Staub
Die in Ihrem Bericht »Tiger aus Papier« (Spiegel Nr. 25) zitierte amerikanische Kritik an der Chinapolitik des früheren Staatssekretärs Marshall ist in keiner Weise in den Tatsachen begründet, sondern entspringt dem Bestreben, jetzt einen Sündenbock zu finden. General Marshall hörte lediglich auf die Stimmen aller wirklichen amerikanischen China-Kenner und überzeugte sich dann ein Jahr lang im Lande selbst von der Richtigkeit ihrer Auffassung, daß der Sieg Mao Tsetungs über die innerlich restlos zersetzte Kuomintang schon vor Jahren eine ausgemachte Sache war. Man konnte lediglich noch über den Zeitpunkt des endgültigen Zusammenbruchs geteilter Meinung sein. Verhindern konnte ihn keine Macht der Welt.
Es gibt natürlich Bewegungen, die sich auch mit Waffengewalt nicht aufhalten lassen. Vor einer solchen sehen wir uns in China. Eine kluge Politik unternimmt nicht den Versuch, Unabwendbares abwenden zu wollen, sondern zieht es vor, sich rechtzeitig darauf einzustellen und »to make the best of it«. Insofern stehen General Marshall und seine Berater heute glänzend gerechtfertigt da.
Die Unterstützung, die man gegen ihren Rat trotzdem weiterhin der Kuomintang gegeben hat, ist in Wirklichkeit nur Mao Tsetung zugute gekommen. Wenn man, wie die Kritiker Marshalls wünschten, Chiang Kaishek mehr Waffen geschickt hätte, so hätten heute die chinesischen Kommunisten noch mehr amerikanische Waffen, als sie so schon von den geschlagenen, kapitulierenden und überlaufenden Truppen Chiangs erhielten. Denn deren Niederlage beruht nicht darauf, daß sie nicht genügend amerikanisches Kriegsmaterial hatten, sondern auf dem inneren Verfall der zu einer reinen Räuberherrschaft gewordenen Kuomintang, der das chinesische Volk einschließlich der Soldaten der Nationalarmee notwendigerweise sein Vertrauen und seine Unterstützung entziehen mußte. Man kann sich im Augenblick keine bessere amerikanische Politik gegenüber China vorstellen als die von Marshall begonnene und von Acheson fortgesetzte, nämlich abzuwarten, »bis sich der Staub setzt«.
Hamburg
WOLF SCHENKE