Hausmitteilung Streik
Datum: 30. April 1984 Betr.: Streik Bis Donnerstagabend war es noch gutgegangen. Am Freitagmorgen war die Situation da. Um 9.30 Uhr erhielt Rolf Niemeyer, Leiter der Abteilung »Herstellung« beim SPIEGEL, die Nachricht, daß außer im Druckhaus Ahrensburg nun auch im Druckhaus Darmstadt vorerst einmal »alles dicht« sei: Streik in den beiden Betrieben des Axel-Springer-Verlages, in denen der SPIEGEL gedruckt wird.
Ein Streik-Ende, das für die planmäßige Herstellung und Auslieferung von SPIEGEL 18/1984 noch rechtzeitig kommen würde, war nicht abzusehen, ein Notplan daher geboten. Der Umfang dieses Heftes mußte verringert, Artikel mußten umgestellt werden.
Entfallen mußten für diesmal das Inhaltsverzeichnis und die Leserbriefe, Standard-Rubriken wie Panorama, Hohl- und Rückspiegel sowie das Fernsehprogramm. Beiträge der Ressorts Deutschland und Ausland konnten nicht, wie gewohnt, in getrennten Heft-Teilen plaziert werden - Erscheinen ging vor.
Streik-Blessuren trug der SPIEGEL nun zum vierten Mal davon. Im Mai 1948 erschien ein Heft ohne Titelumschlag. Im Mai 1976 konnte eines nur verspätet ausgeliefert werden, eines nicht erscheinen. 1978 fiel eine März-Nummer dem Kampf zwischen Druck-Unternehmern (zu denen der SPIEGEL-Verlag nicht gehört) und Druck-Arbeitnehmern zum Opfer.
Zu den Beiträgen, die im Not-SPIEGEL dieser Woche auf keinen Fall fehlen sollten, gehört ein SPIEGEL-Gespräch mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft Druck und Papier, Detlef Hensche. Es enthält sein Eingeständnis, »daß die Mobilisierung unserer Mitglieder noch nicht voll gelungen ist«, aber auch seine frohe Botschaft: »Die 35-Stunden-Woche kann nur eine Etappe sein« - auf dem langen Marsch zur 10-Stunden-Woche?