STILSCHNITZER - DER SPIEGEL
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Briefe

STILSCHNITZER
• aus DER SPIEGEL 14/1956
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STILSCHNITZER

Es ist Herrn Professor Rahn zu glauben, daß er zu Fremdwörtern kein rechtes Verhältnis hat. Er hat es erneut bewiesen. Schon das Wort »Strukturtiefe« ist in seiner Zusammensetzung sprachlich schief, ja im Grunde unmöglich. Struktur (von lat. struere = schichten) wird im Deutschen wohl am besten mit »Gefüge« wiedergegeben. Ein Gefüge kann als wohlgeordnet, durchsichtig, homogen, subtil, nicht aber als tief bezeichnet werden. Bei hoch und tief bleibt immer die Vorstellung des Oben und Unten (Hochbau, Tiefbau). Da aber »Struktur« immer das Ganze des »Gebauten« durchdringt, sind Epitheta wie hoch und tief nicht verwendbar. Die Unmöglichkeit wird ganz deutlich, wenn man den Begriff noch näher charakterisieren will: Hohe Strukturtiefe ist natürlich barer Unsinn, aber auch subtile Strukturtiefe stimmt nicht, ebenso wenig stimmen alle von Herrn Professor Rahn sonst angebotenen Beiwörter, da sie nicht auf »Tiefe« passen: edle, feine, hochwertige - Tiefe? Wenn das am grünen Holz geschieht!

Wiesbaden

DR. F. GÖTTING

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