Flugsicherung Starten oder Warten?
Im großen Sitzungssaal der Bundesanstalt für Flugsicherung hinter der Frankfurter Opernhaus-Ruine konstatierte die Amtsrichterin Hilke Amthor am vorletzten Freitag: »Die Sache war verdammt gefährlich.« Dann verurteilte sie den Paderborner Flugzeugkaufmann und Fluglehrer Ulrich Peters, 31, zu einem Bußgeld von 500 Mark -- wegen schweren Verstoßes gegen die »Grundregeln für das Verhalten im Luftverkehr«.
Nach Paragraph 1 der Luftverkehrs-Ordnung (LVO) müssen sich Segelflieger und Ballonfahrer, Propeller- und Düsenpiloten in der Luft ähnlich verhalten wie Automobil-Lenker im Straßenverkehr: so, »daß Sicherheit und Ordnung ... gewährleistet sind und kein anderer gefährdet, geschädigt oder mehr als nach den Umständen vermeidbar behindert oder belästigt wird«.
Nach Meinung der Einzelrichterin handelte Peters diesem LVO-Gebot zuwider, als er am 16. Oktober 1971 um 15.56 Uhr mit seiner einmotorigen Sportmaschine Typ »Moran« von der Startbahn des Rhein-Main-Flughafens abhob -- mit zwei Passagieren an Bord in Richtung Kassel.
Plötzlich sah der Privat-Pilot durch die Cockpit-Kuppel kaum 30 Meter über sich eine Boeing 707 der Lufthansa hochziehen, die 2000 Meter hinter ihm fast gleichzeitig gestartet war -- gut besetzt und in Richtung Dakar.
Es gelang Peters, mit einer schnellen Linkskurve dem Turbulenzbereich der Luftwirbelschleppen des Jets zu entkommen. die seine leichtgewichtige Maschine zerrissen oder zu Boden geschmettert hätten. Wäre die »Moran« noch gerollt oder schon höher in der Luft gewesen, dann hätte eine Kollision kaum vermieden werden können.
Die Gerichtsverhandlung über das Near-Miss und den Fast-Fall des Privatflugzeugs deckte wieder einmal und gerichtsnotorisch eine Schuldursache auf, die von Fluglenkern und Flugleitern übereinstimmend als »sehr problematisch« beurteilt wird: die deutschsprachige Sonderfrequenz für den Funksprechverkehr zwischen Airport-Tower und Privatfliegern.
Während im internationalen und deutschen Linienflugverkehr Starts und Landungen, Temperatur und Tempo, Pannen und Passagiernöte in englischer Sprache nach dem IFR-Code (Instrumental Flight Rule) angesagt und bestätigt werden, gelten für alle anderen Teilnehmer am Luftverkehr -- Militärmaschinen ausgenommen -- die »Visual Flight Rules« (VFR), und zwar in der Heimatsprache.
Vor den Radarschirmen der Flugsicherung kümmert sich jeweils der »Platzverkehrslotse 2« nebenbei um die gerade auf Großflughäfen seltenen VFR-Durchsagen. die meist recht leger gesprochen werden. So gab denn auch Peters Vollgas, nachdem er vom Fluglotsen Dietmar Vollmert auf dem Rhein-Main-Tower die Weisung »Starten Sie bitte« erhalten hatte, obwohl die korrekte VFR-Formel »Start frei« heißt.
Vollmert will aber gerade wegen des Lufthansa-Abflugs »Warten Sie bitte« gesagt haben, obwohl der VFR-Code »Halten Sie« (die momentane Position) vorschreibt. Und wie andere Ohrenzeugen verstand die Richterin Amthor beim Abhören des Flugsicherungs-Tonbands ebenfalls »Warten« und nicht »Starten«.
Die vorschriftsmäßige Funk-Bestätigung des »Moran« -- Piloten ("Ich starte") hörte Vollmert allerdings nicht mehr, weil er den Start der Boeing 707 verfolgte und Peters in Wartestelhing wähnte. Der aber war schon gestartet, allerdings »mit einem etwas seltsamen Gefühl, aber einen Rückspiegel haben Flugzeuge ja nicht«.
40 Sekunden später, als Peters ab nach Kassel kurvte. kam vom Tower die Piloten-Schelte, der -- im Mai dieses Jahres -- ein Bußgeldbescheid der Bundesanstalt über 300 Mark folgte. Peters« Einspruch dagegen wurde verworfen -- das Gericht in Frankfurt attestierte ihm »Fehlverhalten« sowie mangelnde Sorgfalt und erhöhte die Buße um 200 Mark. Peters: »Völlig untragbar und von keiner Sachkunde getrübt.«
Vergeblich attackierte Peters-Verteidiger Fred Adermann, selbst ein versierter Flieger, die lasche Funksprache und die angebliche Unaufmerksamkeit des Frankfurter Fluglotsen: »Obwohl mein Mandant zehn Minuten lang als einziges Häschen auf der deutschen Frequenz war, hat der Flugleiter völlig versagt und unzulässig formuliert.«
Versagen durch Sprech- und Hörfehler, wie sie auf deutsch immer wieder vorkommen, wären auf der englischen Frequenz ausgeschlossen: »Wait« (warten), »Take off« (starten) oder »Hold position« können kaum mißverstanden werden.