MOLDAWIEN Stalins letzte Kolonne
Je näher die Grenze rückt, desto mulmiger wird das Gefühl im Bauch. Wie früher, bei Reisen in den Osten. Dasselbe, grundlos schlechte Gewissen. Werden sie wieder mit langstieligen Spiegeln unter den kapitalistischen Radkästen stochern oder gleich Bußgelder fordern?
Nichts von alledem an diesem Morgen. Die Republik Transnistrien, das Freilichtmuseum des Sowjet-Kommunismus, zeigt sich von der menschlichen Seite. Eine Einladung der Regierung wird verlangt, sonst nichts. Die Zöllner sprechen ausschließlich Russisch, tragen schlammbraune Uniformen und dazu Mützen, deren Deckel gewölbt sind wie Suppenteller. Sie prüfen die Papiere und winken durch.
»Frieden, Fortschritt, Einheit« steht hinter der Grenze auf einer hochragenden Stele am Dnjestr-Fluss. Und im nationalen Emblem leuchten, als sei der Traum vom Paradies der Werktätigen nicht geplatzt, Hammer und Sichel im Ährenkranz, symmetrisch versammelt unterm roten Stern. Die Straßen sind beflaggt wie früher am Tag des Sieges über den Faschismus. Auf Spruchbändern steht: »10 Jahre Transnistrische Moldau-Republik«.
Transnistrien, eine Republik? De jure befindet sich hier, »jenseits des Dnjestr«, der Ostteil der einstigen Sowjetrepublik Moldawien, die seit 1991 ein unabhängiger Staat ist. De facto hat sich dieser Ostteil 1990 abgespalten und liegt nun isoliert zwischen der Ukraine und Rest-Moldawien. Auf Landkarten hat Transnistrien die Form einer Riesenechse, die nah der Schwarzmeerküste lagert.
Stalin hatte Transnistrien 1940 von der Ukraine getrennt und Moldawien zugeschlagen. Mit den mehrheitlich Rumänisch sprechenden, Lateinisch schreibenden, nach Westen strebenden Mitbürgern vom anderen Dnjestr-Ufer aber wollen die überwiegend russischen oder ukrainischen Transnistrier nicht viel zu tun haben. Schon gar nicht in einem gemeinsamen, von den Rumänischsprachigen dominierten Staat. »Das wäre, als würde man euch Deutschen sagen: Ab morgen sprecht ihr alle Polnisch«, sagt ein junger Transnistrier.
So kam es zum Krieg 1992, in den die russische Armee auf Seiten der Separatisten eingriff. Hunderte starben während der Kämpfe. Am Ende war eine groteske Situation entstanden: Die ehemaligen Fronten des Kalten Krieges verlaufen nun innerhalb Moldawiens.
Die amputierte Republik tut derweil so, als sei nichts vorgefallen. Moldawien, Uno- und OSZE-Mitglied, sieht sich nach Angaben seines Außenministers bereits »auf dem Weg in die EU«. Seit 1999 Mitglied des GUUAM-Pakts, neben Georgien, Usbekistan, der Ukraine und Aserbaidschan, signalisiert das kleine Land nun sogar Bereitschaft zu militärischer Zusammenarbeit »auf niedrigem Niveau« mit der Nato.
Ein Nato-Partner, der sein eigenes Staatsgebiet nicht so weit unter Kontrolle hat, dass die Armee sich im Land frei bewegen könnte? Das, immerhin, wäre ein Kuriosum erster Ordnung. Noch stehen in Transnistrien 2600 russische Soldaten neben rammelvollen Waffenlagern aus Warschauer-Pakt-Zeiten Gewehr bei Fuß - die Nachhut der 14. Armee der sowjetischen Streitkräfte, ehemals angeführt vom grobschlächtigen General Alexander Lebed.
Ihr Hauptquartier liegt an einer Ausfallstraße der transnistrischen »Hauptstadt« Tiraspol. Hinter hohen Mauern, die ein stilisierter Soldatenkopf mit Stahlhelm ziert, sind die Truppen, nun unter dem Kommando von General Walerij Jewnewitsch, dem Ex-Kommandeur einer Luftlande-Einheit im Afghanistan-Krieg, noch immer ein Staat im moldawischen Staat.
Die Russen haben ihr eigenes Fernsehen, ihre eigene Armeezeitung »Soldat des Landes« und ihre eigenen Gesetze. Das Armeegelände ist exterritoriales Gebiet, wie das einer Besatzungsmacht. Im Haus der Offiziere stellt ein Konsulatsbeamter russische Pässe für russischsprachige Transnistrier aus, die keine Moldawier werden und trotzdem verreisen wollen.
Transnistrien ist ein Stachel im Fleisch der westlichen Geostrategen, ein Stück Anarchie in der postkommunistischen Ordnung, ein zweites Königsberg auch - Russland außerhalb der Grenzen Russlands.
Zu »einer besonderen strategischen Zone« hat die russische Duma Transnistrien erklärt. Präsident Wladimir Putin hat zwar im Juni bei einem Besuch in Moldawien betont, er sei an der territorialen Integrität des Landes interessiert. Der beim Istanbuler OSZE-Gipfel eingegangenen Verpflichtung aber, sämtliche russischen Waffen bis Ende 2001 abzuziehen oder zu vernichten, scheint er nicht genügen zu wollen oder zu können.
»Wir haben noch 49 000 Tonnen Waffen von früher, auch Bomben und Raketen«, sagt Wiktor Atamanjuk, der Vizepräsident des Obersten Sowjet von Transnistrien. Hinter einem Verbotsschild, das am Ortsrand von Kolbasna prangt, einem Dorf nahe der ukrainischen Grenze, verbirgt sich auf Kasernengelände das Munitionsdepot für die ehemalige Südwestflanke des Warschauer Pakts.
Nikolai Kojewatkin, Ex-Pressesprecher von General Lebed, sagt: »Allein mit der Munition von Kolbasna könnte die Armee Europa eine ganze Weile in Atem halten. Wir brauchten 4000 Waggons, um all das abzutransportieren.«
In den Straßen von Tiraspol wiederum sieht es aus, als seien nicht nur die sowjetischen Streitkräfte dageblieben, sondern als habe das gesamte alte System überlebt. Die Stadt gleicht einem Ausstellungspark für sowjetische Heimwehtouristen. Starr steht vor dem Obersten Sowjet Wladimir Iljitsch Lenin, überlebensgroß in Granit geschlagen, und weist herrisch in die Ferne.
Gegenüber, am Ehrenmal für die Gefallenen, paradieren mit heiligem Ernst zwei uniformierte Elevinnen aus der Schule Nummer 18, Klasse 11, im Gleichschritt an der ewigen Flamme vorbei. Artige Mädchen mit weißer Schleife im Haar, groß wie ein Ballen Zuckerwatte, treten mit ihren Lehrerinnen an zum Totengedenken. Geehrt werden im Schatten eines T-34-Panzers auch die Opfer der Schlachten in Afghanistan.
Besucher aus Westeuropa führt der erste Weg zur Polizeistation. Jeder Fremde muss sich hier melden. »Wir wollen wissen, wer sich da bewegt«, sagt der Beamte: »Wir wollen die Kontrolle haben.«
Die Hotel-Rezeptionistin bestätigt dann, dass zwei Einzelzimmer gebucht seien, und verfügt: »Sie kriegen ein Doppelzimmer, das ist billiger.« Am Abend, die Grillspieße sind kaum verzehrt, kommt die Kellnerin und sagt lächelnd: »Sie haben fertig gegessen. Warum gehen Sie nicht?«
Die Republik Transnistrien wird zehn Jahre alt, und ihre Bewohner sind stolz. Zwar stellen sie nur 15 Prozent der Einwohner eines Staates, der neben Albanien als der ärmste Europas gilt und im Ganzen etwa so bevölkerungsreich ist wie Berlin plus Speckgürtel. Doch den internen Vergleich müssen die Separatisten nicht fürchten.
Transnistrien hat sich abgespalten von einem Land, das schon ein Versorgungsfall ist. Moldawien, einst Tabak-, Brandy- und Weinlieferant im Sowjetreich, ist klamm. Selbst der elende Nachbar Rumänien schickt Nahrungsmittel und Arznei. Die Uno hat Schulden in Höhe von einer Million Dollar gestundet, damit Moldawien sein aberkanntes Stimmrecht wiedererhält. Russland reklamiert Gasschulden in Höhe von mehr als 1,5 Milliarden Mark.
In Transnistrien hingegen werden zumindest Löhne und Renten annähernd pünktlich bezahlt. Zwei Brote kosten hier eine Million transnistrische Rubel, und die Menschen laufen mit ziegelsteingleichen Geldpaketen. Sie sagen: »Wir leben im ersten Land der Welt, wo wirklich jeder Millionär ist«, und grinsen tapfer.
Doch in der Tat stellt sich der industrialisierte Streifen Land links des Dnjestr, wo Dörfer noch »1. Mai« oder »Roter Oktober« heißen, nicht so schlecht, wie es sein spätsowjetisches Dekor und seine isolierte Lage vermuten ließen. Stahl, Zement, Textilien und Schnaps werden exportiert, vor allem nach Westen. »Wir würden zu gern wissen, wer das kauft«, sagt ein ausländischer Diplomat in Moldawien.
Natürlich war zu Sowjetzeiten auch hier alles besser. »Früher konnte sich jede Dienstmagd Moskauer Salami kaufen«, sagt der Veteran Wladimir Pawlowitsch Iwaschenko. Und nun dringen Bettler in die Gasthausgärten der Innenstadt vor.
Er allerdings, Iwaschenko, will nicht klagen. Er macht sich fertig an diesem Morgen für seinen großen Tag. Draußen ist es noch stockfinster, in drei Stunden erst beginnt die Parade zum Republikgeburtstag. Doch Iwaschenko wirft sich schon in Uniform. Die Orden an der Brust erzählen das Leben des Veteranen. Das Weiße Kreuz hat er erhalten für die Verteidigung der Stadt Tiraspol im Krieg vor acht Jahren gegen die Moldawier; und dann ist da noch die Goldmedaille »Für die Eroberung Berlins« mit der Roten Armee.
Iwaschenko ist 74 Jahre alt. Mit 19 stand er östlich von Berlin, am Abschnitt der ersten weißrussischen Front unter Marschall Schukow. Am 30. April 1945, sagt Iwaschenko, hat er die Rote Fahne auf dem Reichstag gesehen. Die Sowjetunion war seine Passion, ein Land, auf das er stolz sein konnte. Seit dem Ende der Sowjetunion will er wenigstens auf Transnistrien stolz sein dürfen.
Iwaschenko muss los. Mit Krückstock und Asternstrauß für die Parade bewaffnet, pirscht sich der Veteran durch die morgenklamme Stadt. Ein Trupp Soldaten der neuen transnistrischen Armee trampelt im Gleichschritt am Lenin-Denkmal vorbei zum Aufmarschgelände. Am Horizont ist schon die Studentenjugend zu erkennen, im schwarz-weißen Festtagsstaat angetreten unter Roten Fahnen.
Als die Parade beginnt, steht Igor Smirnow, der Präsident, entrückt auf der Haupttribüne wie Erich Honecker bei der letzten Parade im Ost-Berliner Oktober 1989. In einen hellen Sommeranzug und rehbraune Sandalen gesteckt, führt der einstige Fabrikdirektor von der sibirischen Halbinsel Kamtschatka an diesem Morgen ein protokommunistisches Operetten-Ensemble an.
Wächsern wie Markus Wolf lächelnd, sticht General Wladimir Atamanjuk heraus, Autor der transnistrischen Militärdoktrin und Vizevorsitzender des Obersten Sowjet; bis zum Schnauzbart auf Stalin getrimmt, genießt General Alexander Martinow, Oberhaupt aller Kosaken Russlands, die Blicke des Volks.
Stalins letzte Kolonne auf der Tribüne wird ergänzt durch halslose Apparatschiks mit verschlagenen Gesichtern, hagere Herren mit getönten Brillen im General-Jaruzelski-Geschmack und Männer im kommunistischen Kundschafter-Zivil: helle Kunstlederschuhe, bauchnabellang gebundene Krawatten, Herrentäschchen.
Bleigrau, Schlammbraun, Graubraun in unzähligen Nuancen, die ganze verschollen geglaubte Farblandschaft aus den Tagen der Proletariats-Diktatur ersteht noch einmal im Anzugstoff der Transnistrier.
Kaum hat sich die Prominenz auf der Ehrentribüne eingefunden, auch ein ehemaliger Vizevorsitzender der russischen Duma, Sergej Baburin, gibt sich die Ehre, zeigt die »Republik« Transnistrien, wie sie sich gegen etwaige Angriffe auf ihre Existenz zu wehren gedenkt. Vier MI-8-Kampfhubschrauber, mit transnistrischen Flaggen geschmückt, donnern über die Innenstadt von Tiraspol. Flakgeschütze, schwere Minenwerfer und Mörser, Schützenpanzer und am Ende Stalinorgeln.
»Moldawiens aggressive Kreise müssen kapieren, dass ein Angriff auf uns nicht von einer mit Stöcken bewaffneten Menschenmenge beantwortet würde, sondern von unserer ganzen Armee«, sagt Igor Smirnow, der sich gerade per Verfassungsänderung eine Verlängerung seiner schon zehnjährigen Amtszeit genehmigt hat.
Den Vermittlungsbemühungen des von Putin bestellten Schlichters Jewgenij Primakow kann Smirnow wenig abgewinnen. Primakow hat den Auftrag, ein Modell zu finden, das die Einheit des moldawischen Staats garantiert. »Die Souveränität und Unabhängigkeit der Republik Transnistrien bleiben unantastbar«, sagt hingegen Smirnow. Wenn schon Staatenbund, dann kämen eher die nördlichen Nachbarn in Frage: »Unsere Zukunft hängt von Russland und der Ukraine ab.«
Zu Smirnows Füßen zieht gemeines Volk an der Tribüne vorbei. Allen voran, unter dem Banner »Unser Land - Sowjetunion«, die Veteranen; gefolgt von atemberaubend kostümierten Kosaken mit hohen Fellmützen und üppigen Ordensspangen, mit umgegürteten Degen, Messern im Stiefel, vereinzelt auch mit Stalin-Konterfeis am Revers. Es folgen die Studenten unterm Banner der Weltrevolution.
Es ist die eigentliche Leistung des Igor Smirnow und seiner Kamarilla, dass sie es geschafft haben, aus der Sowjetnostalgie des Volkes und der Sehnsucht nach einer russisch geprägten, stolzen Welt einen transnistrischen Patriotismus zu filtern, von dem sie selbst am meisten profitieren. »Es war eine Revolution der Ingenieure und Fabrikdirektoren«, sagt ein Journalist in der Hauptstadt, »und die teilen nun Macht und Geld unter sich auf.«
Herr Kasmaly würde das so nicht sagen. Mit einer brillantbesetzten Uhr am Handgelenk sitzt er in der Sheriff-Firmenzentrale, auf einer Leinwand vor ihm läuft Sheriff-TV, und er schweigt. Nach einer Weile lässt er Pralinen, dreierlei Zigaretten und 40 Jahre alten Cognac auffahren und schweigt weiter.
Herr Kasmaly beantwortet keine Fragen. Nicht zu seiner Vergangenheit als Polizist, nicht zur Präsidentenfamilie. Nach einer schieren Ewigkeit äußert er etwas, und die Übersetzerin verlautbart mit ersterbender Stimme: »Herr Direktor sagt, er möchte ins Guinness-Buch der Rekorde - als der Mann, der weltweit die meisten Interviews abgelehnt hat.«
Sheriff ist das mächtigste Unternehmen Transnistriens. Der gelbe Stern des Firmenlogos beginnt dem roten Stern im Stadtbild den Rang abzulaufen. Sheriff gebietet über Supermärkte mit westlicher Ware, über eine Tankstelle, die Dollar akzeptiert, eine Mercedes-Niederlassung, einen Fernsehsender, Zeitungen, zwei Fußballvereine, eine Mobilfunklizenz. Die Firma heißt Sheriff, weil nicht nur Herr Kasmaly früher Polizist war. Wiktor Gusan, der Präsident, soll noch 1992 bei der Verhaftung von Oppositionellen selbst kräftig zugelangt haben. Und Wladimir Smirnow, der Sohn des transnistrischen Präsidenten, ist der ehemalige Polizeichef von Tiraspol.
»Nach und nach sind die drei aus der Polizei ausgeschieden. Die Firma wurde gegründet, und seit Smirnow junior Chef der transnistrischen Zollverwaltung ist, läuft alles wie geschmiert«, sagt ein Kenner der Verhältnisse: »Sie stellen nichts her, sie kaufen, verkaufen, diktieren die Preise.«
Sheriff zahlt das Vierfache des landesüblichen Lohns und kauft sich damit auch das Schweigen seiner Angestellten. Gerüchte über Schmuggel, Drogenhandel und Waffengeschäfte in Transnistrien halten sich hartnäckig. »Alle behaupten, Transnistrien ist ein Schmugglerland«, sagt Präsident Smirnow indigniert. Er verbürgt sich dafür, dass das Gegenteil wahr sei.
Der Weltkrieg-Zwei-Veteran Iwaschenko lebt derweil von 150 Millionen Rubel Rente, das ist der Gegenwert von zehn Kilogramm Fleisch. Doch das jetzt ist der Abend der großen transnistrischen Jubelparade. Wladimir Pawlowitsch hat hundert Gramm Wodka im Blut, einen Borschtsch im Magen, und das Gefühl, mit sich im Reinen zu sein.
Stolz sei er gewesen, als er mit Krückstock und Asternstrauß an Präsident Smirnow vorbeimarschierte, sagt der Veteran: »Die Welt sollte wissen, dass es uns gibt. Wir haben für unsere Republik gekämpft, für unsere neue Heimat Transnistrien. Und es war ein gerechter Krieg. So gerecht wie der Krieg gegen Nazi-Deutschland.« WALTER MAYR