Großbritannien Ströme von Blut
Sind dies Nachrichten, die Anlaß zur Hoffnung geben? Vergangene Woche erstritt die Londoner Polizistin Sarah Locker, 31, vor Gericht 32 500 Pfund (knapp 83 000 Mark) als Wiedergutmachung für erlittene »sexuelle und rassistische Diskriminierung«. Die Ordnungshüterin türkischer Abstammung fühlte sich jahrelang von Kollegen und Vorgesetzten wegen ihrer dunkleren Hautfarbe geschmäht. Bei Beförderungen war sie stets übergangen worden.
Nur: Solche Fälle, sagt Claudette Carr, 28, »sind Alltag in diesem Land«. Ungewöhnlich sei lediglich, daß sich Frauen aus ethnischen Minderheiten öffentlich aufzulehnen wagen. Bei allem Respekt vor dem Mut dieser Polizistin bleibe sie aber dabei, »daß meine Entscheidung richtig ist«. Claudette Carr, Sozialarbeiterin mit Universitätsabschluß, geschieden, mit zehnjähriger Tochter, wird demnächst ihr Geburtsland Großbritannien für immer verlassen. Auch die Eltern wollen ihr folgen. Das Ziel ist Antigua - jene Karibik-Insel, von der sie 1961 aufgebrochen waren, um im Land des früheren Kolonialherrn ihr Glück zu suchen.
Nächtelang hatte Claudette mit schwarzen wie weißen Freunden diskutiert, ob ihr Wunsch zur Emigration »feige Flucht« sei. Ob sie, die Akademikerin mit sicherem Arbeitsplatz und geregeltem Einkommen, nicht die Pflicht hätte, für ihre diskriminierten Brüder und Schwestern in den Londoner Schwarzen-Ghettos zu kämpfen.
Schließlich beseitigte ein Weißer ihre letzten Zweifel: Der arbeitslose Busfahrer Derek Beackon, 47, eroberte Mitte September im Londoner Viertel Tower Hamlets mit knappem Vorsprung einen Sitz im kommunalen Parlament. Hitler-Bewunderer Beackon - »Jawohl, ich bin ein Rassist« - vertritt die rechtsradikale British National Party (BNP), die mit dem Schüren dumpfer Überfremdungsängste die Stimmen der weißen Arbeiter von Tower Hamlets keilte. »Der Rassismus ist auf dem Vormarsch«, konstatierte betroffen das Londoner Magazin New Statesman and Society.
Seit dem Wahlsieg der BNP erlebt Buddy Larrier, 50, in seinem Büro im Londoner Stadtviertel Hackney einen »regelrechten Dammbruch«. Bis zu 50 Farbigen-Familien täglich erkundigen sich nach Auswanderungsmöglichkeiten. Larrier: »Die meisten wollen lieber heute als morgen weg.«
Der Reisebürokaufmann, 1963 von Barbados nach London emigriert, registriert bei seinen karibischen Landsleuten, die den Großteil der schwarzen Bevölkerung Großbritanniens stellen und mehr noch als asiatische Immigranten unter dem Niedergang der britischen Wirtschaft leiden, wachsende Zukunftsängste: »Erst nahmen uns die Weißen unsere Jobs, jetzt bedrohen sie auch unser Leben und das unserer Kinder.«
Rassismus und Xenophobie haben im Nachkriegs-Britannien Tradition. Schon 1968 warnte der konservative Unterhausabgeordnete Enoch Powell vor »Strömen von Blut«, sollte die Zuwanderung von Nicht-Weißen anhalten.
Premierministerin Margaret Thatcher verschärfte in den Achtzigern die Einwanderungsgesetze für ethnische Minderheiten drastisch. In ihrer Tory-Partei gibt es noch heute keinen schwarzen Parlamentsabgeordneten. Zuletzt hatte es voriges Jahr der Anwalt John Taylor im Wahlkreis Cheltenham versucht. Von einem Parteimitglied als »Nigger« beschimpft und ohne ernsthafte Unterstützung seiner Organisation unterlag er dem Kandidaten der Liberaldemokraten.
Liz Fekete von der Londoner »Kampagne gegen Rassismus und Faschismus« sagt: »Jeder blickt nach Kontinentaleuropa und sieht dort die rassistische Gewalt. Doch nirgendwo wurde sie so lange versteckt und verschwiegen wie in diesem Land.«
Zehn Prozent der Untertanen Ihrer Majestät würden es vorziehen, keinen jüdischen Mitbürger als Nachbarn zu haben, ergab eine Untersuchung vom Oktober. Und jeder vierte Brite möchte nicht neben einem Schwarzen wohnen.
Die Hatz auf ethnische Minderheiten, die knapp sechs Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, wird im Vereinigten Königreich zunehmend brutaler: Im vergangenen Jahr starben nach einer Statistik des Londoner Innenministeriums neun Menschen bei Gewalttaten, die ausschließlich rassistische Motive hatten. 1993 waren es bereits zwölf. Zu den Opfern gehörte etwa der schwarze Schüler Stephen Lawrence, der im Südlondoner Viertel Eltham mit einer Eisenstange zu Tode geprügelt wurde.
1992 gab es nach Expertenschätzungen 27 000 rassistische Übergriffe. »Das bedeutet«, meint Bernie Grant, »daß alle 20 Minuten ein Bürger nichtweißer Hautfarbe belästigt oder angegriffen wird. Eine Schande für die Weißen.«
Labour-Mann Grant, 49, ist der populärste schwarze Politiker Großbritanniens. Er sagt eine weitere Verschärfung des Rassenkonfliktes voraus - mit bürgerkriegsähnlichen Unruhen wie zuletzt 1985 in London und Birmingham.
Aber nicht einmal die eigene Partei nehme seine Warnungen ernst, klagt der Unterhausabgeordnete. »Gerade wurde sogar die einzige Labour-Abteilung abgeschafft, die sich mit Rassismus-Fragen befaßt hatte.«
Grant kann deshalb jedem dunkelhäutigen Bürger nur zuraten, wenn er auswandern will: »Britanniens Politiker sind immer weniger bereit, unsere Menschenrechte zu schützen.«
Doch in der karibischen Heimat erwartet die Auswanderer ebenfalls wirtschaftliche Not und häufig auch offene Diskriminierung. Nach 28 Jahren London kehrte Daphne Dyer vor zwei Monaten auf die Insel Barbados zurück und machte im Urlauberparadies schon bald üble Erfahrungen: »Auch hier gibt es Rassismus, nur der schmerzt zehnmal mehr als in Großbritannien.« Y