Indien Staub und Kuhdung
Als der indische Politiker Tschandra Schekhar, 63, am Freitag vorvergangener Woche zu Beratungen über die Zukunft des Landes zu seinem Staatspräsidenten Ramaswami Wenkatamaran, 79, gerufen wurde, mußte der Termin um eine Stunde verschoben werden. Klatschmäuler wollten auch wissen, warum: Astrologen hätten dem bekennenden Sozialisten bedeutet, der Termin sei für einen Neuanfang nicht günstig, da der südliche Mondknoten zwischen 9 und 11.45 Uhr einen Schatten auf die Erde werfe.
Ob er nun dran glaubte oder nicht - tags darauf war der Mann, über den gelästert wird, er sei »der beste Premier, den Indien nie hatte«, am heißersehnten Ziel. Glücklich werde er sterben, hat Tschandra Schekhar einmal von sich gesagt, wenn er auch »nur eine Stunde« Ministerpräsident Indiens sein könnte.
Aus der einen Stunde könnten 4368 werden - sechs Monate, mehr geben Politgurus in Neu-Delhi dem graubärtigen, machthungrigen Veteranen nicht, der mit einem Fähnlein von 58 Unaufrichtigen von der Regierungspartei abgefallen war und damit dem schwerbedrängten Premier Wischwanath Pratap Singh, 59, den Todesstoß versetzt hatte.
Ob Schekhar nun freilich irgendwann glücklich sterben kann, steht in den Sternen. Er »könnte sich wünschen, er hätte das Amt nie übernommen«, orakelte jedenfalls der britische Economist. Denn Indien, mit seinen 860 Millionen Menschen die volkreichste Demokratie der Erde, brennt an so vielen Enden wie seit seiner blutigen Geburt vor 43 Jahren nicht mehr, es erlebt »die Götterdämmerung seiner Demokratie«, wie der politische Kommentator Riki Dschaipal mahnte.
Als Singh vor fast einem Jahr der ebenso korrupten wie inkompetenten Kongreßpartei-Regierung unter Radschiw Gandhi, 46, die Macht entriß, galt er, einstmals selber Minister unter Gandhi, als große Hoffnung: als integrer, unbestechlicher Mann mit sozialem Engagement, ergeben dem säkularen Credo des multireligiösen Vielvölkerstaats.
Doch in seinem knappen Regierungsjahr explodierten alte Brandherde - in Kaschmir gerieten Hindus mit separatistischen Moslems in Gemetzel, im Pandschab forderten Massaker zwischen Hindus und terroristischen Sikh-Separatisten 600 Tote pro Monat, auch in Assam eskalierte der Terror von Autonomiegruppen gegen die Bevölkerung.
Neue Fronten zwischen den zahlreichen Kasten der Hindus, mit über 80 Prozent der Inder die größte Religionsgruppe, brachen auf, nachdem Singh den sogenannten Backward Castes, rückständigen Kasten, 27 Prozent aller staatlichen Jobs versprochen hatte (SPIEGEL 38/1990). Aus Protest haben sich bislang 110 Angehörige hoher Kasten, die um ihre Zukunftschancen bangen, öffentlich selbst verbrannt. Ein Mädchen vermachte, bevor es sich erhängte, seine Augen Singh, damit er sehen könne, was er angerichtet hat.
Selbst diese Horrorbilder verblaßten im Getümmel um das alte Tempelgelände von Ajodhja, wo die Moslems eine Moschee haben, die Hindus aber mit dem Wiederaufbau eines Tempels zu Ehren ihres Gottes Rama begonnen haben, der dort, sollte es ihn denn je leibhaftig gegeben haben, geboren sei (SPIEGEL 44/1990).
Premier Singh hatte gläubige Hindus gegen sich aufgebracht, als er Lal Krischna Adwani, den Führer der Hindu-Partei Bharatija Dschanata Party (BJP), auf seinem Marsch nach Ajodhja verhaften ließ. Noch bevor Polizei und Armee die Stadt in den Belagerungszustand versetzten, 100 000 militante Hindus in Arrest nahmen und Hunderte Moslems und Hindus starben, hatte die BJP, auf deren Unterstützung Singhs Regierung - neben den Kommunisten - angewiesen war, ihm die Gefolgschaft aufgekündigt.
Tschandra Schekhars Stunde war gekommen. Den Dolch hatte er seit dem Regierungsantritt Singhs im Gewand, denn er hat dem Rivalen nie verziehen, daß der, ein Neuankömmling, Schekhar den Vorsitz der Partei abtrickste, den er beanspruchte.
Damit war Schekhars Traumziel, der Ministerpräsidentenstuhl, vorerst entrückt. Indem er die Partei spaltete und seine Gruppierung Dschanata Dal (S) - das S steht angeblich für Sozialismus - gegen Singh aufbaute, war dessen Ende sicher: Ein niederschmetterndes Mißtrauensvotum Mitte vorvergangener Woche, 356 zu 151 Stimmen, fegte ihn aus dem Amt.
Der Mann, der das Chaos übernimmt, stammt wie Singh aus einer hochrangigen Kriegerkaste, doch anders als Singh ist er Sohn armer Eltern. Er war der erste seines Dorfes im Unionsstaat Uttar Pradesch, der ein Studium - Politikwissenschaften - absolvierte.
Als Sozialist wurde er mit 34 Jahren ins Oberhaus (Radschja Sabha) gewählt, verkrachte sich aber bald mit seinen Genossen und wechselte zur Kongreßpartei. Als Indira Gandhi die Partei 1969 spaltete, ging er mit ihr und erwarb sich den Ruf als Indiras »Jungtürke«, der vehement deren Verstaatlichungsprogramme und das Beschneiden aller Privilegien der Maharadschas vertrat.
Aber noch bevor Indira Gandhi 1975 den Ausnahmezustand verhängte, hatte sich Schekhar auch mit ihr überworfen und war in den politischen Zirkel seines alten Mentors, des sozialistischen Mahatma-Gandhi-Schülers Dschajaprakasch Narajan, heimgekehrt.
Während des Ausnahmezustands kam er ins Gefängnis - 21 Monate lang. Als Präsident des damaligen Dschanata-Wahlbündnisses besiegte er beim nächsten Urnengang die einstige Chefin. Doch die stieg bei den Wahlen von 1980 kometenhaft wieder auf, nachdem sich ihre Kontrahenten, unter heftiger Mitwirkung Schekhars, in ausweglosen Intrigen verstrickt und selbst politisch erledigt hatten.
1983 erregte der ehrgeizige Politiker Aufmerksamkeit mit einer 4260 Kilometer langen »padajatra«, einem Fußmarsch nach Mahatma-Vorbild durch Indien, um die Verbindung mit dem Volk herzustellen, dessen Probleme zu verstehen und wieder einmal »den jedem indischen Dorf eigenen Geruch von Staub und Kuhdung« einzuatmen.
Doch der Abgasgestank Neu-Delhis und der Dunst politischer Kabale waren auf Dauer wohl attraktiver für Schekhar, der von sich sagt: »Die Moral überlasse ich anderen. Ich bin ein Mann, der immer mit allen Übeln und Lastern Kompromisse geschlossen hat.«
So zielstrebig hat er jetzt seinen Traumsessel erklommen, ohne je etwa als Minister Verantwortung gehabt zu haben - für den Preis, daß in Indien, in Stunden höchster Not, wieder einmal Zynismus, Opportunismus und brutales Machtkalkül obsiegt haben, und zwar in einem Stil, »daß Molotow und Ribbentrop erröten würden«, wie der Economist fand.
Die alte Kongreßpartei, die 39 Jahre die Geschicke des Landes bestimmt hat, wittert bereits ihr Comeback nach einer vernichtenden Niederlage vor einem Jahr, ihr umstrittener Führer Radschiw Gandhi steht bereit.
Gandhi, Nehrus Enkel und Indira Gandhis Sohn, hatte keine Skrupel, sich mit Schekhar zu verbünden, der über ihn einmal gesagt hatte, er sei nicht in der Lage, Indien auch nur einen Tag zu regieren.
Der Staatspräsident, der aus Sorge vor neuerlichen Gewaltausbrüchen keine sofortigen Neuwahlen wollte, hatte Gandhi, dessen Partei mit 195 Sitzen die stärkste im indischen Unterhaus Lok Sabha ist, als ersten mit der Bildung einer Übergangsregierung beauftragt. Doch der lehnte dankend ab.
Schekhar war erst die vierte und letzte Wahl. Aber er nahm an, denn Gandhi versprach ihm die Unterstützung der Kongreßpartei. Gandhi und seine Partei brauchen noch Zeit, um ihr angeschlagenes Image aufzupolieren. Sie müssen auch versuchen, potentielle Wähler von Singhs Partei und der BJP zurückzuerobern: Unterkasten, Minderheiten sowie orthodoxe Hindus.
Vor allem aber wollen sie, wie Mutter Indira es schon mal getan hatte, zynisch abwarten, bis jede Regierung anderer Couleur dermaßen abgewirtschaftet hat, daß der Kongreß als einzige Rettung erscheint. »Den Schlamassel, den Singh hinterlassen hat«, gestand ein Gandhi-Vertrauter, »wollen wir nicht wegräumen.«
Damit freilich hat Indien in der gefährlichsten Periode seit seiner Unabhängigkeit eine Regierung auf der allerdünnsten Basis von nur 58 Mandaten. Dem Premier Schekhar werden seine eigenen Gefolgsleute gerade reichen, um die Minister- und Staatssekretärsposten zu besetzen.
Politisch verbindet Schekhars Spaltergruppe und Gandhis Kongreß nichts als der gemeinsam erfüllte Wunsch, Singh, der Indiens herrschenden Kasten an den Nehru-Kragen wollte, zu vertreiben.
Asiens kranker Riese wird so wohl noch tiefer im Chaos versinken. Was Schekhar anlangt, müsse »man kein Astrologe sein«, so der britische Observer, »um ihm die Zukunft vorauszusagen«.