Spontane Eingebung - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 51 / 97

NORWEGEN Spontane Eingebung

Erstmals in Skandinavien ist eine Frau Premier geworden. Doch sie wird wohl nur einige Monate regieren.
• aus DER SPIEGEL 7/1981
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich bin darauf vorbereitet«, sinnierte Odvar Nordli, 53, als er bei Kaffee und Kuchen seine fünfjährige Amtszeit als Norwegens Ministerpräsident feierte, »daß meine Arbeitstage ein abruptes Ende nehmen können.«

Drei Wochen später war es so weit: Die in Oslo regierende sozialdemokratische Arbeiterpartei ließ den Premier, vorgeblich aus Gesundheitsgründen, aufs politische Altenteil ziehen. Daß er zurückzutreten gedenke, hatte der überraschte Nordli Stunden zuvor dem sozialdemokratischen Pressedienst entnommen.

Gleichwohl zeigte Nordli sich »glücklich und stolz«, als er seinem Nachfolger die Büroschlüssel übergab: »Dies ist ein historischer Augenblick für Norwegen und alle nordischen Staaten.«

In der Tat. Denn Nordli-Nachfolgerin Gro Harlem Brundtland, 41, ist Norwegens bislang jüngster Regierungschef und die erste Frau, die in Skandinavien an die Regierungsspitze kam.

Die Mutter von vier Kindern, Ärztin, Umweltschützerin und engagierte Feministin, galt schon seit Jahren als eine Politikerin, die durch Fähigkeit, Ehrgeiz und Popularität für den Chefsessel qualifiziert war.

Gro, wie die Ministerpräsidentin von Norwegens Fernsehen und Presse einfach gemacht wird, entstammt einer Osloer Arzt-Familie, die traditionell sozialdemokratisch war. Ihr Vater Gudmund Harlem brachte es bis zum Sozial- und Verteidigungsminister.

Dem Vater hatte sie es wohl zunächst zu verdanken, daß der damalige Premier Bratteli, ein Freund ihres Vaters, 1974 die gerade 36jährige Kinderärztin als Minister für Umweltschutz in sein Kabinett holte.

Beim Übergang Norwegens zu einem Erdölland stellte gerade dieser Posten hohe Anforderungen. Gro Brundtland nahm ihre Aufgabe, die Umwelt zu schützen, fünf Jahre lang mit einer Entschlossenheit wahr, die ihr weder bei der Industrie noch bei den Gewerkschaften sonderliche Sympathien eintrug. Sie wurde als schulmeisterlich gescholten, in der Bevölkerung aber als willensstark bewundert.

1979 verließ sie, inzwischen Parlamentsabgeordnete und stellvertretende Parteivorsitzende, die Regierung: Im Storting, dem Parlament, übernahm sie zusammen mit ihrem Mentor Bratteli S.136 die Führung der sozialdemokratischen Fraktion, wurde Vorsitzende des Außenpolitischen Parlamentsausschusses.

Als Lehrjahre, als Vorbereitung auf das höchste Regierungsamt interpretierten Oslos Massenmedien Gro Brundtlands Rückzug ins Parlament. Der Lernprozeß aber wurde unterbrochen, kaum daß er richtig begonnen hatte.

Denn nach fünf Jahren Regierung Nordli, der ein phantasie- und entscheidungsschwacher Ex-Revisor ist, scheint Norwegens Arbeiterpartei am Ende, sind die Sozialdemokraten unter sich so zerstritten, daß ihnen Mitglieder und Wähler scharenweise davonlaufen.

Bei den letzten Parlamentswahlen 1977 war die Arbeiterpartei noch mit 42,3 Prozent der Stimmen als mit Abstand stärkste Fraktion in den Storting eingezogen. Doch seitdem geht's bergab. Nach jüngsten Meinungsumfragen bringen es die Sozialdemokraten zusammen mit ihren Verbündeten gerade noch auf klägliche 39 Prozent; die Konservativen hingegen, die gemeinsam mit der Christlichen Volkspartei und dem Zentrum gern die Regierung bilden möchten, haben für ihr Politkartell derzeit eine Unterstützung in der Bevölkerung von über 50 Prozent.

Und im September stehen Wahlen an -- bei zunehmend schlechter Wirtschaftslage, bei über zehn Prozent Inflation. Das dürfte die seit den 30er Jahren fast ständig regierenden Sozialdemokraten weitere Stimmen kosten. Als die Regierung vorigen Monat entschied, Waffendepots für die Amerikaner in Mittelnorwegen einzurichten, verprellte sie, das ist sicher, Zehntausende linker Wähler. Böses Gerangel innerhalb der Arbeiterpartei um Führungspositionen und Pfründen verschreckte selbst treue Mitglieder.

Wegen dieser Zustände mußte Nordli gehen; Gro Brundtland mußte kommen: Gefragt ist vor allem die Popularität der »grünen Gro«, wie sie genannt wird. Denn über die Grenzen ihrer Partei hinaus wäre nur sie in der Lage, Wähler für sich zu mobilisieren -- und damit für die Arbeiterpartei. Dieser Erkenntnis konnten sich denn auch der Parteivorstand, der lieber den rechten Umweltminister Rolf Hansen, 60, als Premier gehabt hätte, und die Gewerkschaften, denen Gro Brundtland mit ihrer Umweltpolitik zu progressiv war, nicht verschließen.

Einstimmig wurde die Ärztin, verheiratet mit einem einflußreichen Mitglied der Konservativen Partei, von den Sozialdemokraten vorige Woche zur Nordli-Nachfolgerin bestimmt -- als Übergangslösung, als Retter in hoher Gefahr.

Zufall wohl nur, daß Frau Brundtland in einem ihrer ersten Interviews als Premier anmerkte, ihre Leitgestalt sei »neben Golda Meir die Jeanne d'Arc: Das war nur so eine spontane Eingebung«.

»Die Ernennung von Gro Brundtland ist eine Inspiration für die Arbeiterpartei«, schrieb der konservative »Morgenbladet«. Ob diese Inspiration der Arbeiterpartei im Endeffekt helfen kann, erscheint zweifelhaft -- den Sturz mildern, bestenfalls.

Zur Ausgabe
Artikel 51 / 97

Mehr lesen über