Südafrika Steiniger Weg
Friedensfreude« verkündete die afrikaanssprachige Hauptstadtzeitung Hoofstad am Dienstag in Pretoria. In der Nacht zuvor hatten die Regierung der weißen Minderheit und die Vertreter der schwarzen Mehrheit nach 15stündigen Verhandlungen einen historischen Vertrag geschlossen.
Seite an Seite stellten sich Präsident Frederik de Klerk und ANC-Führer Nelson Mandela im Unionsgebäude, dem Regierungssitz, der Presse - gerade so, als herrschten sie schon gemeinsam über ein schwarz-weißes Südafrika.
Die einstmaligen Todfeinde unterzeichneten ein Dokument, das sogenannte Pretoria-Protokoll, in dem der ANC, 29 Jahre nach Verkündung des bewaffneten Kampfes, auf Gewalt verzichtet, »für den Moment jedenfalls«, wie sogleich einige Radikale des kommunistischen Flügels und der militärischen Organisation Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation) korrigierten.
Im Gegenzug wird de Klerk in den nächsten Monaten rund 1500 politische Gefangene entlassen. Außerdem dürfen etwa 20 000 ANC-Flüchtlinge aus dem Exil unbehelligt nach Südafrika heimkehren.
Selbst für eines der schwierigsten Probleme der Übergangszeit, die mangelnde Unparteilichkeit von Polizei und Sicherheitskräften, scheint eine Lösung näherzurücken. Dem ANC, der den Uniformierten wiederholt rassistische Feindseligkeit nachweisen konnte, sollen künftig Überwachungsfunktionen zugestanden werden: Bei Polizeieinsätzen in Unruhegebieten etwa werden Ex-Guerrilleros im Krisenstab sitzen.
Nach dem Verhandlungsmarathon vom Wochenanfang waren selbst einige Teilnehmer überrascht, »wie forsch wir nach den Jahrzehnten des Schweigens aufeinander zugegangen sind«. Man sei der eigenen Zeitplanung um vier bis sechs Monate voraus, sagten erstaunt Regierungsbeamte zu dem Erfolg der letzten Woche. Bis zum Jahresende, lautet eine optimistische Einschätzung, könnte bereits das nächste Verhandlungsstadium erreicht sein.
Dann allerdings wird man nicht nur den verbliebenen Apartheidsgesetzen zu Leibe rücken müssen, vielmehr sollen auch alle politischen Gruppierungen am Verhandlungstisch sitzen, außer dem ANC, der populärsten Vertreterorganisation der Schwarzen, beispielsweise auch die Inkatha-Bewegung des Zulu-Häuptlings Buthelezi.
Blutige Rivalität zwischen ANC und Inkatha hat in den letzten vier Jahren in der Natal-Provinz rund 4000 Menschenleben gekostet und droht sich gegenwärtig landesweit auszuweiten. Außerdem agitieren noch Azapo (Azanian People's Organization) und PAC (Pan-Africanist Congress), die jeglichen Pakt mit Weißen ablehnen und Mitte letzter Woche erklärten, der Kampf werde fortgesetzt.
Etlichen »jungen Löwen« des ANC gefallen solche Radikalparolen noch immer. Es sind Jugendliche, denen die durchweg betagte Führung zu nachgiebig erscheint, vielfach noch Kinder, die von der Kalaschnikow träumen und Bomben gegen Schulen werfen.
ANC und Regierung stehen unter erheblichem Zeitdruck. De Klerks »Buren-Perestroika« hat ein explosives Gemisch aus schwarzer Ungeduld und weißer Angst erzeugt. Landauf, landab sind Zehntausende im Streik, Entlassungen in großer Zahl heizen die Wut weiter an. Hotels, ganze Industriebranchen, selbst Krankenhäuser werden Ziele neuer Aggression.
Allein von Dienstag bis Donnerstag vergangener Woche starben in der Umgebung der Hafenstadt Port Elizabeth mehr als 30 Menschen bei Krawallen und Plünderungen. Die Cape Times, die jeden Tag die Unruhen auf einer Karte mit Buchstaben markiert, brauchte unlängst das ganze Alphabet. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres zählte das Johannesburger Institut für Rassenbeziehungen 1591 Opfer, nahezu 200 mehr als im ganzen letzten Jahr.
Gleichzeitig machen de Klerks rechtsradikale Gegner mobil. Es sind Leute vom Schlage eines weißen Arztes, der jetzt vor vergnügt johlenden Anhängern der ultrarechten Konservativen Partei verkündete: »Lieber würde ich sterben, als mich bei einer Transfusion mit verseuchtem Blut von Schwarzen verunreinigen zu lassen.«
Schätzungsweise ein Viertel der weißen Wähler sind solche Apartheidsfanatiker alten Stils. In gleichem Maße wie der Reformpräsident inzwischen von mehr als 70 Prozent der Schwarzen gelobt wird, weil er »einen guten Job« mache, verliert er die Gunst der Weißen. Nach jüngsten Meinungsumfragen ist kaum noch die Hälfte von ihnen mit seinem Kurs einverstanden. Ein großer Teil will sich allerdings »zum gegenwärtigen Zeitpunkt« nicht äußern.
Die regierende Nationale Partei wie auch der ANC wollen nun ihrem sinkenden Ansehen durch großangelegte Werbekampagnen entgegenwirken. In Annoncen, bei öffentlichen Versammlungen »und selbst hinter Gefängnismauern«, so ein PR-Planer des ANC-Büros in Johannesburg, wolle man »für den friedlichen Weg zu einem demokratischen Südafrika« werben. Dazu werden sogar hochrangige Funktionäre in die Flüchtlings- und Militärlager des ANC nach Sambia und Tansania geschickt.
De Klerks Strategen wiederum hoffen, daß mit den bröckelnden internationalen Sanktionen die lahmende Wirtschaft in Schwung kommt. Gegenwärtig kosten Immobiliendarlehen über 20 Prozent Zinsen, Abzahlungsverträge gar 30 und mehr. Linderung ist notwendig - spätestens wenn eine neue Verfassung, vielleicht schon im Herbst nächsten Jahres, von den weißen Wählern in einem Referendum angenommen werden soll.
Nur im sportbegeisterten Südafrika ist zu verstehen, was ein Regierungsmitglied dem SPIEGEL als »unsere geheime, große Hoffnung« verriet.
Derzeit erkunden Delegierte internationaler Sportverbände, ob und wie der Sportboykott gegen den Burenstaat zu lockern sei. Der Minister hofft: »Wenn wir im Jahr 2000 die Olympischen Spiele ausrichten dürften, würden wir vorher auch eine Demokratie.«