Streng nach Gesetz - DER SPIEGEL
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TSCHETSCHENIEN Streng nach Gesetz

Das berüchtigte Untersuchungsgefängnis von Tschernokosowo wurde westlichen Besuchern vorgeführt. Erwünschtes Fazit: alles »normalno«.
Von Jörg R. Mettke
• aus DER SPIEGEL 10/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als die Sowjetmacht zum ersten Mal ein Lager zur Besichtigung vorstellte, hielten die Insassen ihre Zeitungen demonstrativ verkehrt herum vor Augen. Vom KZ auf den Solowezki-Inseln im Weißen Meer ließ sich der Alibi-Zeuge Maxim Gorki, der berühmte Schriftsteller, dennoch täuschen - 1929.

Das neue, vorgeblich demokratische Russland hat die hohe Kunst der »Pokasucha«, der Vorspiegelung angenehmer, aber falscher Fakten, augenscheinlich nicht verlernt: Vor dem übel beleumdeten »Filtrationsgefängnis« mit der Chiffre IS 4/2 in der tschetschenischen Siedlung Tschernokosowo, in dem nach russischer Vorstellung Verdächtige aus der Masse der Verhafteten »herausgefiltert« werden, steht eine blitzsaubere Sanitätsstation, deren fabrikneue Leinwand noch kein Spritzer verunziert.

Gefiltert wird in vielen Lagern und provisorischen Gefängnissen Tschetscheniens. Aus Tschernokosowo wurden nach zahlreichen Berichten über Folterungen und Vergewaltigungen die meisten der 817 Häftlinge verlegt, die Anlage der Aufsicht des Justizministeriums überstellt und renoviert. Vorige Woche sollte der Menschenrechtsbeauftragte des Europarats, Alvaro Gil-Robles, die trostlose Stätte 50 Kilometer nördlich von Grosny besuchen dürfen. Noch 99 Insassen ließen sich vorzeigen.

Doch der spanische Diplomat machte einstweilen einen Bogen um Tschernokosowo. Stattdessen erhielt ein internationaler Journalisten-Trupp Zutritt zu einem Ort, den Sicherheitschef Michail Nasarkin im Befehlston so benennt: ein »normales Untersuchungsgefängnis unter Feldbedingungen«.

Alle Knastkorridore sind frisch in Himmelblau gestrichen, so frisch, dass die Besucher mit ihren Jacken daran festkleben. Die eisernen Zellentüren glänzen in aufmunternd grüner Bemalung, ebenfalls gerade aufgetragen und deshalb mit dem Rahmen so verkleistert, dass die Wärter sie auch nach Entriegelung kaum noch öffnen können. »Schlechte Farbe«, entschuldigt sich kleinlaut Oberst Wladimir Barkow, »sie will auch nach fünf Tagen einfach nicht durchtrocknen.«

Wo ein Verlies endlich aufgesperrt ist, springt sofort der Zellenälteste an das dahinter angebrachte Gitter und meldet die Belegstärke sowie »keine besonderen Vorfälle«. Eine französische Korrespondentin findet nicht gleich das russische Wort für Prügel; da nimmt ein Begleitoffizier ihr die peinliche Frage auch schon ab. Wie auf dem Kasernenhof ruft er in das düstere Kabuff: »Schlägt man euch, werdet ihr gefoltert?«

Eilige Antwort, wie eingeübt, aus acht Kehlen gleichzeitig: Nein, nein, nein, niemals. »Hier wird niemand verprügelt oder irgendwie anders gequält«, sagt Zellensprecher Ali: »Wirklich niemand, ganz bestimmt nicht!«

Und keiner liest Zeitung. Alle Fragen nach den Haftbedingungen werden apathisch mit einem einzigen Wort beantwortet, dem abgegriffensten und nichts sagendsten, welches die russische Sprache bietet: »normalno«. Das Essen, die Behandlung, die ärztliche Fürsorge - alles »normalno«.

Der gleiche Chor erschallt aus dem nur mit drei Mann belegten Krankenzimmer. Das Einzige, was sie quäle, bringt verwegen der Häftling Magomedow vor, sei »die Ungewissheit und die Tatsache, dass keiner von uns weiß, warum er eigentlich hier ist«. Sein Zellengenosse, der Arzt Ismailow, ergänzt noch mutiger: »Hier sitzen nur friedliche Leute, die festgenommen wurden, weil sie keinen Pass bei sich hatten, oder unter irgendeinem anderen Vorwand.«

Das wiederum amüsiert einen Offizier so sehr, dass er empfiehlt, sich bei Fragen nach den Haftbedingungen doch besser gleich an den in Habtachtstellung daneben stehenden Staatsanwalt zu wenden: Die Gefangenen seien »sehr talentierte Schwindler und Märchenerzähler - keiner will bei den Banditen gewesen sein«.

Auch nicht die fünf Frauen, die in Zelle Nummer vier eingepfercht sind. Durch das winzige Fensterchen nach draußen weht ein leichter Duft von Vieh herein und von Landwirtschaft, die hier früher, vor dem Krieg, florierte. »Nein«, sagt Saida Achmadowa, Mutter von zwei Kindern, sie habe »weder gekämpft noch geschossen«. Aber ihre Anwesenheit in einem Keller des Städtchens Chankala, in dem sich Verwundete befanden, trug ihr die Verhaftung nach Paragraf 208 ein - Verdacht auf Zugehörigkeit zu illegalen bewaffneten Formationen.

In der Küche wird Borschtsch gekocht. Das Personal trägt neue, blütenweiße Kittel, als gelte es, einen Hygiene-Wettbewerb zu gewinnen. Zur hoch gepriesenen Sauna lässt sich der Schlüssel dann doch nicht auftreiben. Aber auch dort, beteuert ein Wärter, entspreche »alles hundertprozentig der internationalen Sanitärnorm«. Zum Hofgang an die Luft dürfen die Inhaftierten in einen acht mal zehn Meter großen Käfig.

Auf einem kleinen Tischchen nahe dem Eingang stehen Plastiktüten und Taschen mit Lebensmitteln, die angeblich von Freunden und Verwandten an der Pforte abgegeben wurden: Brot, Trinkwasser, Äpfel. Und gleich ist auch wieder jener Aufseher zur Stelle, der seine U-Haftanstalt zum Erholungsheim hochreden möchte: »Sie sehen, unsere Großzügigkeit kennt kaum Grenzen.«

Was ist aber mit den Berichten früherer Insassen, dass Pakete von Angehörigen beim Gefängnispersonal landeten und nicht weitergegeben würden? »Alles Verleumdungen«, reagieren die Wachhabenden einhellig entrüstet.

Und die von Ärzten bestätigte Aussage des Ex-Häftlings Aslambekow, ihm seien in Tschernokosowo systematisch Bauch, Nieren, Leber zerschlagen und zertreten worden? Was ist mit den Angaben des Radio-Liberty-Korrespondenten Andrej Babizki, der noch vor einigen Wochen im »Spez-Isolator« einsaß und von Folterungen seiner tschetschenischen Mitgefangenen berichtet, gegen die alle Hiebe mit dem Gummiknüppel, die er selbst abbekam, geradezu harmlos gewesen seien?

»Das kann nicht sein«, sagt Witalij Tkatschow vom Wachpersonal: Er befinde sich seit November vergangenen Jahres hier, und da sei »immer alles streng nach dem Gesetz zugegangen«. Auch Todesfälle infolge von Misshandlungen habe es »natürlich« nicht gegeben. Der einzige Tschernokosowo-Tote sei an Tuberkulose verstorben, »leider«.

So hangeln sich die Verantwortlichen des unheimlichen Untersuchungsgefängnisses IS 4/2 hilflos an ihrer ebenfalls frisch an die Wand gepinselten Anstaltsordnung entlang: 6 Uhr wecken, 6.05 Uhr Kübel rausstellen, 6.30 Uhr Frühstück, 12 Uhr Mittag, 19 Uhr Abendessen, 22 Uhr Licht aus. Dazwischen hätten Regelverstöße nun wirklich keinen Platz, schwören die stämmigen Burschen in ihren Kampfanzügen. Auch nicht während der Verhöre, aber die seien »natürlich nicht öffentlich, zum Schutz der Beschuldigten«. Man weiß ja, was Journalisten daraus machen würden. Den Sündenfall des Deutschen Frank Höfling zitieren alle Uniformierten:

Der Moskau-Korrespondent von Pro Sieben hatte dessen neuer Nachrichten-Tochter N24 Filmmaterial geschickt mit angeblichen Gräuel-Opfern russischer Willkürherrschaft. Doch die weltweit ausgestrahlten Szenen waren gar nicht von Höflings Team aufgenommen worden, hatten zu anderer Zeit an anderem Ort stattgefunden als angegeben und zeigten nach Aussage des russischen Autors eine provisorische Beerdigung im Kampf gefallener Tschetschenen. Am vorigen Dienstag wurde der Korrespondent von seinen Münchner Arbeitgebern gefeuert.

Freilich bestätigte ein Major Timofej Ryschkow den russischen Kriegsbrauch, zum Abtransport von Leichen deren Gliedmaßen zusammenzuschnüren - auch mal mit Stacheldraht - und beim Begraben ihre Köpfe herausragen zu lassen, um sie den Angehörigen anzubieten, etwa zum Tausch gegen russische Gefangene.

»Objektivität, Genossen Journalisten«, schärft Generalmajor Nasarkin zum Abschied ein, »das ist es, was wir von Ihnen vor allem erwarten.« Doch gerade dies ist die einfache Sache, die so schwer zu machen ist im neuen Russland, welches im schmutzigen Krieg in Tschetschenien doch seine nationale Ehre und Würde verpfändet hat.

Als der klapprige Kleinbus aus dem Lager rollt, wird er von dutzenden tschetschenischer Frauen aufgehalten, die eigentlich den Menschenrechtsbeauftragten aus dem fernen Straßburg erwartet hatten. Sie werfen sich vor die Räder, trommeln mit ihren Fäusten gegen Türen und Scheiben und rufen mit tränenerstickten Stimmen: »Glaubt ihnen nicht, was sie euch dort drinnen erzählt haben, dort werden unsere Kinder eines nach dem anderen ermordet.« Durch schmale Fensterschlitze übergeben sie Petitionen. Eine trägt 18 Unterschriften:

»An die Internationale Kommission für Menschenrechte. Wir sind Eltern von Kindern, die in der Gemeinde Staryije Atagi, Kreis Grosny, festgenommen wurden. Am 28. Januar 2000 gab es bei uns eine Säuberung in Form einer Pass- und Ausweiskontrolle. Unsere Söhne wurden verhaftet und sitzen bis heute im Ge-fängnis Tschernokosowo. Als Grund für ihre Verhaftung wurde angegeben, dass manche eine Anmeldebescheinigung von der Stadtadministration hatten, andere von der Landgemeinde. Wir ersuchen um Hilfe für unsere Söhne, die ohne jede Schuld sind und von barbarischen Händen misshandelt werden.«

Ein über Funk herbeigerufenes Rollkommando verschafft mit Fausthieben und Fußtritten dem Bus freie Fahrt. Keiner, der zur großen »Pokasucha«-Aktion angekarrten Beobachter durfte das Fahrzeug während der Belagerung durch die tschetschenischen Frauen verlassen.

Ein militärischer Begleiter warnte doppeldeutig-eindeutig: »Das wäre Ihrer Sicherheit nicht zuträglich.« Alles normalno.

JÖRG R. METTKE

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