Starker Tobak
(Nr. 18/1993, SPIEGEL-Serie: Das Ende des Kalten Krieges (IV): Tauziehen um die deutsche Rolle - von Michael R. Beschloss und Strobe Talbott)
Das Tauziehen zwischen Washington und Moskau um die Vollmitgliedschaft des wiedervereinigten Deutschland in der Nato wird von Michael R. Beschloss und Strobe Talbott falsch dargestellt. Es stimmt zwar, daß im Winter 1990 in den sowjetischen Außendiensten eine diesbezügliche Diskussion entbrannt war. Alles übrige jedoch gehört in den Bereich der Phantasie, um nicht zu sagen bewußter Entstellung der Wahrheit. Meinen früheren Chef Walentin Falin und mich selbst in diesem Zusammenhang in einem Zuge mit dem ehemaligen Gromyko-Vize Kornijenko und gar mit Jegor Ligatschow und »anderen Konservativen im Politbüro« zu nennen ist schon starker Tobak. Für diese Saurier war selbstverständlich die deutsche Einheit des Teufels. Falin hingegen war Gründer und erster Repräsentant der sogenannten Germanisten-Fraktion in der sowjetischen Außenpolitik, zu der auch ich gehörte. So wurde eine Denkschule bezeichnet, die schon recht früh, nämlich seit Aushandeln des Moskauer Vertrages 1970, von der Lebensunfähigkeit der DDR ausgegangen war. Das Wunder vom Kaukasus verdankt Kohl vor allem Anatolij Tschernjajew, dem Sicherheitsberater des Präsidenten, der durchaus konzeptionell gedacht hatte, nur aus unserer damaligen Sicht eben falsch, weil einseitig amerikafixiert. *UNTERSCHRIFT: z. Zt. Mainz NIKOLAI PORTUGALOW