CHINA Stadt der Masken
Als Fräulein Huang, 18, auf der Suche nach einer besseren Zukunft in Peking eintraf, lief zunächst alles wie erhofft. Schnell fand sie Arbeit in einem Restaurant auf dem Campus der »Nordchinesischen Universität für Verkehrswesen« und sollte dafür 500 Yuan (rund 55 Euro) erhalten, Zimmer inklusive - ein Vielfaches von dem, was sie in ihrer Heimat verdienen würde.
Nun sitzt die Arbeiterin aus Yuncheng in der Zentralprovinz Shanxi in ihrem schwarzen Jackett ratlos auf den Stufen am Eingang der Hochschule, einen weißen Mundschutz im Gesicht, eine Zeitung auf den Knien und ihre paar Habseligkeiten neben sich. Das schon sicher geglaubte Glück ist ihr soeben aus den Händen geglitten: Das Lokal hat dichtgemacht, ihr Chef sie gefeuert - und die Bleibe verlor sie auch.
»Es ist wegen dieser Krankheit«, sagt die junge Frau. »Sie haben Fälle in der Universität gefunden. Jetzt ist alles geschlossen, nichts geht mehr.«
Tatsächlich wirkt das Hochschulgelände im Pekinger Bezirk Haidian am Donnerstag vergangener Woche wie ausgestorben. Nur wer eine schriftliche Erlaubnis hat, darf die Uni verlassen. Das sind ein paar ausländische Studenten und Angestellte aus der Provinz, die nichts mehr zu tun haben. Am Haupttor müssen sie sich von einem Wachposten die Temperatur messen lassen. Wer Fieber hat, riskiert Isolation.
Peking zu Zeiten des SARS-Virus: Seit am vorletzten Wochenende das Gesundheitsministerium nach langer Lügerei endlich die wahre Zahl der Infizierten mitteilte, haben Angst und Misstrauen viele der 14 Millionen Einwohner gepackt. Gespannt
verfolgen sie die Nachrichten, die immer neue Fälle der gefährlichen Lungenentzündung melden. Bis zum Freitagabend waren es knapp 900 in der Hauptstadt - eine über 20fache Steigerung im Vergleich zum vorvergangenen Wochenende.
Die Stadtregierung hat mittlerweile Grund- und Mittelschulen für zwei Wochen geschlossen, 1,7 Millionen Kinder müssen zu Hause bleiben. Geschäfte, Untergrundbahnen und öffentliche Gebäude werden ständig mit Desinfektionsmitteln behandelt, in Büros qualmen Räucherstäbchen, die das Virus vertreiben sollen.
Etliche Behörden und Unternehmen haben auf Kurzarbeit geschaltet: Um die Ansteckungsgefahr zu halbieren, brauchen die Mitarbeiter nur jeden zweiten Tag zu erscheinen.
Viele Bürger tragen auf den Straßen Mundschutz und meiden Menschenmengen. »Wir gehen nicht mehr so oft auf die Straße«, sagt eine Sekretärin. Restaurants sind leer, Karaokebars geschlossen. »Im Moment machen wir 80 bis 90 Prozent weniger Umsatz«, berichtet Ma Yunang, Manager einer Fußballerkneipe am Chaoyang-Park.
Auf dem Tiananmen-Platz, den sonst jeden Tag Tausende besuchen, verlieren sich die Menschen. Touristen und ausländische Geschäftsleute fliegen kaum noch ein, seitdem die Weltgesundheitsorganisation WHO von unnötigen Reisen nach Peking abgeraten hat.
Auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs herrscht dagegen das übliche Gedränge. Menschen stehen nach Fahrkarten an, andere lagern auf dem Pflaster und warten auf die Abfahrt des Zuges. Zwar hat die Regierung die lange Ferienwoche um den 1. Mai gekürzt, um zu verhindern, dass sich SARS ausbreitet. Doch die Aktion bringt nicht den gewünschten Erfolg, weil auch ohne Urlaub jeden Tag Hunderttausende durchs Land reisen.
Andere verlassen die Stadt, weil sie - wie Huang - wegen der Seuche ihren Job verloren haben oder aus Furcht vor der Krankheit. Eine Gruppe von Wanderarbeitern, die in einer Reinigung beschäftigt war, will in ihre Heimatprovinz Shandong zurück. »Wir verstecken uns dort vor SARS«, sagt ein junger Mann.
Wer in Peking bleibt, beugt vor, so gut er kann. Selbst wenn nur die wenigsten eine unmittelbare Bedrohung verspüren, wollen die Einwohner gewappnet sein. »Masken, Fieberthermometer und Desinfektionsmittel ausverkauft«, steht am vorigen Donnerstag mit drei Ausrufezeichen auf einem Schild in der Apotheke »Gutes für das Volk« an der Straße Aufbau des Landes nahe dem Zentrum.
Nebenan in der Abteilung für chinesische Medizin verkaufen Angestellte abgepackte Kräuter für acht Yuan (knapp ein Euro). Die Wurzel der Becherglocke, die runzelige Agastache und das aromatische Geißblatt sollen das Immunsystem stärken, beteuert eine Apothekerin. Ein Kunde verlangt zwei Päckchen: »Bei dieser Krankheit handelt es sich um eine Naturkatastrophe«, hat er jetzt gelernt.
Doch das ist nicht die ganze Wahrheit, denn kaum jemand zweifelt daran, dass die herrschenden Kommunisten Mitschuld an der Ausbreitung der Seuche tragen, weil sie monatelang die Bevölkerung nicht über Gefahren und Schutzmaßnahmen aufklärten. »Idioten«, schimpft ein populärer Journalist, »sie haben das Ausmaß verheimlicht, weil sie um ihre Geschäfte fürchteten.«
Solche Skrupellosigkeit hat das ohnehin geringe Vertrauen der Pekinger in die Obrigkeit weiter untergraben. Jetzt trauen nur noch wenige den offiziellen Nachrichten - idealer Nährboden für alle möglichen Gerüchte, die nun in jede Ecke der Stadt vordringen wie Kakerlaken in eine schmutzige Küche. Peking, so heißt es, solle schon bald völlig abgeriegelt werden oder wenigstens doch ganze Stadtteile.
Vorerst sind es allerdings nur einige Gebäude und Universitäten. Um das Volkskrankenhaus mit seinen 1200 Betten zum Beispiel ist die Polizei aufgefahren, gelbe Bänder verhindern den Zugang. Verwandte und Freunde bringen Geschenke und Lebensmittel für die Eingesperrten. Wer bei solchen Quarantänemaßnahmen nicht kooperiere, warnen die Pekinger Behörden, riskiere bis zu sieben Jahre Gefängnis.
Aus Furcht, sie könnten ebenfalls tagelang von der Außenwelt abgeschottet werden, legen die Pekinger Vorräte an. Einige Lebensmittel sind bereits vorübergehend ausverkauft. Im Supermarkt »Neue Welt« in der innerstädtischen Dongdan-Straße steht Verkäuferin Wang mit grauem Mundschutz vor dem Speiseöl und beobachtet staunend, wie Kunden die Einkaufswagen mit Mehl, Salz und Nudeln füllen. »Die Leute glauben den vielen Gerüchten«, sagt sie fast entschuldigend.
Einen Steinwurf vom Supermarkt entfernt hocken zwei Männer in weißen Kitteln und Atemmasken vor einer kleinen Fahrradwerkstatt. Sie sind Mitarbeiter des örtlichen Hygieneamtes und sollten eigentlich die Mittelschule Nr. 16 an der Straße des Ewigen Friedens desinfizieren.
Doch der Schlauch an ihrem gelben Behälter mit der Aufschrift »Gartenspray - Made in Taiwan« ist kaputt, und nun warten die beiden auf eine Reparatur. Der Fahrradtechniker kann das Ersatzteil allerdings erst am nächsten Tag besorgen. »Also«, sagt einer der Weißkittel in größter Seelenruhe, »desinfizieren wir Mittelschule Nr. 10 erst morgen.«
Fräulein Huang wartet derweil vor dem Tor der Nordchinesischen Universität für Verkehrswesen noch immer auf jemanden, der ihr einen Job anbietet. In ihre Heimat Shanxi will sie eigentlich nicht zurück, weil sich auch dort das Virus schnell ausbreitet.
Doch als einige Stunden später die Polizei das Hochschulgelände hermetisch abriegelt, gibt Huang auf. Langsam macht sie sich auf den Weg Richtung Bahnhof. ANDREAS LORENZ