Frage werden wir so lange auf dem Zaun sitzen bleiben, bis wir Splitter im Hintern haben.«

Sorgfältig bemühte sich der US-Präsident, mit Hilfe des Gipfelprotokolls die Balance zu wahren: Zwar war eine Ansprache vor dem Parlament der Ukraine (mit kommunistischer Abgeordnetenmehrheit) vorgesehen, um die viel eher absprungbereiten Republiken im Kaukasus und im Baltikum aber sollte er - ganz Vorsicht - einen weiten Bogen machen. Es galt, weder die Moskauer Zentrale noch die nach Unabhängigkeit strebenden Republiken zu verprellen.

Wiederholt ließ Bush seinen Gastgeber Gorbatschow als großen Mann hochleben, der »Respekt und Bewunderung« verdiene. Aber der von den Sowjets erhoffte »Go East«-Aufruf an die amerikanische Wirtschaft blieb aus. »Uns hätte schon gereicht«, klagte ein Moskauer Reform-Ökonom nach Bushs Abreise, »wenn er seine früheren Kapitalisten-Kollegen ermuntert hätte, in unserem Fall ausnahmsweise einmal langfristigen Gewinnerwartungen den Vorzug zu geben.«

Auf die unübersichtlichen Machtverhältnisse der sowjetischen Innenpolitik, in der, so der Gast, »an jedem Tag neue Allianzen entstehen«, reagierte Bush mit einem risikolosen Orakel: »Amerika steht zu den Kräften von Freiheit und Reform, wo immer sie sich finden.«

Rußlands Präsident Boris Jelzin demonstrierte als erster seine Autorität aus eigenem Recht und erzwang eine fast einstündige Bush-Audienz, obwohl das Programm ursprünglich nur zehn Minuten vorgesehen hatte. Störrisch war der bullige Ex-Kommunist einer erweiterten Verhandlungsrunde mit den Amerikanern ferngeblieben, zu der Gorbatschow ihn eingeladen hatte. Das war seine Art, dem Besucher den Machtzerfall der zentralen Sowjetinstitutionen vorzuführen.

Im Nachrichtenkanal CNN begründete er seinen Eigensinn: Gorbatschow sehe »viele Delegationen, viele Präsidenten«, und er, Jelzin, sei nicht »verpflichtet, an diesen Verhandlungen teilzunehmen« - zumal »diese Delegationen und Führer sich sowieso auch mit mir treffen«.

Später beim Staatsdiner im Kreml spielte Jelzin weiter den Selbstbewußten: In die an Michail Gorbatschow und Frau Raissa vorbeidefilierende Schlange mochte er sich nicht einreihen. »Ich muß mich nicht anstellen«, verschmähte er gegenüber einem Vertrauten die Hauptbeschäftigung seiner Mitbürger, »ich bin selbst ein Präsident.« Lieber wartete er vor dem Eingang, bis ihm Späher das Ende des Vorbeimarschs meldeten.

Am Beispiel des ehemaligen Außenministers und heutigen Oppositionspolitikers Eduard Schewardnadse konnten die US-Besucher ebenfalls miterleben, wie rasch die Moskauer Verhältnisse zwischen Kooperation und Konfrontation schwanken können. Als Schewardnadse zum Gastmahl im Kreml-Facettenpalast erschien, bemerkte Präsidentengattin Raissa ebenso liebenswürdig wie spitz: »Eduard Amwrossijewitsch, wir haben Sie ja schon lange nicht mehr gesehen; warum besuchen Sie uns nicht wieder einmal?«

Der Machtkampf wird nicht nur mit Nadelstichen ausgetragen. In der Provinz versuchten Gorbatschow-Gegner, die Gipfel-Eintracht der beiden Supermacht-Führer mit blutigen Provokationen zu stören: Im Kaukasus explodierten Bomben; in Medininkai, an der Grenze zwischen Litauen und Belorußland, ermordeten Unbekannte bei einem Überfall sieben litauische Grenzwächter.

Der nach fast zehnjährigem zähen Ringen unterschriftsreife Start-Vertrag, die gemeinsame Erklärung zum Zerfall Jugoslawiens, der Schulterschluß für eine Friedenskonferenz im Nahen Osten - die ganze mühsam präparierte außenpolitische Gipfelbilanz drohte unter den Schlagzeilen aus dem Baltikum begraben zu werden.

Beide Präsidenten gerieten unter Druck von rechts: Die mit hohen Militärs durchsetzte Großmachtfraktion der KPdSU hatte ohnehin schon gemurrt, Bush führe sich bereits wie der Herr im sowjetischen Hause auf und demütige Staat wie Staatschef. Nun meldeten sie angebliche Erkenntnisse, wonach die CIA in Medininkai mitgeschossen habe, um dem litauischen Präsidenten Vytautas Landsbergis einen separatistischen Durchbruch zu ermöglichen.

Im Bush-Lager dagegen wurden Stimmen laut, »auf Irak-Kurs zu gehen«, so ein US-Delegationsmitglied, »und prinzipienfest zu bleiben": Beim Grenzzwischenfall, wollten amerikanische Geheimdienstler wissen, habe die Moskauer Zentrale die Hand im Spiel gehabt - er gehe nachweislich aufs Konto der Sondereinheiten des konservativen Vize-Innenministers und Afghanistan-Generals Boris Gromow.

Die Krise konnte vermieden werden: Gorbatschow zog die Untersuchung an sich und versprach eine strenge Bestrafung der Täter; Bush erklärte öffentlich, es sei »unfair«, die Bluttat ungeprüft mit den politischen Auseinandersetzungen zwischen Moskau und Vilnius in Verbindung zu bringen.

Die Schüsse von Medininkai und das Dilemma seines Gipfelpartners verführten den Gast aus Washington am Ende sogar dazu, die vorsichtige Neutralität gegenüber den sich befehdenden Machtzentren in der Sowjetunion aufzugeben. Ursprünglich sei der amerikanische Präsident entschlossen gewesen, streuten Mitglieder der US-Delegation, sich bis zum Rückflug nach Washington nicht zum Machtkampf zwischen Moskau und den Republiken zu äußern. Nun gab Bush die Zurückhaltung auf.

In Kiew, wo nationalistische Demonstranten mit Plakaten wie »Die UdSSR ist ein Werk des Teufels« aufmarschiert waren, ergriff Bush zugunsten seines Partners Partei: »Selbstmörderischer Nationalismus« könne nicht auf US-Unterstützung rechnen, Freiheit sei nicht »dasselbe wie Unabhängigkeit«.

Vor den ukrainischen Parlamentariern warb Bush für Gorbatschows neuen Unionsvertrag, den drei von neun Republiken (Rußland, Kasachstan und Usbekistan) schon am 20. August unterzeichnen wollen. Der »Weg in die Isolation« dagegen sei »hoffnungslos«. Er jedenfalls werde an »den bestmöglichen Beziehungen zur Regierung des Präsidenten Gorbatschow« festhalten.

Die freundlichen Worte zugunsten der Moskauer Zentrale, Bushs bedeutsamstes Gastgeschenk, entsprangen einer Furcht, die beide Präsidenten eint: Die kaum noch beherrschbaren Nationalitätenkonflikte der Sowjetunion könnten bei einem endgültigen Zerfall in offene Kriege umschlagen; die südlichen, von Moslems bewohnten Sowjetrepubliken könnten ins Lager islamischer Fundamentalisten abdriften.

»Wir müssen heute die Schwäche einer auseinanderfallenden Sowjetunion mehr fürchten als einen monolithischen Staat«, erkannte Arnold Horlick, Sowjetspezialist der Rand Corporation aus Kalifornien. »Wovor wir wirklich Angst haben, das ist ein Jugoslawien mit Kernwaffen.«

Schewardnadse warnte gar, Chaos und Hunger könnten in eine Diktatur führen - und die in einen dritten Weltkrieg.

* Gorbatschow, Bush, Barbara Bush, Raissa Gorbatschowa, Jelzin amvorigen Dienstag im Kreml.

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