Stummer Schrecken
Der Wettlauf hatte etwas Spielerisches. Seine Teilnehmer, alles jungenhafte Herren, benahmen sich wie eifrige Schüler. Strebsam horchten sie den Ausführungen ihres Professors. Einige von ihnen stritten eifersüchtig um seine Gunst.
Auf dem Stundenplan stand die ganze Zeit nur die Physik, Abteilung Kernspaltung. Das Klassenziel galt als erreicht, wenn die Bombe platzt; implodiert, wie die Physiker damals sagten.
Am 6. August 1946 kostete diese Explosionskraft 100 000 Einwohner von Hiroschima das Leben. Drei Tage später wurde eine zweite Bombe über Nagasaki gezündet und tötete weitere 70 000 Menschen.
Nur weil Deutschland inzwischen kapituliert hatte, blieb es vom ersten Atomangriff in der Geschichte verschont.
Der Jubel der Physiker über ihr gelungenes Experiment klang in stummem Entsetzen über die angerichteten Verwüstungen aus - Bilder aus einer BBC-Serie über das Leben des amerikanischen Atomphysikers Julius Robert Oppenheimer, die die ARD von Montag dieser Woche an ausstrahlt.
Es war im Jahr 1944 in Los Alamos im US-Bundesstaat Neu Mexiko, wo Oppenheimer vor allem aus Europa stammenden Mitarbeitern die Lektionen las - wie ein »Schulmeister«, so sein späterer Gegner, der englische Physiker-Technokrat Edward Teller.
Oppenheimer war ein Jahr zuvor von Colonel Groves, dem militärischen Leiter des Projektes »Manhattan«, das die Entwicklung einer Atomwaffe forcieren sollte, zum Boß des Atombomben-Laboratoriums vorgeschlagen worden.
Das primitive Forschungszentrum, wo die Männer Probleme mit der Kernhitze, ihre Frauen mit der Ofenheizung hatten, wurde von Militärs in die Berge von Neu Mexiko gesetzt. In der Nähe hatten die Oppenheimers eine romantische Hütte; dort verbrachten sie mit Verwandten und Freunden die Wochenenden und Ferien.
Oppie, wie ihn seine Freunde nannten, war ein amerikanischer Jude europäischen Zuschnitts, der den Katholizismus verehrte. Er hatte Kontakte mit Einstein, zu Max Born in Göttingen und anderen Europäern gepflegt.
Er war äußerst belesen, erinnerte sich einer seiner Freunde, Robert Serber, 1980 in der »Radio Times«, als die Sendung in England ausgestrahlt wurde: »Er konnte Griechisch und Sanskrit. Er konnte Dante im Original lesen. Er wußte Bescheid über Kunst und Bücher, Essen und Wein.«
Lässig ging er mit diesem Besitz - seiner Bildung - um. »Er hatte die einzigartige Fähigkeit, einen angenehmen Freundeskreis ins Leben zu rufen. Und natürlich machte er sich dadurch Feinde unter denen, die nicht zu dem Kreis gehörten«, so sein ehemaliger Mitarbeiter Robert Wilson. »Und er hatte den Ruf, arrogant und dünkelhaft zu sein, einen Ruf, den er in mancher Hinsicht wohl verdiente.«
Mit provozierender Ignoranz, so stellt das Sam Waterston als zwiespältiger Oppenheimer dar, sieht er schon seit Jahren über die Nachstellungen des FBI hinweg, deren Lauschobjekt er längst geworden ist. Denn man sagt Oppenheimer Kontakte zu Kommunisten nach.
In der Tat flirtete er mit den humanistischen Ideen des Kommunismus, beteiligte sich in Diskussion-Zirkeln verbal am Krieg der antifaschistischen Spanien-Kämpfer, stand kritisch der amerikanischen Wirtschaftspolitik gegenüber.
Oppenheimer war einmal mit einer Kommunistin liiert, sein Bruder Frank KP-Mitglied. Seine spätere Frau Kitty war nicht nur dreimal geschieden, sondern zudem auch der KP nahestehend. Später wurden einige seiner Schüler Kommunisten und ein Mitarbeiter aus Los Alamos, der deutsche Physiker Klaus Fuchs, als Sowjetspion entlarvt.
1954, nach einem grotesken Schauprozeß aufgrund der Aktenberge des FBI, wurde Oppenheimer zum nationalen Sicherheitsrisiko erklärt.
Neun Jahre später erhielt er aus der Hand von Präsident Johnson die höchste Auszeichnung der Kommission, die vordem noch über ihn zu Gericht saß, den Enrico-Fermi-Preis. Eine Rehabilitation ohne praktische Folgen, denn Oppenheimer stand immer noch unter Verdacht.
Motive und Verhaltensweise schienen oft für seine Zeitgenossen und den Wissenschaftler selbst geheimnisvoll, so TV-Autor Peter Prince über seinen Protagonisten. Man weiß nie, wo Oppenheimer steht. Ein schillernder, mal sturer, mal zaudernder Intellektueller.
So erklärt er Reportern nach den Explosionen von Hiroschima und Nagasaki, daß ein Wissenschaftler den Fortschritt aus Sorge um die Folgen nicht aufhalten könne. Oppenheimer zu Präsident Truman, nachdem er die Bilder vom japanischen Inferno gesehen hatte: »Blut klebt an unseren Händen.«
Jede Forschung, so stellt es die BBC-Serie luzide dar, ist unabänderlich mit politischen Wertungen verbunden. Der »Guardian« nannte die Reihe »eine Begegnung mit den Schlüsselpositionen unserer Zeit« - nämlich dem Wissenschaftsverständnis im 20. Jahrhundert.
Bist du nicht für Amerika, brachte es der eifernde Vorsitzende der Atomenergiekommission, Strauß, in seiner Untersuchung in Sachen J. Robert Oppenheimer auf die banale Formel, dann bist du gegen uns.
Vor dem Ausschuß, dem szenischen Höhepunkt dieser vor allem in seinen Details glänzenden BBC-Produktion, spielt ein hochmütiger Doktor Oppenheimer die über ihn richtenden Spießer der US-Nation an die Wand. So verscherzt er sich bei ihnen die letzten Sympathien. Oppenheimer erscheint wie ein Sünder, der für seine verfluchte Tat büßen will. »I am become death« - ich bin zum Tod geworden, zitierte er einmal aus dem Sanskrit.