GEDENKTAGE Stein oder Bronze
Lucy S. Dawidowicz möchte in ihrer Heimatstadt New York ein Bronzedenkmal errichten lassen. Rabbi Alfred Gottschalk, der aus dem Rheinland stammt und jetzt in Ohio lebt, hält die Bundeshauptstadt Washington für den besseren Standort. Er findet zudem -- wie Frank R. Lautenberg aus New Jersey -, daß eine Bibliothek oder ein Museum ein besseres Mahnmal wäre als ein Kunstwerk aus Stein oder Bronze.
Die drei US-Bürger gehören zu einer von Jimmy Carter berufenen »Präsidenten-Kommission über den Holocaust«. Ihre 34 Mitglieder, darunter fünf Senatoren und fünf Abgeordnete des Repräsentantenhauses, sollen bis Juni Pläne für die Errichtung und Finanzierung einer Gedenkstätte erarbeiten, die an die sechs Millionen Opfer der Judenverfolgung durch Nazi-Deutschland erinnert.
Die Kommission bereitete schon nationale Gedenktage für die Holocaust-Opfer vor, derer in diesem Jahr erstmalig offiziell gedacht wird am 28. und 29. April, wenn sich zum 34. Male die Befreiung des Konzentrationslagers Dachau durch US-Truppen jährt.
Am 24. April soll Präsident Carter auf einer Gedenkveranstaltung des Kongresses im Kuppelsaal des Kapitols sprechen. Am Wochenende laden Gouverneure und Bürgermeister zu Gedenkfeiern ein, wird in Synagogen und Kirchen in den Vereinigten Staaten an den Völkermord erinnert. In der Kathedrale von Washington wird Senator John C. Danforth aus Missouri predigen, ein christliches Mitglied der Holocaust-Kommission, von dem der Vorschlag für die Gedenktage stammt.
Die Präsidenten-Kommission, die Gedenktage und das geplante nationale Mahnmal sind Folgen der Fernseh-Serie »Holocaust«, die im April 1978 rund 120 Millionen Amerikaner vor die Bildschirme gebracht hatte, die zweitgrößte Zuschauerzahl (nach »Roots« mit 130 Millionen) in der Geschichte des amerikanischen Fernsehens.
Zwar beschäftigten sich auch schon früher Institute wie das »Center for Holocaust Studies« im New Yorker Stadtteil Brooklyn und das »Simon Wiesenthal Center for Holocaust Studies« in Los Angeles mit dem Judenmord, und rund 150 amerikanische Schulen und Universitäten boten Kurse über die Judenvernichtung durch das Dritte Reich an.
Doch diese Veranstaltungen waren mehr oder weniger Sache der US-Juden. Bernard Keiner, ein Pädagoge aus Philadelphia, erlebte 1977 auf einer nationalen Konferenz von Lehrplan-Gestaltern, daß die meisten nicht wußten, was »Holocaust« bedeutete.
Die Fernseh-Serie belehrte dann die ganze Nation -- und das Interesse an dem »pathologischen Ereignis« (so der Holocaust-Forscher Franklin Littell) hielt an: Tausende kamen in das Washingtoner Nationalarchiv und studierten Dokumente über die Judenverfolgung. In Philadelphia ließen sich über hundert der 450 Sozialkunde-Lehrer weiterbilden, um über Holocaust unterrichten zu können. Im ganzen Land nahmen über 700 höhere Schulen und Universitäten Holocaust-Kurse in ihr Lehrprogramm auf.
Manche bieten allerdings »eine Menge Dilettantismus«, so Henry Friedlander, Professor für judaische Studien in Brooklyn. Verständlich, aber für viele doch auch anfechtbar: Oft genug entwickeln sich die Lektionen zu Propaganda-Veranstaltungen für Israel. Auf einem Holocaust-Symposium im vergangenen November in Seattle sprach zum Beispiel Chaim Herzog, einst Chef der israelischen Abwehr, Militärgouverneur im besetzten Westjordanien und Vertreter seines Landes bei der Uno in New York.
Ludwig Gehrken, 38, Chefredakteur der deutschsprachigen »Abendpost« in Chicago, erlebte hingegen, wie die Holocaust-Welle Deutschen schadete: Nach der Fernseh-Serie wurden seine Kinder von Spielgefährten als Nazis beschimpft. Gehrken sammelte Unterschriften gegen die Einführung von Holocaust-Stunden an Chicagos Schulen.
Die Präsidenten-Kommission, von Jimmy Carter durch die Order Nummer 12093 vom 1. November 1978 ins Leben gerufen, spricht sich dafür aus, Holocaust-Unterricht zu geben. Kommissions-Mitglied Stephen J. Solarz, jüdischer Kongreßabgeordneter aus New York, möchte ihn sogar per Gesetz landesweit als Pflichtfach einführen. Die Mehrheit der Kommissions-Mitglieder aber will im Zusammenhang mit Holocaust nicht nur von Juden sprechen, sondern auch von anderen verfolgten Minderheiten, etwa Armeniern oder vietnamesischen Boots-Flüchtlingen.
Hadassah Rosensaft, die Auschwitz und Bergen-Belsen überlebte, dankte auf der ersten Sitzung Jimmy Carter dafür, daß er als erster US-Präsident eine Holocaust-Kommission ernannt habe. »Wir sind hier zusammengekommen, weil wir uns erinnern«, sagte der Ausschuß-Vorsitzende Ehe Wiesel, »und wir hoffen, andere dazu zu bringen, sich ebenfalls zu erinnern.
Dann stellte der einstige KZ-Insasse, der jetzt in Boston lehrt, eine für viele Amerikaner quälende Frage: »Wenn 1942 oder 1943 eine Präsidenten-Kommission ernannt worden wäre, um den Holocaust zu verhindern, wie viele Opfer -- Juden und Nichtjuden -- wären dann wohl gerettet worden?«