Ständiges Paddeln - DER SPIEGEL
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JAPAN Ständiges Paddeln

Seit einem Vierteljahrhundert hat Takeo Fukuda das Amt des Ministerpräsidenten angestrebt. Jetzt wird er vielleicht nur ein halbes Jahr Premier bleiben.
• aus DER SPIEGEL 5/1977
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Abgewetzte Anzüge gelten als sein Markenzeichen. Er ist bis zum Geiz sparsam: Stolz zeigt er einen amerikanischen Füller vor, den ihm ein Freund vor über 25 Jahren schenkte; mit dieser Feder schreibt er heute noch, repariert sie wenn nötig persönlich.

Einziger Luxus: Zwei in Bronze gegossene Götter -- Daikoku, bewährtester Dämonenaustreiber unter Japans sieben Göttern des Glücks, und Ebisu, Schutzpatron des fairen Handels

bewachen sein bescheidenes zweigeschossiges Holzhaus im Tokioter Vorort Nozawa, das er seit fast einem halben Jahrhundert bewohnt.

Denn er -- Takeo Fukuda, 72 -- hat zweifellos einen Hang zur Sparsamkeit. Als Frühstück kurz nach sechs Uhr morgens nimmt er stets nur Soja-Suppe, eingelegtes Gemüse und eine Schale Reis zu sich. Traditionell einfach ist auch die Gestaltung seiner karg bemessenen Freizeit: Entspannung findet er in der Kalligraphie, Zerstreuung in einer Partie Go -- ein Brettspiel, bei dem es gilt, mit den eigenen Steinen die gegnerischen zu umzingeln. Und abends schaut er sich im Fernsehen am liebsten ein schwerterklirrendes Samurai-Drama an.

Fukuda ist, kurzum, ein »typischer traditionsverbundener Japaner, einfach und deshalb langweilig« (so der Soziologe Kotaro Sato).

Seit einem Monat nun ist der Traditionalist mächtigster Mann im drittmächtigsten Industrieland der Welt: Am 24. Dezember, dem 50. Jahrestag der Thronbesteigung des Kaisers Hirohito, wählte Tokios Parlament Takeo Fukuda zum Ministerpräsidenten -- und Langeweile breitet sieh aus.

Gelegt hat sieh die Aufregung nach dem monatelangen absurden Schauspiel, bei dem sich Japans Liberaldemokratische Regierungspartei (LDP), mit Fukuda als Hauptdarsteller, selbst zerfleischte, nur um ihren ungeliebten Chef Takeo Miki, 69, loszuwerden und seinen ehemaligen Stellvertreter Fukuda auf den Regierungssessel zu hieven.

Mit seinem unbeirrbaren Eifer, den Lockheed-Skandal ohne die geringste Rücksichtnahme auf politische Freunde und Gegner aufzuklären, zog Miki sich den Unwillen des greisen LDP-Führungszirkels zu. LDP-Vizepräsident Etsusaburo Shiina, 78, hatte schon im Frühjahr Mikis Sturz auf Raten eingeleitet: »Der Ministerpräsident beschäftigt sich zu intensiv mit dem Skandal«

Doch es blieb Fukuda vorbehalten. mit Winkelzügen, die eines gewieften Go-Spielers würdig sind, seinen Rivalen Miki aus dem Amt zu drängen. Mit dem Vorwurf, Mikis missionarische Aufklärungswut gefährde die Einheit der Regierungspartei, zog sich Fukuda im Herbst aus dem Kabinett zurück und widmete seine Energie fortan einem ominösen »Kyotokyo«, einem von ihm präsidierten »Rat zur Herstellung der Einheit der Partei«.

Zwei Drittel aller LDP-Parlamentarier schlossen sich ihm an -- gespalten und verfeindet zogen die Liberaldemokraten in den Wahlkampf., Der Urnengang Anfang Dezember wurde denn auch zum größten Debakel in der 21jährigen LDP-Geschichte: Erstmals verloren die Dauerregierer ihre absolute Mehrheit im Unterhaus.

»Es tut mir leid um ihn«, trauert Fukuda nun scheinheilig seinem Vorgänger nach, »er schaffte es nicht, genügend Unterstützung in der Partei zu finden. Deshalb blieben alle seine Bemühungen fruchtlos«

Dabei hatte der »Politiker der Kooperation und Solidarität« (Fukuda über Fukuda) keine Gelegenheit ausgelassen, über Mikis »mangelnde Kraft zu regieren« öffentlich zu spotten sowie seinen Parteifreund und Machtrivalen bloßzustellen.

Anfang Dezember in Tokio: Vor dem Bahnhof Shinjuku parkt ein Kleinbus. Auf dem Wagendach stehen -- seltener Anblick -- gemeinsam die Wahlkämpfer Miki und Fukuda. Der Noch-nicht-Premier am Ende seiner Rede: »Und nun darf ich Ihnen den Ministerpräsidenten Japans vorstellen.« Miki greift erregt nach dem Mikrophon: »Es erübrigt sich wohl, mich vorzustellen. Ich bin bekannt genug.«

Nicht nur das. Je weiter Miki in seiner eigenen Partei isoliert wurde, je starrköpfiger er sich an sein Amt klammerte, um sein »Aufklärungswerk zu vollenden«, desto populärer wurde er. Zuletzt erreichte sein Beliebtheitsgrad gar die Rekordmarke von 48 Prozent. Dennoch mußte er gehen.

Der Bruderzwist im LDP-Haus endete -- fürs erste -- so absurd, wie er begonnen hatte. Kaum hatten die Wähler Miki ein neues Regierungsmandat für vier Jahre gegeben

Fukuda, der »geschickte Manipulator der Regierungsbürokratie«, wie ihn das Massenblatt »Asahi Shimbun« bewundert, hatte endlich den zweimal vergeblich erstrebten Gipfel der Macht erreicht. Fukuda: »Ich bin ein flexibler Mensch«, lobt sich der Premier selbst.

Lob für seine Leistungen ist der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus der Präfektur Gumma nördlich von Tokio seit seiner Kindheit gewohnt. Schon im Gymnasium war er »ein Genie der Genies und wahrscheinlich der erste und letzte Wunderknabe« wie sein ehemaliger Lehrer noch heute schwärmt.

Sein Abiturzeugnis war das beste, das je in der Präfektur Gumma ausgestellt wurde. Sein Jurastudium an der prestigeträchtigen Kaiserlichen Universität Tokio beendete er mit so brillanten Noten, daß ihn das mächtige Finanzministerium anheuerte. Fukuda Superstar war am Bürokratenhimmel aufgegangen; sein Aufstieg schien unaufhaltsam.

Doch 1948, kurz vor seiner Beförderung zum Staatssekretär, kam er in Untersuchungshaft und wurde der Bestechung angeklagt: Knapp tausend Mark sollte er eingesteckt haben. Zehn Jahre mußte Fukuda auf seine gerichtliche Rehabilitierung warten.

Der Bürokrat fühlte sich zum Politiker berufen. Noch nicht endgültig vom Bestechungsvorwurf befreit, zog er 1952 ins Tokioter Parlament ein: seine Heimatgemeinde wählte ihn auch in allen neun folgenden Wahlen. »Ich bin in allen Geldgeschäften immer sehr vorsichtig gewesen«, sagt Fukuda. Vorsichtig und erfolgreich: Sein derzeitiges Vermögen gibt er mit 154 Millionen Yen (1,3 Millionen Mark) an.

Die Vorsicht in der geldbewußten LDP zahlte sich aus. Von weiteren Skandalen verschont, baute sich Fukuda als Generalsekretär der Partei, Außenminister sowie Finanzminister in mehreren Kabinetten die größte Hausmacht der Liberaldemokraten und knüpfte engste Beziehungen zu Japans Big Business.

Die Industriebosse ließen sich Fukudas Zuneigung einiges kosten: 1975 kassierte er für seine innerparteiliche Fraktion, die er vor fünf Jahren gründete, »um den Fraktionalismus in der LDP aufzulösen« (Fukuda), von der Wirtschaft fast 1,7 Milliarden Yen (14,5 Millionen Mark) an Spenden -- mehr als jeder andere LDP-Fürst.

Als die Tokioter Wirtschaftszeitschrift »Zaikai« enthüllte, daß der Industriegigant Mitsubishi Fukudas finanzielle Stütze sei, protestierten die Manager der Konkurrenzkonzerne Misui und Sumitomo: »Zaikai« hatte sie nicht als Spender erwähnt.

»Wenn ich mich zu etwas entschließe«, bekannte Fukuda zum Jahresende, »dann führe ich es aus, ungeachtet aller möglichen Schwierigkeiten.« Er hat sich als Premier viel vorgenommen, doch ausführen wird er wenig können.

So versprach er eine »Verjüngung der Politik«. Doch er selbst ist schließlich schon über 70 Jahre und damit Japans ältester Regierungschef seit 20 Jahren.

Der Tradition ist der Ministerpräsident so verhaftet, daß nach Meinung eines LDP-Jungparlamentariers »selbst die Bezeichnung konservativ noch zu fortschrittlich für ihn« ist.

Ein »frisches und tatkräftiges«, ja gar ein »hübsches Kabinett« kündigte der Premier an. Zusammengerechnet aber kommen seine 20 Minister auf das re-

* Zerstrittene LDP-Führer: LDP-Generalsekretär Ohira (l. o.), Ex-Premier Kishi (l. M.), Premier Fukuda (l. u.), Ex-Premier Miki (r. o.), Ex-Vizeparteipräsident Shiina (r. M.), Ex-Premier Tanaka (r. u.).

spektable Alter von deutlich über 1200 Jahren. Senior der Ministerschar: Verwaltungsamtchef Eiichi Nishimura, 79.

Dennoch liegt das Durchschnittsalter des Kabinetts knapp unter dem des vorigen, doch lediglich durch die Hereinnahme von zwei -- für japanische Verhältnisse -- jungen Leuten. Toshiki Kaifu, 45, ein enger Vertrauter von Ex-Premier Miki, wurde Erziehungsminister. Und das Umweltressort ging an den 44jährigen Shintaro Ishihara, einen rechtsnationalistischen Sehwarmgeist, populärer Verfasser von Trivialliteratur, der lautstark Japans nukleare Bewaffnung propagiert.

In konservativen Kreisen herrscht Zufriedenheit: Das Fukuda-Kabinett zeige »eine schöne Ausgewogenheit in Alter, Erfahrung und Fraktionszugehörigkeit der Minister«, schreibt die 2Japan Times«.

Doch auch das hatte Fukuda anders zu machen gelobt. »Ich setze alles daran, die LDP zu modernisieren, die Fraktionen aufzulösen.« Als aber über viel grünem Tee und Schalen mit Nudeln die Kabinettsposten ausgehandelt wurden, bekam jeder LDP-Fürst seiner Fraktionsstärke entsprechend Posten zugeschanzt.« Wieso brauchen wir denn eine neue Regierung, wenn doch alles heim alten bleibt?« wunderte sieh die Zeitung »Mainichi Shimbun«.

Änderungen sollen dennoch kommen, wenngleich auch nur für die Partei. So beschloß Fukudas eigene Fraktion, die Yokakai, auf Drängen ihres Chefs, sich -- als Vorbild für die Gesamtpartei -- aufzulösen. Nur der Zeitpunkt für diese historische Tat steht noch nicht fest: die Yokakai-Mehrheit, von Fukuda finanziell abhängig, möchte lieber abwarten, bis auch die anderen Fraktionen sich auflösen. Regierungssprecher Sonoda vertraulich: »Natürlich kann man sich der Fraktionen nicht ganz entledigen. Aber man kann sie allmählich ändern.«

Das könnte aber für Fukuda zu lange dauern. Schon sprechen Kritiker offen von einem »Ersatzreifen-Kabinett«, einer Übergangslösung also.

Spätestens im Juli nämlich stehen Oberhauswahlen in Japan an. Und die immer noch zerstrittene LDP verfügt in der mächtigen Zweiten Kammer des Parlaments über nur eine Stimme Mehrheit. Fukuda, dem Traditionalisten, bliebe bei einer Niederlage der LDP nur der Rücktritt -- oder er müßte eine Koalitionsregierung zu bilden versuchen.

Vor allem aber: Noch hat der altliberale Ex-Premier Miki seinen Sturz nicht verwunden. Er droht mit dem Auszug seiner 40 Mann starken Fraktion aus der LDP.

Vor kurzem bekam Miki überdies unerwarteten Besuch in seiner Manazura-Villa: Oberhaus-Präsident Kenzo Kono, Onkel von Yohei Kono, dem Chef der von der LDP abgespaltenen Oppositionspartei Neuliberaler Klub.

Eine Stunde lang versuchte der Oberhaus-Präsident den Ex-Premier für die Partei seines Neffen zu keilen. auf den im vergangenen August ein Attentat verübt worden war: Wenn Miki und seine Anhänger sich dem Neuliberalen Klub anschlössen, werde eine neue Ära mit zwei großen konservativen Parteien eingeläutet -- natürlich ohne Fukuda.

Noch hat Miki die Entscheidung nicht gefällt. Er wolle erst einmal beobachten, wie sein Nachfolger regiere. Und im übrigen hänge alles weitere vom Ausgang der Oberhauswahlen ab. Nachfolge-Premier Fukuda ist trotz allem zuversichtlich, die sich schon abzeichnenden Krisen meistern zu können -- wie stets in Japan hinter den Kulissen. Fukuda: »Ich bin eine Ente. Sie scheint ganz ruhig auf dem Wasser zu treiben. Aber unter der Oberfläche ist ein ständiges kräftiges Paddeln.«

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