Stillgelegte Goldmine
Vor Schreck fällt einigen Beamten die Morgenzeitung aus der Hand, anderen bleibt vor Staunen der Mund offen stehen: Gut 150 Polizisten stürmen zu früher Stunde das weiße Rathaus am »Platz der Orangenbäume« im Zentrum des alten Marbella. Dann räumen die Uniformierten das Gebäude und durchsuchen die Büros. Schnell sammeln sich Schaulustige: Da werden die Ressortchefs aus dem Stadtbauamt und dem Verkehrsdezernat in Handschellen abgeführt. So etwas hat das einstige Fischerdorf, das sich im vergangenen halben Jahrhundert zu Spaniens Top-Adresse der Schickies nobilitiert hat, noch nicht erlebt.
Währenddessen öffnet Marbellas Bürgermeisterin Marisol Yagüe, 53, den Fahndern die Tür im Pyjama. Nach einer Schönheitsoperation vor wenigen Tagen will sie sich an diesem strahlenden Mittwochmorgen, dem 29. März, zu Hause erholen. Vor ihrer Villa in bester Lage liegen Sandsäcke und Stapel von Natursteinen neben einem Schuttcontainer.
Die Bürgermeisterin hat ihr Anwesen gerade erst für knapp eine Million Euro renovieren lassen. Über die Bezahlung jedoch ist sie mit dem Bauunternehmer in Streit geraten. Er habe die Sanierung der Gemeinde in Rechnung stellen sollen, hatte der verärgert gepetzt. Später wird die Matrone, ihre weiße Jacke schützend über das verheulte Gesicht ziehend, in ein Polizeiauto steigen. »Korrupte Zicke«, rufen ihr einige Nachbarn hinterher.
Vor dem Luxusappartementbock »Poseidon« parkt ein Polizei-Lastwagen. Hier wohnt Juan Antonio Roca, 53, der seit Anfang der neunziger Jahre zuerst aus der städtischen Baubehörde, zuletzt aus seinem Beraterbüro, das Immobiliengeschäft der begehrtesten Stadt an Spaniens Costa del Sol beherrscht hat. Roca schaut bewegungslos und ungerührt zu, wie die Polizisten Gemälde, Computer und Kisten voll Papier herausschleppen. Es scheint, als hätte der Unternehmer mit den 15 verschiedenfarbigen Nokia-Handys im Prada-Täschchen seine Verhaftung schon vorausgesehen.
Der Krimi von Marbella läuft ab wie nach dem Drehbuch für eine Seifenoper. Schließlich, Mitternacht ist da schon vorüber, landet auf dem nahe gelegenen Flughafen Málaga die stellvertretende Bürgermeisterin Isabel García Marcos, 51. Die Blondine mit den aufgeplusterten Silikonlippen kehrt von Flitterwochen in Russland zurück. Noch auf der Gangway wird sie festgenommen. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung hatten die Polizisten tagsüber 378 000 Euro in bar gefunden. Die Summe war auf Kuverts verteilt, in denen sich bündelweise die in Spanien so beliebten 500-Euro-Scheine befanden. Alles Hochzeitsgeschenke und eine Erbschaft, verteidigt sie sich.
Bilanz der »Operation Malaya« getauften Aktion der Einheit für Wirtschaftskriminalität aus Málaga: 28 Verhaftete in Marbella, Murcia und Madrid beim ersten Zugriff. Bis Mitte November sollten es 74 sein. Bürgermeister und Ratsherren aus den verschiedenen Stadtverwaltungen, die Marbella seit Beginn der neunziger Jahre ausgenommen haben sollen; als Strohmänner verdächtigte Anwälte, einige der wichtigsten Bau- und Immobilienunternehmer Andalusiens, die Millionen Euro als Bestechungsgeld gezahlt haben sollen; dazu der ehemalige Chef der städtischen Polizei, der Gemeindedirektor und ein Gerichtsbeamter aus Marbella im Dienste Rocas.
Der Untersuchungsrichter der 5. Kammer am Gericht von Marbella, der eifrige Miguel Angel Torres, 35, legt ihnen zur Last, Geld gewaschen, den Fiskus betrogen, Bestechung gezahlt oder empfangen zu haben sowie öffentliche Ausschreibungen oder Versteigerungen manipuliert und Gemeindegelder veruntreut zu haben.
Nicht einmal eine Woche nach der ersten Verhaftungswelle im Rathaus beschließt die spanische Regierung in Madrid, die Gemeindeverwaltung aufzulösen und Marbella bis zu den für das kommende Frühjahr geplanten Kommunalwahlen unter Zwangsverwaltung zu stellen. Das war noch nicht vorgekommen.
Doch Marbella, von der ausländischen Presse hämisch »Hauptstadt der Korruption« getauft, ist nur das skandalöseste Beispiel für die spanische Krankheit, die das ganze Land von Andalusien bis nach Galicien und Katalonien befallen hat: der ungehemmte Bauboom und seine Auswüchse. Schuld sind, so klagt ein Leitartikler der Madrider Tageszeitung »El Mundo«, »die Politiker, die großen Verderber, die in der Unzahl von Marbellas regieren, die Täler und Dörfer des korrupten Spanien bevölkern«. Denn Vetternwirtschaft und Bestechlichkeit grassieren inzwischen bei allen Parteien des Landes.
Von den 80 000 während der vergangenen 15 Jahre in Marbella erbauten Wohnungen und Häusern hätte die Hälfte gar nicht erst entstehen dürfen. Mindestens 48 Millionen Euro aus dem Stadtsäckel sind veruntreut worden. Dabei ist die Gemeinde so verarmt, dass sie keine Sozialabgaben für ihre Angestellten mehr zahlen kann, geschweige denn die Löhne der Müllmänner. Gegen 20 von 32 Ratsmitgliedern laufen schon seit Jahren an die hundert Ermittlungsverfahren wegen Korruption. Doch weil die Justiz so langsam arbeitet, ist kaum einer bislang rechtskräftig verurteilt worden. Ergebnislos sind die Finanzinspektionen verpufft, warnende Dossiers sind im Papierkorb gelandet. Wenn die Regionalregierung von Andalusien einen Baustopp verhängt, buddeln die Bagger in Marbella weiter.
Die allzu intime Beziehung zwischen der Schwarzgeld waschenden Baubranche und der Lokalpolitik ist in Marbella auf die Spitze getrieben worden. »Es geht nicht um das Wohl der Gemeinde, sondern allein um die Interessen der Bauherren«, so wird der Richter in seiner Anklageschrift die Lenker der Stadt geißeln. Der Sonder-Staatsanwalt gegen Korruption sieht gar »eine kriminelle Vereinigung der weißen Weste« am Werk.
Wie konnte es so weit kommen? In den fünfziger Jahren hatten die millionenschweren deutschen Hochadeligen das stille Fischerdorf am durchsichtig sauberen Mittelmeer entdeckt. Hier eröffnete der junge Playboy Alfonso von Hohenlohe 1954 den »Marbella Club«, der gar den Luxus der Côte d'Azur in den Schatten stellte. In den sechziger und siebziger Jahren entwickelte sich der Küstenort zum Paradies des europäischen Großbürgertums und des internationalen Jetsets. Zu ihren Partys flogen die Rockefellers oder die Rothschilds Stars aus Hollywood ein. Die Melange von altem Adel - dem Herzog von Windsor - und Neureichen wie dem Reeder Aristoteles Onassis zog die Petrodollar an. König Fahd von Saudi-Arabien ließ sich als Erster einen spektakulären Feriensitz in der Stadt bauen.
Heute haben in dem inzwischen 125 000 Einwohner zählenden Nobelort, den im Sommer noch einmal so viele Touristen besuchen, 6000 Ausländer Stimmrecht. Hier findet sich die weltgrößte Rolls-Royce-Konzentration außerhalb der City von London. Auf 45 Golfplätzen im Umkreis von 30 Kilometern, auf den gleißenden Yachten im Hafen Puerto Banús sowie in über 500 Anwesen, die mehr als sechs Millionen Euro, und in 2000 Villen, die über drei Millionen Euro wert sind, vergnügen sich die Superreichen.
Marbella ist über die Zeit zum Lieblingsort der Klatschblätter erblüht. Doch erst in den neunziger Jahren geriet es wegen Durchstechereien seiner Lokalpolitiker in die Schlagzeilen. Denn 1991 hatten die Einwohner, genervt von verschmutzten Stränden und Randalierern, den grobschlächtigen Inhaber eines Maurerbetriebs, Jesús Gil y Gil, zum Bürgermeister gewählt. Der Anhänger des Diktators Franco säuberte mit seiner Formation »Grupo Independiente Liberal«, kurz GIL, die Stadt von unliebsam ärmlichem Gesindel. Als rechte Hand holte er sich einen arbeitslosen Zugereisten aus Murcia, den Bergbauingenieur Juan Antonio Roca. Der erschloss seinem Auftraggeber zunächst als Leiter des Planungsbüros, dann als Baudezernent eine wahre Goldmine: Ab sofort entstanden jährlich 7000 Wohnungen, und bei jedem Verwaltungsakt wurde kassiert.
Gil betrachtete die Stadt als sein Eigentum. So zweigte der damalige Präsident und Besitzer von Atlético Madrid mehrere Millionen Euro aus der Gemeindekasse für den Fußballclub ab. Für seine Veruntreuungen wurde der dicke Gil im April 2002 vor Gericht gestellt. Und wenn er nicht gestorben wäre, säße er noch heute im Knast.
Längst hatte Roca aus den Reihen der populistischen GIL-Partei einen Nachfolger aufgebaut: den ehemaligen Kellner und späteren Fest-Dezernenten Julián Muñoz. Als der ihm nach nur 16 Monaten zu selbstherrlich wurde und Roca gar aus dem Bauamt entfernte, organisierte der Murcianer ein Misstrauensvotum. Im August 2003 wurde so die Schnulzensängerin Marisol Yagüe zum Oberhaupt der Stadt, und die Überläuferin von den Sozialisten, Isabel García Marcos, einst Gils Geißel, ihre Stellvertreterin.
Während die Bürgermeister allesamt im Korruptionssumpf hängenblieben, gelang es dem Mann, der einst in einem alten Fiat Panda nach Marbella eingerollt war, bislang völlig unbehelligt, das viertgrößte Vermögen von ganz Spanien zusammenzuscheffeln: 2,4 Milliarden Euro schwer ist Roca inzwischen nach Schätzungen der Ermittler.
Den Polizisten, die ab Ende März Rocas Büros, Wohnungen, vier Landsitze, zwei Hotels und seine sechs Adressen in der Hauptstadt durchsuchen, gehen schier die Augen über. Deshalb filmen sie die Ansammlung von Kitsch, Kunst und teuren Klunkern: ausgestopfte Elefanten, Zebras und Giraffen des passionierten Jägers, kiloweise Juwelen, einen Miró überm Jacuzzi im Bad, Hostienkelche aus reinem Gold, Oldtimer, darunter einen Mercedes 300 SL Flügeltürer, sowie einen leibhaftigen Tiger im Käfig. Dazu besitzt Roca Helikopter und Privatjet, 103 Rassepferde und über 200 Kampfstiere sowie eine Sammlung moderner Malerei. Doch fast nichts von allem ist auf seinen Namen registriert. Der geschickte Finanzjongleur hat ein Netz von bis zu 240 Firmen und Strohmännern zwischengeschaltet, auf die auch die drei Adelspaläste in besten Madrider Lagen eingetragen waren.
Schließlich ist der Kopf der Kleptokratenbande in Marbella doch aufgeflogen. Der seit Jahren entmachtete Chef des Rechtsamts der Gemeinde hat im vergangenen November beim Untersuchungsrichter Torres ausgepackt. Roca genieße »absolute Entscheidungshoheit«. Seither hat der Richter, unterstützt von der Spezialeinheit für Finanzdelikte, Drogen und Organisierte Kriminalität, ermittelt.
Die Beschattung und das Abhören der Telefone von Roca und seinen Komplizen hat das bislang unantastbare Bereicherungssystem auffliegen lassen. Wer in Marbella bauen wollte, wandte sich demnach an Roca. Der sorgte dafür, dass die Gemeinde mit dem Bauherrn oder Unternehmer ein Abkommen schloss: Sie konnten Grund unter dem Marktpreis erwerben, durften mehr Wohneinheiten oder höhere Häuser bauen als gesetzlich vorgesehen. Obendrein garantierte man ihnen, alle rechtlichen Hindernisse aus dem Weg zu räumen: Dafür mussten die Begünstigten dreimal zahlen, zu Vertragsabschluss, für die Erteilung der Baugenehmigung durch die Ratsherrn und zur Fertigstellung. Auch Gemeindelizenzen für den Abschleppdienst oder den Busbahnhof beispielsweise waren in Marbella käuflich, das ergibt sich aus den abgehörten Telefonaten. Roca verteilte Bestechungsgelder unter den Stadträten, damit diese nach seinen Anweisungen abstimmten.
Bis Ende Vovember sollten die Ermittler um den fleißigen Richter Torres die geheime Buchführung Rocas aus Computerdateien und Notizbüchern mit handschriftlichen Anweisungen an die Strohmänner rekonstruieren. Die abgehörten Telefongespräche ersetzen Geständnisse. Da prahlt die stellvertretende Bürgermeisterin, »für jedes Papier, das ich ausstelle, kassiere ich«. Und Roca, der inzwischen ein Teilgeständnis abgelegt hat, befiehlt, die Abschlepptarife zugunsten seines Klienten zu erhöhen.
Auch einige der Verhafteten ziehen es vor, den bislang schier allmächtigen Roca zu belasten, um gegen Kaution freizukommen. Der Richter kann belegen, dass Rocas Netzwerk allein in den vergangenen zwei Jahren 30 Millionen Euro kassiert hat. Davon hat er jedoch nur vier Millionen weiterverteilt. Die Ermittler vermuten daher, dass Roca weitere Begünstigte, womöglich auf hoher Ebene, decken könnte.
Die Erkenntnisse des kleinen Richters in seinem bescheidenen Amtszimmer in Marbella beunruhigen nun ganz Spanien. Deshalb holen sich die Angeschuldigten die renommiertesten Strafverteidiger. Diese versuchen seither, den aufsehenerregenden Fall aus der Provinz abzuziehen, in den so viele Bonzen und feine Kanzleien verwickelt sind, womöglich gar Politprominenz. Ihr Kalkül: Landet das Dossier der »Operation Malaya« erst in Madrid bei der Kammer, die alle landesübergreifenden Verbrechen untersucht, könnten gegen Kaution entlassene Klienten wie Yagüe und Marcos für Jahre aufatmen - und womöglich weitermachen wie bisher. HELENE ZUBER