Steinzeitfrau - DER SPIEGEL
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BÜCHER Steinzeitfrau

Marjorie Shostak: »Nisa erzählt«. Deutsch von Manfred Ohl und Hans Sartorius. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek, Reihe »neue frau«. 348 Seiten; 9,80 Mark.
• aus DER SPIEGEL 41/1982
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Sie nennen sich »die wahren Menschen«, ein paar tausend von ihnen mag es noch geben: Das Buschvolk der kleinwüchsigen, relativ hellhäutigen Kung, die am Nordrand der Kalahariwüste nomadisieren, hat bis weit in unser Jahrhundert hinein an den Lebensformen einer Sammler-und-Jäger-Gesellschaft festgehalten. Das hat den Kung seit zwanzig Jahren die besondere Aufmerksamkeit amerikanischer Ethnologen eingebracht: Sie sahen die Chance, dort - kurz vor dem schon sichtbaren Untergang - das Bild einer gegenwärtig noch intakten Steinzeitkultur festzuhalten.

»Nisa erzählt« aber ist kein ethnologischer Report, der Durchschnittliches und Spezifisches über die Kung sortiert, sondern die höchst individuelle, mit heftigem Temperament vorgetragene Autobiographie einer Kung-Frau, und wohl keiner typischen. Nisa, die heute etwa 60 Jahre alt sein muß, sieht sich selbst als eine besonders schlaue, dickköpfige und unstete Person, und ein paar Ehemänner und Liebhaber mehr als üblich hatte sie wohl auch.

Die Selbstdarstellung einer Steinzeit-Frau, die keinen Begriff von Bild oder Schrift hat, aber aus den Fußspuren eines Unbekannten im Sand vielerlei Informationen zu lesen versteht: ein harter, lapidarer, bewegender Text. Die Ethnologin Marjorie Shostak, die über zwei Jahre bei den Kung lebte, hat Nisas Lebensgeschichte aus einer langen Reihe von Tonbandgesprächen montiert und mit Kommentaren über den Alltag der Kung ergänzt.

Kleine Menschen, die, gut 2000 Kilometer im Jahr, von Wasserloch zu Wasserloch durch die Buschsteppe ziehen; eine unkriegerische Gesellschaft, in der es kaum Privilegien, kaum Hierarchien gibt (selbst Trance und magische Medizin kann jeder lernen); Männer, die (mit Speer, Giftpfeil und Schlinge) für die Beschaffung fleischlicher Nahrung, und Frauen, die für die pflanzliche zuständig sind. Ihre Kinder - nur etwa alle vier Jahre eines wegen der langen Stillzeit - bringen die Kung-Frauen meist allein unter einem Baum hockend zur Welt: »Die Schmerzen reißen dir das Herz aus dem Leib.«

Fast die Hälfte aller Kung sterben, bevor sie erwachsen werden, und so alt wie Nisa werden nur wenige. Sie hat ihre Kinder alle längst begraben. Kein idyllisches Leben, und doch sagt Marjorie Shostak, den Untergang der Kung vor Augen: »Sie haben eine beneidenswerte Balance zwischen Arbeit und Liebe, Ritual und Spiel erreicht.«

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