Elie Wiesel, 61, in Siebenbürgen geboren, in New York lebend, Friedensnobelpreisträger von 1986, ist eine der angesehensten Stimmen der Judenheit in der Welt. Ihm nicht zuzuhören wäre Arroganz oder Dummheit.
Im SPIEGEL-Gespräch der vergangenen Woche hat er über Rest-Deutschland, über die Vereinigung der beiden deutschen Staaten, das Verdikt gesprochen: »Noch nicht.«
Mit welchem Recht? Auch der Jüdische Weltkongreß unter seinem präpotenten Präsidenten Edgar Bronfman dürfte das nicht sagen. Dies sind die Kernworte Elie Wiesels: _____« Wartet ab! Deutschland ist noch nicht bereit für » _____« einen solchen Wechsel. Und wir sind auch noch nicht » _____« bereit. »
Warum nicht? Auschwitz und alles, was zum Komplex Auschwitz gehört, war das entsetzlichste Verbrechen der zivilisierten Menschheit. Wir, die Zeitgenossen, können nur versuchen, es zu verstehen. Wer in seiner Familie von Auschwitz betroffen worden ist, muß Deutschland auf immer hassen dürfen.
Nur, darum geht es nicht. Wiesel will Deutschland noch keinen »Blankoscheck« ausstellen. Wenn aber jetzt nicht, wann dann? Immateriell können wir nicht bezahlen, aber materiell haben wir bezahlt. Wer ist »wir«, wenn Elie Wiesel von »wir« spricht?
Er hat den Nobelpreis dafür bekommen, daß er sein ganzes Leben in den Dienst der »Erinnerung« gestellt hat. Sinngemäß sagt er: Die Erinnerung darf nicht beschädigt werden.
Sie wird aber, solange die Welt besteht, beschädigt. Ob die Deutschen die Vergangenheit vergessen dürfen oder sollen oder müssen, kann nicht verordnet werden.
Der Ansatz Ernst Noltes, um den sich der sogenannte »Historikerstreit« rankt, war ja philosophisch richtig, so überflüssig man dies Gerangel auch finden mag. Nur hat er ihn mit kaum glaublichen Beispielen und absurden Ergebnissen zerstört (die letzteren lagen 1963 schon vor).
Wiesel argumentiert, so sagt er, in moralischen Kategorien. Das ist ein gefährliches Feld. Wieso dürfen wir den Holocaust nicht als das Jahrhundertverbrechen ansehen und gleichwohl die Knochenbrecher in Israel nicht eben schätzen? Wenn Wiesel aggressive Leute nicht liebt, so können ihm Rabin, Schamir und Scharon nicht lieb sein.
In der Bundesrepublik hat man in diesem Zusammenhang getan, was man angeblich nicht tun soll, man hat verdrängt. Auch Wiesel nähert sich der fatalen Gleichung: Wer Israel kritisiert, ist ein Antisemit.
Weiß er nicht, daß es unantastbare und bedeutende Juden in aller Welt gibt, die sich angesichts der egomanen Politik Israels Sorgen um das Schicksal der dort lebenden jüdischen Bevölkerung machen? Alles nur Rechthaberei, Wichtigtuerei, Antisemitismus?
Die Bundesrepublik hat es mit lauter Egoismen zu tun, darf aber selber nicht egoistisch sein. Anders, als Elie Wiesel sich das denkt, wird die in Deutschland heranwachsende Jugend dieser Logik, eben weil sie eine Scheinlogik ist, immer weniger folgen.
Vom »internationalen Judentum«, wie das der Regierungssprecher Klein tat, sollte man wirklich nicht reden. Wie aber, wenn man den Begriff nur denkt, wäre das nicht schon schlimm genug? Ist es denn zu bestreiten, daß kein amerikanischer Außenminister im Vorderen Orient eine Politik des Ausgleichs und der Vernunft treiben kann, weil sein (auf die jüdische Wählerschaft angewiesener) Präsident ihm das verbietet?
Wer den Fall der Mauer beklagt, wer niemanden mag, der »aggressiv« ist, wie Elie Wiesel von sich sagt: Er mag uns dann doch erklären, warum in Jerusalem geschossen wird und in Berlin nicht. Das liegt nun nicht mehr an Adolf Hitler.
Wiesel, der Erinnerer, wird zu Wiesel, dem Verdränger. Ob die beiden deutschen Staaten zusammenfinden (müssen), liegt nicht so sehr an den Alliierten und nicht so sehr an den Juden.
Es liegt, wem immer das nicht paßt, an einer von uns Deutschen kaum zielgerecht zu beeinflussenden Entwicklung. Gelingt es der DDR, sich mit unserer Hilfe an ihrem eigenen Zopf aus dem kommunistischen Sumpf zu ziehen, so wird es vorerst weiter zwei Staaten geben. Gelingt ihr das aber nicht, so wird eine Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft unterhalb der alliierten Verbotsgrenzen der einzige Ausweg sein. Wer sollte diese »Vertragsgemeinschaft« dann noch verhindern? Die Stunde Null, von uns allen so sehnlichst herbeigefürchtet, sie ist da.