BIOWISSENSCHAFT Streit ums Schwein
Die Bundesärztekammer (BÄK) erwartet, dass deutsche Mediziner in naher Zukunft Organe von Schweinen in kranke Menschen verpflanzen. Derzeit sind die umstrittenen Transplantationen vom Tier auf den Menschen ("Xenotransplantation") rechtlich nicht geregelt. Mit Hochdruck erarbeitet eine Kommission der BÄK deshalb derzeit eine Richtlinie zur Xenotransplantation. Weil die Experten über die Gefahren jedoch streiten, hat sich die bereits für das vergangene Jahr geplante Veröffentlichung der Richtlinie immer wieder verschoben. Die jetzt bekannt gewordene Geburt neun geklonter Schweine setzt die Kommission noch stärker unter Zeitdruck; die Richtlinie soll nun »spätestens im Sommer fertig sein«, so der beteiligte Virologe Ralf Tönjes vom Bundesamt für Sera und Impfstoffe. Gleich zwei Forschergruppen eines schottischen und eines amerikanischen Biotech-Unternehmens hatten in den USA für die Xenotransplantation gentechnisch maßgeschneiderte Ferkel erzeugt: Den Tieren fehlen bestimmte Antigene, die vom menschlichen Immunsystem besonders heftig abgestoßen werden. Organe aus diesen Tieren, so die Vermutung, würden vom Körper des Menschen vergleichsweise gut vertragen. »Die Xenotransplantation ist eine ernst zu nehmende Therapiemöglichkeit für die vielen tausend Menschen, die auf ein Spenderorgan warten«, glaubt Tönjes, der die Gefahren für gering hält. Skeptischer beurteilt der Direktor des Berliner Robert-Koch-Instituts, Reinhard Kurth, die Entwicklung: »Wir wissen nicht, wie sich Viren des Schweins im Körper des Menschen verhalten würden«, so Kurth, der ebenfalls an der Richtlinie mitarbeitet. Dass neuartige Infektionskrankheiten entstehen, sei nicht völlig auszuschließen. Nötig sei deshalb eine »breite gesellschaftliche Debatte, ob die Risiken der Xenotransplantation in Kauf genommen werden können«.