SPRINGERS WELT - DER SPIEGEL
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Artikel 34 / 56

Briefe

SPRINGERS WELT
• aus DER SPIEGEL 39/1958
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPRINGERS WELT

Daß Sie aus dem plötzlich wieder aktuell gewordenen Flüchtlingsproblem eine Axel-Springer-Story zu machen versuchen, mag wohl journalistisch eine Leistung sein, aber sachlich ist es sehr zweifelhaft, und moralisch ist es ein Tiefschlag. Sie erwecken nämlich bei einigen Lesern - vielleicht bei den meisten - den Eindruck, das neuerliche Ansteigen der Flüchtlingszahl und die damit verbundene Verschärfung der Situation in der DDR seien keine wirklichen, sondern nur »gemachte« Probleme der Herren Springer und Zehrer. Dem ist aber nicht so. Unter den rigorosen Paßgesetzen ist eine Flucht von 100 DDR-Bewohnern schwerwiegender als die von 1000 etwa 1956 oder 1957.

... Springer ist gut beraten, wenn er dieser Tatsache Rechnung trägt. Man sollte nur noch viel mehr von denen schreiben, die trotz allem noch bleiben und die unter diesen unerträglichen Bedingungen leben müssen.

Bottrop HEINZ KLUNKER

stud. phil.

Axel, bleib bei deinem Leisten, verkünde auch weiterhin mit Inbrunst deine Philosophie des »Seid nett zueinander« - revidiere aber, bitte, bitte, schleunigst den Entschluß, Politiker zu werden ...

Bremen-Lesum MANFRED ROGER

Ich lese Dich so ziemlich vom ersten Tage Deines Erscheinens an und habe mich immer gefreut, daß Du der DDR und den Fragen, denen die Bevölkerung dort täglich gegenübersteht, mehr als die gewöhnliche Aufmerksamkeit gewidmet hast. Um so mehr überrascht es mich, nun auf einmal den unverhohlen polemischen Bericht gegen Herrn Springer zu lesen, weil er seine Zeitungen dazu anhält, mehr und auffallender über die Fluchtbewegung aus der Zone zu berichten. Daß er die gegenwärtigen Flüchtlingszahlen, die in den vergangenen Jahren höher waren als jetzt, dafür zum Anlaß nimmt, spricht doch nicht gegen Herrn Springer, sondern nach meiner Ansicht nur gegen die Indolenz der westdeutschen Öffentlichkeit und vieler Politiker in den vergangenen Jahren.

Die »BZ« hat nur zum Teil recht, wenn sie schreibt: »Nun sind sie aufgewacht.« Sie, die Verantwortlichen in Westdeutschland, sind noch lange nicht aufgewacht Vor allem denken sie anscheinend nicht darüber nach, wie das mal enden soll. Man hat die Zone als »russisch« und »kommunistisch« abgeschrieben, nimmt die Flüchtlinge gern als Arbeitskräfte auf, die man dringend braucht, und läßt im übrigen die Karre im Dreck.

Berlin W 15 WERNER L. BAUERFELD

Nein, es stand nicht in der »Welt«, sondern es war vor Monaten im Fernsehen zu sehen, daß Ostdeutschland 45 Milliarden Mark an Reparationen bezahlt hat und daß Westdeutschland 12 Milliarden zugeflossen sind aus Marshallplan- oder ähnlichen Geldern. Das ist ein Gefälle von 57 Milliarden zwischen West und Ost in dem zweigeteilten

Deutschland. Verfolgt man diese Tatsache

weiter logisch, dann kommt man zu dem Ergebnis eines Herren- und eines Armenhauses ... Und wenn es weiter so geht, nehmen die Armenhäusler im Herrenhaus immer mehr zu und vergrämen die Herrenhäusler oder verdrängen diese sogar von den Fleischtöpfen und somit von der Wohlhabenheit und Saturiertheit.

Wäre es deshalb nicht besser und billiger gewesen, das Herrenhaus hätte dem Armenhaus von dem Wohlstand soviel abgegeben, daß der Sog in die Fleischtöpfe-Wohlhabenheit des Herrenhauses nicht so stark geworden wäre, wie er tatsächlich geworden ist?

Mannheim-Waldhof KARL RÖSER

Dein Mißtrauen gegenüber Stilblüten-Sentimentalität in allen Ehren..., doch lieferst Du mit derartigen »Enthüllungen« nicht jedem Agitpropbüro beliebte Schlagzeilen? Etwa: »Springer als Lemmer-Propagandist entlarvt...«

Essen H. WEHNER

stud. rer. pol.

Das war leider ein kleinbürgerlicher Ausflug des Deutschen Nachrichten-Magazins auf das Feld nachbarlicher Sticheleien. Das war nur Spaß an der Freude. Springer wird sich nicht weniger freuen über die kostenlose Werbung in zwei SPIEGEL-Ausgaben.

Bremen HANS-ROLF OTTO

Die Aushalteparolen aus Bonn für die Ostdeutschen sind nicht nur moralisch wertlos, weil von Leuten gegeben, die nichts auszuhalten haben, sondern, was wesentlicher ist, ein politischer Fehler. Beständen die zum Teil infamen Notaufnahmeverfahren nicht und hätte man die Deutschen der Zone zur Flucht ermutigt, anstatt sie abzuschrecken, dann wäre der Ostzonenstaat sicher an sechs Millionen Flüchtlingen zugrunde gegangen. Mehr als ein Drittel Verluste kann kein Staat aushalten.

Saarbrücken FERDINAND WESTERNHAGEN

Die Schlagzeilen-Propaganda des Springerschen Pressekonzerns hat in der Tat eine besondere, in Ihrem Artikel zu wenig berücksichtigte Seite, die ich sozusagen an einem Fall demonstrieren möchte:

Ein naher Verwandter von mir praktiziert in einer Großstadt der Sowjetzone als Arzt, und zwar als Werksarzt eines volkseigenen Betriebes. Obwohl in seiner Heimatstadt seine früher offen bekundete völkische Gesinnung mit Ludendorff-Einschlag und den dazugehörigen antisemitischen Affektionen noch erinnerlich sein muß, obwohl er 1933

- wenn auch nur kurz - ein Braunhemd

trug und obwohl er ehemaliger Burschenschafter mit provokanter Quartseite, jahrzehntelanger Teilnehmer eines akademischen Stammtisches und Oberfeldarzt der Reserve der Wehrmacht war, kann er mit seinen 62 Jahren seinen Beruf ungestört ausüben, ohne zu Lippendiensten für das System herangezogen zu werden, fährt seinen eigenen Wagen und kann sein zerstörtes Haus wieder aufbauen.

Der Sohn dieses Mannes studiert in Westberlin, der überwiegende Teil der Familie lebt in Westdeutschland. Wenn nun von Sohn und Verwandten, die durch Presse-Alarm wegen Ärzteflucht, Akademikerterror Ulbrichts usw. aufgescheucht werden, die besorgten Briefanfragen eingehen, wenn dieser Mann, wie gewohnt, in Abständen nach Westberlin reist und dort selbst unter den Eindruck der Springerschen Kampagne gerät, dann wird er dadurch möglicherweise von Fluchtpsychose ergriffen und verläßt ohne Not die Zone.

Ein solcher Effekt der Pressepolitik, von Herrn Springer zweifellos nicht gewollt, aber doch naheliegend, wäre sowohl aus humanitären wie auch aus für den Betroffenen persönlichen Gründen tragisch: Jeder einzelne Akademiker und zumal Mediziner, der in der Sowjetzone bleibt, trägt ganz direkt zur Erhaltung der biologischen, nationalen und geistigen Substanz der dort beheimateten Volksmassen bei; und hier im Westen kann einem Akademiker, zumal einem Arzt, der in vorgeschrittenern Alter steht, nichts anderes beschieden sein als eine trostlose Renten-Existenz, während diese Menschen in der sogenannten DDR heute großenteils eine zwar wegen der geistigen Fesselung und der materiellen Mängel beklagenswerte, aber doch nicht gerade menschenunwürdige Lebenslage vorfinden. In diesem Sinne verstehe ich Ihre Ausführungen, und in diesem Sinne haben Sie sicher richtig gehandelt, wenn Sie der gezielten Pressekampagne des Springerschen Konzerns durch ihre Aufdeckung entgegenarbeiteten.

Hamburg D. Beck

Ausgezeichnet gesehen und eine dankenswerte Aufklärung! Der »Welt-Erfolg« -

welches Zeichen für unsere politische Reife! »Er« ist eben der Max Reinhardt von heute:

Berlin DR. W. M. KRANEFELDT

Stars und Sterne

Szewczuks Axel Springer

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