Automobile Stecker versilbert
Bei Porsche, wo »das Fahren in seiner schönsten Form« (Firmenslogan) erfunden wurde, gilt seit jeher die Devise des langjährigen Rennleiters Fritz Huschke von Hanstein: »Wenn man drauftritt, muß er schießen.«
Die neueste Entwicklung des Zuffenhausener Techniker-Stabes aber wird nur schleichen. Dafür sollen die Benutzer ein halbes Fahrerleben lang drauftreten können.
Ein grundsolides Gefährt. letzte Woche als Studienmodell vorgestellt -- das ist Porsches Überraschungsbeitrag für die Frankfurter Automobil-Ausstellung: ein Familienwagen der unteren Mittelklasse, geeignet auch für »Transportaufgaben oder gelegentliche Schlafbenutzung«. Nur 75 PS aus einem »völlig unsportlichen« Zweieinhalb-Liter-Motor sollen ihn gemächlich voranbringen. Dafür jedoch werde er aus besten Werkstoffen gefertigt und für zwanzig Jahre oder mindestens 300 000 Kilometer gut sein.
»Umdenken« empfiehlt das kleinste bundesdeutsche Auto-Haus der ganzen Branche, die in der Weltwirtschaft als Schlüsselindustrie gilt.
Verkehrsgefahren und Luftverschmutzung hätten zwar in den vergangenen Jahren schon technische Neuerungen erzwungen. vor allem für die Abgasentgiftung und Unfallsicherheit. Nun aber sei gar »Rückschritt« nötig, »etwa bis zu jenem Punkt, als das Auto gerade eine befriedigende Funktionstüchtigkeit erreicht hatte«.
Von da an, fordert die Studie, müßte das Automobil gleichsam noch einmal mit neuem Ziel weiterentwickelt werden. Anhäufung wertlosen Schrotts. Rohstoffmangel und Energiekrisen. so lud Porsche die Konkurrenz zu gemeinsamem Schwenk ein, erforderten ein »Forschungsprojekt Langzeit-Auto«.
Porsche-Chefkonstrukteur und Geschäftsführer Dr. Ernst Fuhrmann trat bei der Pressekonferenz vor verblüfften Motor-Journalisten als beredter Zeitkritiker auf und beschwor die »Grenzen des Wachstums«. »Porsche kommt mit dieser Idee einem tiefen Wunsch der Menschen entgegen«, schwärmte »Bild«, »dem Wunsch nach Beständigkeit.« Die »Süddeutsche Zeitung«. realistischer. hörte einen »Mängelkatalog zahlreicher gängiger Serienmodelle« heraus. Immerhin gebe das Projekt ein Signal zur »Abkehr von der in der Branche verbreiteten Wegwerf-Mentalität«.
Die Renner-Konstrukteure entwarfen in der Tat einen Fahrzeugtyp, der sogar hausväterlichen Verbrauchern äußerst durabel anmuten muß. Nach Porsches futuristischem Konzept
* soll generell der Verschleiß gemindert werden -- vom Motor, der für niedrige Drehzahlen ausgelegt ist. einer korrosionsbeständigen Aluminium-Karosserie und Reifen mit tiefem Profil bis hin zu speziell legierten Bremsscheiben. kratzfestem Glas und versilberten elektrischen Kontakten:
* soll selbst nach zwei Jahrzehnten Laufzeit das ausgediente Auto durch Teile-Austausch noch zu einem »preiswerten Sekunda-Wagen« verarbeitet werden können: > müsse das Material. da gegenwärtig schon jährlich eine Million Autowracks in Westdeutschland anfallen, von vornherein auf Wiederverwendung ausgewählt werden -- der Anteil von Abfall-Schrott, besagt die Studie, könnte so um 30 bis 40 Prozent vermindert werden.
Bei aller Qualität, errechnete Fuhrmanns Team, würde jeder der unverwüstlichen Wagen nur 30 Prozent mehr kosten als ein herkömmliches Automobil mit gleicher Leistung, aber halber Gebrauchszeit. Dies freilich regte die zum Mitdenken eingeladenen K on kurrenten denn doch auf. die sich ohnehin durch den Porsche-Vorstoß auf der Frankfurter Kraftfahrt-Schau in die Rolle achtloser Umweltsünder gedrängt sehen.
Als »völlig utopisch« beurteilte ein Daimler-Benz-Mann die Kalkulation. Und anspielend auf ein Bemerken des Bundesbauministers, die Automobil-Industrie solle »sich um ihre eigene Zukunft Gedanken machen« -- tat er verärgert kund, Zuffenhausener »liefern dem Vogel doch nur Material«.
Allerdings führen die Porsche-Leute ihre -- vorerst »unverbindlichen« -- Zukunftspläne an einem Projekt vor, das schon eine besonders kostspielige Vergangenheit hat. Kenner entdeckten an dem Modell Merkmale jenes Prototyps EA 266, den Porsche für das Volkswagenwerk entwickelt hatte. VW-Chef Leiding verwarf das Fahrzeug schließlich, weil es mit einem Stückpreis von etwa 10 000 Mark zu teuer geraten wäre; VW-Verlust an diesem Projekt: mehr als 250 Millionen Mark.