SPRACHFEHLER
Ihr Bericht über die Sprachgrenze in Belgien simplifiziert die verwickelte Lage. Nicht Flämisch ist nämlich die Amtssprache der Flamen, sondern Niederländisch. Freilich, die Kultur- und Spracheinheit von rund 16 Millionen Menschen in Holland und Flämisch-Belgien, zu denen sich im weiteren Sinne noch zirka drei Millionen Südafrikaner rechnen lassen, wird in Deutschland weitgehend ignoriert. Gewiß sprechen etwa dreimal soviel Menschen die Weltsprache Französisch, doch war bis zur Verselbständigung (Niederländisch-) Ostindiens auch das Niederländische eine »kleine« Weltsprache. Ein leidiges Problem ist der Denationalisierungsprozeß mit seinen negativen Folgen wie: gesellschaftliche Sprachschranke, ständiger nationaler Energieverlust, Volksspaltung, Entchristlichung. Der Sprachwandel - vom autochthonen flämischen Volksdialekt zur französischen Hochsprache - geht mit dem gefürchteten Mentalitätswandel einher. Am Ende dieses Prozesses steht der »Francophone«, der auch dem Flamen- oder Deutschtum des Landes nicht selten intolerant gegenübertritt. Selbstverständlich hebt er sich dann vom »Volk« (oft in Ermangelung anderer Qualitäten) schon durch die Sprache ab. Dieser Aderlaß am Flamentum geschah nicht ohne amtliche Duldung und Förderung.
Der östliche Nachbar der Flamen verstärkt diese Entwicklung. Deutsche Partner Belgiens behandeln das ganze Land einfach als ein französisch sprechendes Gebiet. Der Hauptgrund hierfür ist, daß das Niederländische noch nicht zum unabhängigen deutschen Examens- und Schulfach emanzipiert ist. Das sollte aber zumindest im Grenzraum zwischen Aachen und Emden der Fall sein. Man darf gespannt sein, wie das propagierte europäische Verständigen mit den Nachbarn, die uns am nächsten stehen, unter Ausklammerung des kulturell-sprachlichen Sektors vor sich gehen soll.
Bad Godesberg H. J. KEMPEN