STUDENTENFUTTER
Vor zehn Jahren wurde Theodor Heuss zum zweitenmal zum Bundespräsidenten gewählt - das Symbol des deutschen Geistes. Jetzt wurde Heinrich Lübke zum zweitenmal in das gleiche Amt gewählt - das Symbol des deutschen Michel. Jener vertrat die Minderheit, dieser die Masse des deutschen Volkes. Hat da die SPD nicht recht, wenn sie sagt, daß Heinrich Lübke der Präsident des ganzen deutschen Volkes ist?
Krefeld HORST-GEORG KUTZLEB
Als einer jener 1500 Studenten der Freien Universität Berlin, von denen der Herr Bundespräsident Dr. h. c. Heinrich Lübke hofft, »daß sich die das auch noch abgewöhnen werden«, möchte ich mich nachträglich dazu beglückwünschen, daß ich nicht zu den 400 Leuten gehört habe, die am Abend der großen Wahl, korporiert und mit Fackeln, von dem so überraschend einhellig wiedergewählten Staatsoberhaupt zu Sekt eingeladen und von der Springer-Presse lobend kommentiert wurden. Erhält unsere Demonstration nicht schon dadurch ihre hochnotwendige Berechtigung, daß von der höchsten Instanz unseres Staates versucht wurde, diese spontane, demokratische Meinungsäußerung durch Intervention beim Berliner Senat und beim Rektor der Freien Universität zu unterbinden?
Berlin GÖTZ PLANTIKO
Es erscheint undenkbar, daß in USA, England oder Frankreich der Präsident, Minister- oder Staatspräsident gegen eine gegen ihn gerichtete, legale Studentendemonstration intervenieren würde. In diesen Staaten wird jeden Tag gegen irgend etwas oder irgend jemand demonstriert, und jedermann findet das in Ordnung. Wann endlich wird man in Deutschland begreifen, daß solche Demonstrationen zum Wesen einer echten Demokratie gehören?
Stuttgart ARTUR BÜHLER
In Kommentaren mancher Zeitungen zur Lübke-Demonstration Berliner Studenten konnte man nicht selten von »jugendlicher Unreife« oder »Dummheit« lesen. Man fragt sich, wie lange man in der Bundesrepublik noch derart auf die Wahrnehmung demokratischer Rechte reagieren wird.
Berlin FRANK OPPENLÄNDER
Unser Heinrich Lübke ist schon ein vorbildlicher Präsident: Wer demonstriert, wird anschließend ans kalte Büfett geladen. So werden die Deutschen endlich verlockt, ihre Meinung auf demokratische Weise zum Ausdruck zu bringen - und zu demonstrieren.
München WALTER BERG
Über das ungnädige Hochzucken der rechten Augenbraue unseres Präsidenten vergessen Sie die freudige Genugtuung über den als Pflichtveranstaltung einiger studentischer Verbindungen durchgeführten Sympathiefackelzug zum Schloß Bellevue, der zu einem der »beeindruckendsten Augenblicke« im Leben unseres Präsidenten wurde. Bereits tags vor der Wahl kursierte in der Schlange vor der Mensa der Technischen Universität das Gerücht, den Fackelträgern winke als Lohn eine Einladung zu Sekt und Kaltem Büfett.
Dennoch vermochte das Gerücht unter den Pro- und Kontrademonstranten nicht, die eindrucksvolle Zweidrittel -Mehrheit des ersten Wahlganges in der Bundesversammlung zu wiederholen. Die Polizei schätzte 1200 protestierende, 500 sympathisierende Studenten.
Berlin CLAUS BACHMANN
Vorsitzender
der Liberalen Hochschulgruppe an der Technischen Universität