Stilett im Bett
Da ist er mal wieder, der beispiellos raffinierte und beispiellos kaltblütige Super-Spion, den die Agententhriller-Autoren so lieben, seit es Weltkriege gibt - begreiflicherweise, denn kein Mächtiger hat je so greifbar und plausibel wie dieser anonyme, einsame Eine Wohl und Wehe des Ganzen in der hohlen Hand, etwa in Form eines Mikrofilms, der das kriegsentscheidende Geheimnis birgt: Durch diese heimliche S.268 Allmacht ist der Top-Agent als Trivialheld so unverwüstlich faszinierend.
Diesmal (die Bestseller-Vorlage hat der emsige Engländer Ken Follett geliefert) heißt der Held Faber, Codename »Die Nadel«, und ist im Frühjahr 1944 Hitlers bester Spürhund in England; der Film, für den er sein Leben riskiert hat, verrät den Clou aller alliierten Invasionslisten - und er will ihn persönlich nach Berlin bringen, damit der Führer nicht länger auf das Geschwätz seiner Astrologen hört.
Faber ist Donald Sutherland, und ohne ihn wäre »Die Nadel« wohl bloß ein clever abgekarteter Thriller mehr. Sutherland bringt einen bösen, beunruhigen Ernst in die Sache.
Er ist der fad blonde englische Biedermann, der stille Sonntagsausflügler, der mit dem Funkgerät im Picknickköfferchen Mysteriöses nach Berlin durchtickert, friedfertig wie ein spielendes Kind, der aber jedem, der ihn ertappt und sein Spiel gefährdet, mit schlangenhafter Plötzlichkeit ein Stilett (deshalb sein Spitzname) ins Gedärm rammt - dieser Sutherland/Faber mit seinem wasserhell staunenden Blick (und das macht ihn so besonders) ist kein finsterer Ehrgeizling oder Fanatiker, sondern ein Spieler, der vom heimlichen Selbstgenuß seiner Gerissenheit, seiner Überlegenheit, seiner Allmachtsphantasien lebt.
Natürlich ist dem Super-Spion, der sich mit seinem Top-Secret-Film von Südengland nach Schottland durchschlagen muß, wo ein deutsches U-Boot auf ihn wartet, ein Super-Jäger auf den Fersen; und diese Hetzjagd setzt der Regisseur Richard Marquand (dessen erster Kinofilm das ist) schnell, genau, professionell in Szene, ohne Spannungsmogelei oder schrillen Effekt, vielmehr mit einem Blick für betulich genrehafte Details, die Zeitkolorit geben.
Auf halber Film-Strecke aber erleidet Faber Schiffbruch, im Sturm vor der schottischen Küste, dem rettenden U-Boot schon nah - halbtot wird er auf eine einsame Insel gespült und scheinbar in einen ganz anderen Film hinein.
Denn da wartet - nichts ahnend und eben doch sehr wartend - die schöne und frustrierte Ehefrau eines verkrüppelten, verbitterten Schafzüchters auf ihn; und sie sinkt ihm schneller in die Arme als er begreift, daß sie ihm die Mittel schaffen könnte, sein U-Boot, sein Ziel, seinen Sieg doch noch zu erreichen.
Eine Romanze mit flackerndem Kaminfeuer und schön altmodisch aufrauschender Kinomusik, scheinbar also plötzlich eine ganz andere Art von Kolportage (denn seinem Super-Jäger ist Faber einfach abhanden gekommen) - doch der grimmig ernsthafte Sutherland findet erst jetzt in der grimmig leidenschaftlichen Kate Nelligan den Gegenspieler, den er sich heimlich immer gewünscht hat: den, der ihn durchschaut.
Ihr Schauspieler-Zweikampf sprengt die Spielregeln der Kolportage. Was bis dahin als Thriller-Thema äußerlich war und sich mit welthistorischer Schicksalskulisse wichtig machen mußte: ein Spiel auf Leben und Tod aus Verstellung, Lüge, Übervorteilung, Verrat - das findet nun in und zwischen zwei Menschen im Bett statt und sieht wie Liebe aus, ist also Liebe.
Wie der Zweite Weltkrieg ausging, ist ja bekannt; diesmal aber entscheidet ihn kein kaltblütiger Showdown zwischen zwei Superagenten, sondern der einsame Eine zerstört sich durch seine Allmachtsphantasien selbst.
Klar, daß die tapfere kleine Engländerin am Ende den bösen blauäugigen Nazi erschießt, doch sie tut es mit Tränen in den Augen, sie tut es aus Liebe. So schön soll Kolportage sein. Urs Jenny