SALZGITTER-KONZERN Stark verschuldet
Konrad Ende, Generaldirektor der bundeseigenen Aktiengesellschaft für Berg- und Hüttenbetriebe (Salzgitter-Konzern), hat sich und den Bundesschatzminister Hans Lenz in eine wenig beneidenswerte Lage manövriert. Ihm fehlen 100 Millionen Mark für ein Investitionsprojekt, mit dessen Verwirklichung er bereits begonnen hat, und der neu bestellte FDP-Minister Lenz muß als Verwalter des Bundesvermögens dieses Geld herbeischaffen.
Über dem Vorhaben des Salzgitter -Konzerns, sich umfangreiche neue Walzwerke zuzulegen, hatte von Anbeginn kein guter Stern gestanden. Als Dr. Konrad Ende im Frühjahr 1960 bekannt gab, er werde eine Warmbreitbandstraße mit einer Walzkapazität von jährlich 1,4 Millionen Tonnen Stahl und eine Kaltbreitbandstraße mit einer Leistung von 720 000 Tonnen bauen, protestierten die Manager der privaten Stahlindustrie an der Ruhr. Ihr Wortführer war der Generaldirektor der August Thyssen-Hütte AG, Dr. Hans -Günther Sohl, zugleich Vorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Eisen und Stahl sowie Präses im Investitionsausschuß dieses Verbandes.
Wenn Salzgitter, so warnte Sohl damals, seine Walzwerke in Betrieb nehme, könnten die Breitband-Kapazitäten der westdeutschen Stahlindustrie nur noch zu 70 Prozent genutzt werden. Diese Warnung trug Verbandschef Sohl auch persönlich, im Bundeswirtschaftsministerium vor, wobei er sich von seinem Hauptgeschäftsführer Dr. Hans Dichgans, vom Bundes-Industriepräsidenten Fritz Berg und dessen Hauptgeschäftsführer Gustav Stein unterstützen ließ.
Salzgitter-Chef Ende verteidigte sein Projekt hartnäckig: Der Bundeskonzern sei ohne die neuen Walzwerke ein unrentables Unternehmen; von den zwei Millionen Tonnen Rohstahl jährlich, die seine Gesellschaft künftig produzieren wolle, könne sie in den vorhandenen Walzwerken- nur 1,1 Millionen Tonnen verarbeiten. Solange die Walzkapazitäten nicht vergrößert würden, müsse Salzgitter also 900 000 Tonnen seines Rohstahls zu den niedrigen Preisen des freien Markts verschleudern.
Mit solchen Argumenten erkämpfte Ende wenigstens einen halben Sieg. Er durfte eine Warmbreitbandstraße mit 720 000 statt 1,4 Millionen Tonnen Jahresleistung und eine Kaltbreitbandstraße mit 400 000 statt 720 000 Tonnen bauen. Markthüter Sohl legte daraufhin den Vorsitz im Investitionsausschuß nieder und überraschte die Industriekollegen nun seinerseits mit dem Bau einer neuen Warmbreitbandstraße von 600 000 Tonnen Jahresleistung und einer weiteren Kaltwalzstraße in der eigenen Gesellschaft.
Salzgitter-Boß Ende hingegen konnte seines Teilerfolgs nicht recht froh werden. Für die Gesamtkosten von rund 320 Millionen Mark erhielt er zwar von der Montanunion eine Kreditbürgschaft über 100 Millionen, und die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau steuerte den gleichen Betrag bei. Aber auch nach dem Einsatz von Reserven aus der Konzernkasse fehlten immer noch 100 Millionen Mark.
Einen Bankkredit in dieser Höhe aufzunehmen, muß Konrad Ende sich versagen. »Unser Bilanzbild darf sich nicht verschlechtern«, gesteht er, und Ministerialdirigent Birnbaum aus dem Bonner Schatzministerium sagt deutlicher, der Konzern sei »stark verschuldet«.
Tatsächlich steht das Eigenkapital in der Konzernbilanz mit nur 783 Millionen Mark (davon Aktienkapital: 426 Millionen Mark) zu Buch, die Fremdmittel hingegen betragen 1,8 Milliarden Mark. Fast die Hälfte dieser Fremdmittel besteht aus kurz- und mittelfristigen Geldern.
Die fehlenden 100 Millionen Mark müssen folglich als Eigenkapital im Wege einer Erhöhung des Aktienkapitals aufgebracht werden. Konrad Ende faßte denn auch den Plan, dem Land Niedersachsen junge Salzgitter-Aktien im Nennwert von 100 Millionen Mark zum Kurs von 200 Prozent anzubieten. Aus dem lukrativen Geschäft wurde aber nichts, da der Bund Alleinaktionär bleiben wollte.
Jetzt verlangte Konrad Ende vom neuen Bonner Schatzminister Hans Lenz die »Zuführung von Geldern über den öffentlichen Haushalt«.
Eine solche Transaktion wäre nun allerdings geeignet, dem Minister Lenz den Schlaf zu rauben. Er stünde dabei gegen
- seinen FDP-Parteifreund Finanzminister Starke, der ohnehin nicht weiß, wie er den Mammut-Etat von 53,5 Milliarden Mark finanzieren soll;
- seine Partei, die sich seit je für eine Verminderung, und nicht eine Vermehrung staatlicher Wirtschaftstätigkeit stark gemacht hat;
- die Herren Stein und Dichgans, die seinerzeit bei Ludwig Erhard gegen das Salzgitter-Projekt gewettert hatten und dem neuen Bundestag als Abgeordnete angehören.
Sollte Minister Lenz den Kampf mit so potenten Gegnern scheuen, bliebe ihm nur noch eine Möglichkeit, dem bundeseigenen Manager Konrad Ende aus dessen 100-Millionen-Patsche zu helfen: die Kapitalerhöhung mittels Ausgabe von Volksaktien. Damit würde zwar der Bund seine Stellung als Alleinaktionär verlieren, immerhin aber den Volkskapitalismus fördern.
In einer ähnlichen Situation war auch der Bundeskonzern Preußische Bergwerks- und Hütten-AG (Preußag) im März 1959 teilprivatisiert worden. Auch dieses Unternehmen hatte sein Kapital erhöhen wollen, und der Bund verweigerte die Kapitalheraufsetzung aus Haushaltsmitteln. Daraufhin wurden Volksaktien zur Deckung des Finanzbedarfs der Preußag ausgegeben.
Seit der erfolgreichen Aktion Preußag hat sich allerdings einiges geändert. Wie die gesamte Montanindustrie, ist auch der Salzgitter-Konzern mit seinen Steinkohlenzechen, Erzgruben und Stahlwerken gegenwärtig ein Mauerblümchen der Konjunktur.
Dabei zahlen andere Montanunternehmen immer noch Dividenden von zehn Prozent und mehr. Die stark verschuldete Salzgitter-Gesellschaft indessen erbrachte ihrem Alleinaktionär Bund für das Geschäftsjahr 1959/60 nur magere sieben Prozent. Aktien eines solchen Unternehmens unter das Volk zu streuen, wäre nun nicht gerade die ideale Propaganda für den Volkskapitalismus.
Salzgitter-Chef Ende
Gesucht: 100 Millionen