KONKURSE Sterben nach Plan
Die Kanzleiräume in der Berliner Lietzenburger Straße 107 waren David Heckmeier-Mohr vertraut. Regelmäßig führten Geschäfte den gelernten Elektroinstallateur zu Notar Hartmut Hesse. Immer ging es um Verträge, die ihn reicher und seine Geschäftspartner um ein Problem ärmer machten.
Am Ende der Notartermine besaß Heckmeier-Mohr in der Regel mindestens eine Firma mehr - meist aus der Baubranche. Besonders kommod: Die Neuerwerbungen machten kaum Arbeit und kosteten kein Geld.
Firmenunterlagen ließ er sich erst gar nicht aushändigen, dafür aber brachten die Verkäufer meist 10 000 Mark in bar mit. Die Summe schoben sie Heckmeier-Mohr diskret am Rande des Notartermins im verschlossenen Umschlag zu. Dafür waren die Verkäufer ein großes Problem los: Ihre Firmen waren schließlich pleite, die Männer entledigten sich so ihrer Schulden.
Die auf den ersten Blick clevere Geschäftsidee bereitet dem Selfmade-Manager Heckmeier-Mohr allerdings nun Probleme: Acht Monate saß er in der Justizvollzugsanstalt im sachsen-anhaltinischen Dessau in Untersuchungshaft, seit zwei Wochen ist er rechtskräftig verurteilt zu viereinhalb Jahren Gefängnis.
Die Staatsanwaltschaft Halle warf dem Firmenaufkäufer, der zeitweise über 50 Gesellschaften besaß, die maßgebliche Beteiligung an einem Wirtschaftsbetrug vor, der bei Sozialkassen, Arbeitsämtern und Vertragspartnern aus der Wirtschaft ein zweistelliges Millionenloch gerissen hat. Erfreulich für die Ermittler: Heckmeier-Mohr ist der Erste aus der Gilde der Firmenbestatter, der umfassend über die Tricks des Gewerbes redet.
Das Grundmuster ist simpel: Der Chef einer überschuldeten Firma überträgt sein Unternehmen - mitsamt Schulden und offenen Rechnungen - einem Betrüger und gibt ihm dafür Geld. Der Betrüger löst die Firma auf und verschwindet. Sollten ihn die Gläubiger finden, hebt er die Hand zum Offenbarungseid, weil er offiziell nichts besitzt.
Die diskrete Beerdigung von Pleitefirmen hat sich vor allem im Osten Deutschlands zum boomenden Geschäftszweig entwickelt. Der Schaden geht nach Einschätzung von Experten in die Milliarden. Kaum eine Staatsanwaltschaft zwischen Anklam und Zittau, die keine derartigen Fälle in den Akten hat. In Berlin hat das Landeskriminalamt bereits eine eigene Ermittlungsgruppe gegründet - unter dem bezeichnenden Namen »Platt«.
Bei dem Dessauer Fall geht es um sechs Baufirmen aus Sachsen-Anhalt - Teil eines Unternehmensgeflechts der italienischen Brüder Girolamo und Rosario Tinaglia. Die Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Dessau hält es für erwiesen, dass Heckmeier-Mohr diese Unternehmen übernommen hat, als sie längst reif für den Konkursrichter waren. Das einzige Ziel der Transaktion sei es gewesen, Gläubigerforderungen ins Leere laufen zu lassen.
Heckmeier-Mohr verlegte den Hauptsitz der sechs Firmen in eine Garage in Berlin. Mahnschreiben von Lieferanten gingen als unzustellbar an die Absender zurück; nach wenigen Monaten hisste der Unternehmer die weiße Flagge: eidesstattliche Versicherung, Löschung der Unternehmen aus dem Handelsregister. Die Firmenakten und Bilanzen hatten die Alteigentümer geschreddert oder verbrannt. Ein Firmensterben nach Plan, wie Heckmeier-Mohr dem Staatsanwalt Norbert Hartge gestand.
Begonnen hatte seine Karriere als Firmenaufkäufer Mitte der neunziger Jahre: Der damals schon wegen mehrerer Wirtschaftsstraftaten rechtskräftig verurteilte Handwerker trat in die Dienste von Rainer S. Der ehemalige Berliner Discothekenbetreiber hatte geglaubt, eine rechtliche Grauzone entdeckt zu haben.
Mit Annoncen in der Tagespresse ("Konkursprobleme? Wir übernehmen Ihre GmbH mit allen Schulden") wurden scharenweise Not leidende Mittelständler geködert. An der Sanierung der maroden Betriebe hatte die Truppe jedoch kein Interesse. Geschäftsräume wurden gekündigt, Telefonanschlüsse abgemeldet, Firmenunterlagen beseitigt.
S. selbst blieb meist im Hintergrund. Die Pleitegesellschaften wurden von Strohleuten gegen ein bescheidenes Handgeld von 500 Mark pro Firma übernommen. Einer dieser Strohmänner war Heckmeier-Mohr. Doch dem stand der Sinn schon bald nach Höherem; er wollte selbst das große Geschäft machen.
Den Einstieg verschafften ihm die gelernten Bauarbeiter Rosario und Girolamo Tinaglia, die nach Erkenntnissen der Ermittler von 1992 bis 2000 in Sachsen-Anhalt und Brandenburg über ein undurchsichtiges Geflecht von 27 Baufirmen mindestens sechs Millionen Mark in ihre privaten Kassen abfließen ließen. Rosario Tinaglia hat mittlerweile gestanden. Lutz Lehmann, Rechtsanwalt von Girolamo Tinaglia, lehnt jede Stellungnahme ab.
Wie die Masche der Brüder Tinaglia funktionierte, machte den Ermittlern das Beispiel der Firma Stahltec deutlich. Das Unternehmen, 1994 gegründet, stellte Matten für Stahlbeton her - vorwiegend für Großprojekte wie Autobahnbrücken. Allein im Jahr 1996 hatte das Unternehmen Aufträge in Höhe von 17, 4 Millionen Mark. Da die Tinaglias nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft überwiegend Schwarzarbeiter beschäftigten, blieben satte Gewinne von 2,8 Millionen Mark, die am Fiskus vorbei auf Privatkonten der Firmeninhaber transferiert wurden.
Weitere Millionen wurden, so fanden Hartge und die Dessauer Kriminalbeamten heraus, über offenbar fingierte Rechnungen aus dem Unternehmen gezogen. So stellte die Firma TWI Hoch- und Tiefbau Handelsgesellschaft, ebenfalls im Besitz der Tinaglias, der Stahltec im Jahr 1997 Leistungen in Höhe von exakt 2 884 883 Mark in Rechnung. Über die Art der Leistungen fanden die Fahnder im Buchwerk nichts.
Bei TWI wiederum stellten die Firmen Mir Bau GmbH und Hoti GmbH Rechnungen über 3 171 175,53 Mark. Auch hier fanden die Ermittler keinen Hinweis auf Leistungen. Zudem existierten beide Firmen zum Zeitpunkt der Rechnungslegung nicht mehr. Exakt diese Summe ließ sich aber ein Geschäftspartner von Rosario Tinaglia bar auszahlen, auf mehrere Tranchen über ein Jahr verteilt. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft haben Tinaglia und seine Freunde die Gelder »für private Zwecke« verwandt.
Ihr Lebensstil war schließlich kostspielig. Rosario Tinaglia kaufte in Nedlitz bei Dessau ein stattliches Anwesen, dessen Wert laut Gutachten 2,5 Millionen Mark betrug. Insgesamt häufte der Bauarbeiter aus dem sizilianischen Caltanissetta ein Immobilienvermögen von 5,7 Millionen Mark an. Auch für Autos ging bei Tinaglias so einiges drauf, Schmuckstück war ein Porsche 911, Millennium-Edition - Kaufpreis 185 000 Mark. Der Wagen wurde bei einer Razzia sichergestellt.
Als alle Vermögenswerte schließlich aus den Firmen herausgezogen waren, übertrugen die Tinaglias die Gesellschafteranteile an Heckmeier-Mohr. Stahltec wechselte am 3. März 1998 den Besitzer, die TWI einen Monat später. Da waren die Gesellschaften längst nur noch leere Hüllen mit gewaltigen Schulden. Wer für sie gearbeitet hatte, schaute nun in die Röhre. Die wahre Finanzlage, gestand der Firmenaufkäufer, sei ihm »von Anfang an klar« gewesen, die Transaktion »eine vorsätzliche Konkursverschleppung«.
Heckmeier-Mohr war offenbar nicht der Einzige, der eigenen Regeln folgte. Vor dem Landgericht Dessau belastete der Firmenaufkäufer den Berliner Notar Hartmut Hesse, der nahezu alle Firmenübertragungen aus dem Tinaglia-Imperium beurkundet hatte. Der Notar, so ließ Heckmeier-Mohr seine Anwältin vortragen, habe nicht nur von der Konkursverschleierung gewusst, sondern ihn mit 20 Prozent auch noch an den Notargebühren beteiligt, schließlich war der Betrüger Großkunde. Hesse, gegen den die Staatsanwaltschaft Halle Ende Oktober Anklage wegen Beihilfe zur Konkursverschleppung erhoben hat, möchte zu dem Vorwurf nichts sagen - wegen der »gesetzlichen Schweigeverpflichtung des Notars«.
In Finanzangelegenheiten konnte Heckmeier-Mohr schon einmal auf den Advokaten zählen. Am 4. Oktober vorigen Jahres löste Hesse den Firmenbestatter gegen Zahlung von 4500 Mark aus dem Gefängnis in Berlin-Plötzensee aus. Dort hatte Heckmeier-Mohr eine Freiheitsstrafe anzutreten - wegen Konkursverschleppung in einem anderen Fall. ANDREAS WASSERMANN