Stringtangas in Paris
Nr. 41/2006, Islam: SPIEGEL-Gespräch mit dem Ismailiten-Oberhaupt Karim Aga Khan IV. über die Chancen, einen Krieg der Religionen zu vermeiden
Auf die Frage, wer wohl für die Ignoranz in beiden Kulturen verantwortlich sei, entgegnete Aga Khan: »Beide Seiten, aber vor allem der Westen. Ein gebildeter Mensch dieses Jahrhunderts sollte etwas über den Islam wissen; doch islamische Zivilisation steht auf keinem Lehrplan.« Da muss ich dem Prophetennachfahren widersprechen: In der gymnasialen Oberstufe durfte ich im Unterrichtsfach Ethik mein Wissen über die Religionslehre des Islam, die Bedeutung und das Wirken des Propheten, die kulturellen und sozialen Netze dieser Weltreligion erweitern und fundieren.
GROßWECHSUNGEN (THÜR.) CARLO FINGER
Karim Aga Khan hat in dem Interview mit Herrn Aust und Herrn Follath etwas sehr Vernünftiges gesagt, nämlich dass alle Menschen, die guten Willens sind, sehr, sehr vorsichtig handeln müssen. Gegenseitige Kränkungen, Rechthabereien und Drohungen machen unsere Welt nicht besser. Zugegeben, der messianische Eifer von Fundamentalisten aller Couleur, auch derjenigen, die meinen, das Tragen von Stringtangas im
Herzen von Paris als abendländischen Wert verteidigen zu müssen, kann einem echt auf den Nerv gehen. Trotzdem, die richtige Aufmerksamkeit im Umgang der vielen verschiedenen Menschen miteinander ist das Gebot der Vernunft und der Stunde.
BERLIN ULRIKE DÖLLER
Das Interview liest sich wie eine Schrift aus der PR-Abteilung der Ismailiten. Der Aga Khan redet einem Kulturrelativismus das Wort, ohne dass »Seine Hoheit« von Ihnen Widerspruch zu fürchten hat ... Aus seinem Mund die Worte »Alle Religionen haben in ihrer Geschichte den Krieg als Mittel benutzt« zu vernehmen, ist historisch betrachtet der reine Hohn.
BERLIN PETER MATHEWS
So kann man Demokratie auch bekämpfen: »im Prinzip« dafür sein, sie aber hinterrücks für unerreichbar erklären, jedenfalls in Entwicklungsländern. Der einzige Beweis, den der nicht demokratisch gewählte Führer Aga Khan anführt, ist ein Umfrageergebnis, wonach 55 Prozent der Bevölkerung in Lateinamerika eine »inkompetente, korrupte Demokratie« ablehnen und dafür als kleineres Übel eine »paternalistische Diktatur« in Kauf nähmen. Was für eine komische Alternative!
KONSTANZ (BAD.-WÜRTT.) PROF. DR. GEORG LIND
Wenn wir heute irgendeiner religiös bewegten Gemeinschaft in der Welt gestatten, ihre Prioritäten im Menschenbild durchzusetzen, dann verzögert sich die Entwicklung des Homo sapiens um weitere Tausende von Jahren.
BERLIN JÜRGEN F. SCHMIDT