Stänkern bei jeder Gelegenheit
Nr. 24/2002, Bildungsserie: Das Versagen der Eltern; Ganztagsschulen: Verwahranstalten oder Allheilmittel?
Es liegt an den Eltern, es liegt an den Lehrern, es liegt an den Medien. Hanns Dieter Hüsch würde noch sagen »Es liegt an der Mosel, und es liegt am Rhein, nur an uns selber liegt es nicht!« Die Parolen fliegen wie Brocken durch die Gegend. Was wir brauchen, aber wäre ein Erziehungskonzept. Keine Verordnung, sondern eine Orientierungshilfe. Erziehungswissenschaftler mit theoretischer und praktischer Kompetenz sollten sich mit Politikern auf höchster Ebene treffen. Kein Fachgebiet kann es sich heute leisten, so konzeptionslos dahinzutreiben.
MAINZ THEO WOLLWEBER
Sie beschreiben mit dieser Serie das Dilemma in seinem ganzen Ausmaß. Dummerweise fällt die Pisa-Debatte in hohe Wahlkampfzeiten, so dass blind darauf los reformiert wird auf der Basis kurzsichtiger Vergleiche mit Siegerstaaten. Den erziehungsmüden Eltern wird die Übernahme der erziehungsschwierigen Kinder versprochen. Leider werden die Eltern, die für ihre Kinder zur Verfügung stehen, mit der jetzt an den Tag gelegten Förderwut vom Säuglingsalter an sehr unter Druck gesetzt, das Spiel mitzuspielen. Die Bedürfnisse der Kinder bleiben dabei jedoch auf der Strecke.
WILDESHAUSEN (NIEDERS.) ERIKA BUTZMANN
Mit Ganztagsschulen vermittelt man den Eltern, dass sie nun überhaupt keine Verpflichtungen gegenüber ihren Kindern und der Schule mehr haben. Schon jetzt schreiben mir Eltern (1. Klasse, Grundschule), dass sie Hausaufgaben, bei denen eine in der Schule begonnene Aufgabe beendet werden soll, nicht akzeptieren, weil ich als Lehrerin dafür bezahlt werde und nicht sie. Auch nicht berufstätige Eltern von sehr leistungsschwachen und unkonzentrierten Kindern ohne Deutschkenntnisse berufen sich darauf, dass für die 1. Klasse nicht mehr als 15 Minuten Hausaufgaben-Zeit verpflichtend sind (Elternvereine informieren). In dieser Zeit können manche Kinder nicht einmal ein Wort erlesen.
FRIEDRICHSTHAL (BRANDENBG.) PETRA MATTHIES
Ich kenne ziemlich viele Menschen, die sich aus Zeitgründen keinen Hund anschaffen. Mir ist bis dato niemand begegnet, der sich aus Zeitgründen keine Kinder anschafft. Daraus muss man wohl schließen, dass das Tier nicht fremdbetreut oder allein gelassen werden soll, bei den kleinen Menschen sieht man das aber nicht so eng. Nach diesem Artikel kann ich nur fürchten, dass aus vielen Kindern genauso gefühlsarme und desinteressierte Eltern werden, wie ihre eigenen es leider sind.
MANNHEIM ESTHER ULLMANN
Von einem Versagen der Eltern insgesamt zu reden ist sicherlich nicht richtig. Es gibt wohl drei Gruppen: Mehr Eltern als früher wissen, dass die schulische Erziehung für ihre Kinder sehr wichtig ist, sie unterstützen die Schularbeit der Lehrer und arbeiten selbst vorbildlich mit. Eine große Anzahl der Eltern ist allerdings völlig indifferent und wird nie in der Schule gesichtet. Eine bedenklich steigende Zahl von Eltern muss man als Verweigerer der Institution Schule einstufen. Es sind die unterschiedlichsten Spielverderber, deren Sprachrohr oft ihre Kinder sind, die bei jeder Gelegenheit gegen ihre Schule stänkern. Wann wird solches Verhalten dieser Elternminderheit als verantwortungslos und schädlich eingestuft? Damit wäre unseren Kindern schon viel geholfen.
FILDERSTADT (BAD.-WÜRTT.) WOLFGANG MÜTSCHELE
Ganztagsschulen gegen das Versagen der Eltern! Eine scheinbare Wundermedizin, die unsere Politiker da entdeckt haben, die aber nur die Symptome lindert. Ein Bundeskanzler, der Lehrer als »faule Säcke« verunglimpft, und ein Vertreter der Lehrerschaft, der Eltern als »chipsfressende Fernsehglotzer« beschimpft, haben nicht begriffen, dass wir nur gemeinsam etwas verändern können.
SEILAUF-EICHENBERG BRIGITTE DOPPLE