MALAYSIA Sprung in die Zukunft
Noch stehen die Ölpalmen wie eine Ehrengarde des Sultans in Reih und Glied. Eine schmale Straße schlängelt sich durch die endlosen Plantagen, bis sich hinter einer Kurve plötzlich eine gewaltige Baustelle öffnet. Hier, 35 Kilometer südlich von Kuala Lumpur, entsteht Malaysias neuer Regierungssitz Putrajaya. Schon nächstes Jahr will als erster Staatsdiener Premier Mahathir Mohamad, 71, umziehen - und zunächst allein auf weiter Flur amtieren, da Beamte und Behörden erst später folgen.
Das stört Mahathir nicht. Über E-Mail und Videokanäle will er sich mit seinen Untergebenen genauso schnell verständigen wie bisher in Konferenzen von Angesicht zu Angesicht.
Der Ministerpräsident, auf dessen Schreibtisch bereits heute zwei Computer stehen, hat sich den neuen Informationstechnologien mit Leidenschaft verschrieben. Begriffe wie Chips, Bits, Bytes, Hyperlinks, Provider und Server gehen dem gelernten Arzt flüssig von der Zunge; in seiner Freizeit surft er gern im Internet.
Nun soll das ganze Land seinem Beispiel folgen. Um Malaysia so schnell wie möglich in die Cyber-Zukunft zu führen, plant der Regierungschef einen »Multimedia Super Corridor« (MSC) - ein Megaprojekt, das »eine Weltpremiere« darstellt, so Mahathir: »Andere Länder denken nicht einmal über Ähnliches nach.«
Der Korridor wird sich auf 15 Kilometer Breite und 50 Kilometer Länge von den gigantischen Zwillingstürmen der Ölgesellschaft Petronas im Zentrum der Hauptstadt Kuala Lumpur bis zum neuen Flughafen in Sepang erstrecken und damit größer als der Nachbarstaat Singapur sein. Im MSC sollen fortan Wissenschaftler und Techniker internationaler Computer- und Software-Multis an neuen Technologien und Programmen tüfteln.
Wohnen wird die Techno-Gemeinde in »Cyberjaya«, das die Malaysier gleich neben Putrajaya in die Palmenplantagen schlagen. Bis zum Jahr 2005 entsteht so eine Stadt für 350 000 Menschen mit Villen, Parks, Geschäften, einer Multimedia-Universität und einer Schnellbahnverbindung nach Kuala Lumpur wie zum Flughafen.
Damit japanische, amerikanische und europäische Spitzenunternehmen ihre Forschungsabteilungen in den fernen MSC verlagern, lockt Malaysia mit Steuerbefreiung für die ersten zehn Jahre.
Ausländische Spezialisten sollen binnen 24 Stunden eine Arbeitserlaubnis erhalten, Geräte zollfrei einführen dürfen, bei Krediten nicht auf einheimische Banken angewiesen sein und ihre Daten billig in die ganze Welt übermitteln können. Derzeit werden für zwei Milliarden Dollar hochmoderne Glasfaserkabel verlegt, die bis zu 2,5 Gigabyte pro Sekunde übertragen können.
Um die Arbeit der Investoren rechtlich abzusichern, bereitet Malaysias Regierung Gesetze zum Urheberschutz und gegen Computerkriminalität vor. Mahathir verspricht den MSC-Firmen außerdem völlige Informationsfreiheit. Eine Zensur des Internets, wie sie etwa Singapur praktiziert, werde es nicht geben, versichert er - dabei hängen Malaysias Medien an der kurzen Leine der Regierung, ein Gesetz zur inneren Sicherheit macht es möglich, Kritiker ohne Anklage zwei Jahre festzusetzen.
»Unsere Bedingungen gehören zu den besten der Welt. Es ist wie ein Weihnachtspaket: Wenn man es aufmacht, ist alles drin, was man sich gewünscht hat«, sagt Projektleiter Mohamed Arif Nun.
Visionär Mahathir setzt sein ganzes Prestige ein, erst jüngst umwarb er persönlich in Kalifornien die Spitzen der US-Informationstechnologie. Unternehmen wie Microsoft, IBM und Sun Microsystems sowie die japanische Nippon Telephone and Telegraph, die Deutsche Telekom und Siemens haben schon Interesse bekundet. Insgesamt haben 400 Unternehmen Plätze im MSC beantragt.
US-Milliardär Bill Gates und Siemens-Chef Heinrich von Pierer sitzen in einem hochkarätigen Beratergremium, das dem Premier Vorschläge für die endgültige Gestaltung des Korridors unterbreiten soll. »Wer hier Geschäfte machen will, muß einfach dabeisein«, sagt Rolf Mugrauer vom malaysischen Ableger der Siemens-Nixdorf Information Systems. Kuala Lumpur liege für die Eroberung der asiatischen Märkte strategisch günstig und sei politisch stabil. Vor allem aber biete der MSC der internationalen Infotech-Gemeinde Traumverhältnisse: »Hier entsteht die ideale Verbindung zwischen Entwicklung und Anwendung«, schwärmt der deutsche Manager.
Tatsächlich will der fortschrittsgläubige Mahathir die Firmen nicht nur forschen lassen; er gibt ihnen auch Gelegenheit, Ergebnisse vor Ort in die Praxis umzusetzen. Der Regierungschef plant beispielsweise, um das Jahr 2005 jeden Bürger mit einer Smart Card auszustatten - einem elektronischen Paß mit persönlichen Daten, der gleichzeitig als Kredit-, Telefon- und Fahrkarte, Geldbörse oder Versicherungsausweis dient. Siemens Nixdorf arbeitet bereits an der schlauen Karte nach dem Motto: »Eine Nation, eine Vision, eine Karte.«
Dazu gehört auch eine Verwaltung ohne Aktenschränke und Formulare. Die Bürger brauchten dann nicht mehr ins Amt zu fahren, um Führerschein oder Handelslizenz zu verlängern; sie können derlei über einen elektronischen Kiosk an der Straßenecke erledigen.
Ärzte und Krankenhäuser in abgelegenen Gebieten möchte der Mediziner Mahathir über Internet und Videoleitungen mit Datenbanken und Spezialisten in aller Welt verbinden lassen. Per Ferndiagnose sollen sie sogar Patienten im tiefen Regenwald Borneos zuverlässig behandeln können.
Der Multimedia Super Corridor gehört zum »Vision 2020« genannten Wirtschaftsprogramm, mit dem sich Malaysia endgültig vom Schwellenland zum hochmodernen Industriestaat wandeln will. Den Regierungschef, der in regelmäßigen Abständen westliche Gesellschaften als »korrumpierte Demokratien« und zuwenig zukunftsorientiert schmäht, treibt die fixe Idee, Respekt in aller Welt zu gewinnen. Kühne Projekte seien deshalb für ihn »längst zur Gewohnheit geworden«, so Arif.
Außer der neuen Verwaltungshauptstadt Putrajaya wächst bei Kuala Lumpur Asiens größter Flughafen, der jährlich bis zu 60 Millionen Passagiere abfertigen soll. In der City ragen ein neuer Fernsehturm (421 Meter) sowie das höchste Gebäude der Welt, die Petronas-Zwillingstürme (452 Meter), in den Himmel. Derzeit stampfen Arbeiter für die Commonwealth-Spiele 1998 einen riesigen Sportkomplex aus dem Boden, und auf Borneo entsteht bei Bakun Südostasiens mächtigster Staudamm.
Doch trotz jährlicher Wachstumsraten von über acht Prozent scheint der Boom zerbrechlich. »Wir lesen die Zeichen an der Wand. Länder wie Vietnam oder Bangladesch werden uns bald Konkurrenz machen, weil ihre Arbeitskräfte viel billiger sind«, sagt Projektchef Arif. »Wir stehen am Scheideweg. Entweder wagen wir den Sprung in die Zukunft - oder wir pflanzen Gummibäume an.«