Süßes Joch - DER SPIEGEL
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KIRCHE ZÖLIBAT Süßes Joch

• aus DER SPIEGEL 3/1970
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

(siehe Titelbild)

Ein unheiliger Krieg wird überall in der Welt geführt. Es ist ein Krieg mit Gefallenen, die nicht tot sind, und mit Vermißten, die niemand sucht. Es ist ein Krieg, der schon verloren ist für den, der ihn begann: für Papst Paul VI. Er will den von ihm heilig genannten Zölibat* verteidigen und zerstört die noch verbliebene Autorität des Papsttums.

Verloren hat der Papst von 1964 bis Ende 1969 rund 12 800 Mann -- etwa drei Prozent des Klerus, davon gut die Hälfte mit kirchlichem Plazet, die anderen ohne.« Fahnenflucht« und »Untreue« wirft ihnen der Papst vor.

Seit der vergangenen Woche muß der Papst fürchten, daß ihm noch in diesem Frühjahr eine ganze Provinz den Gehorsam aufkündigt und ihren Priestern die Ehe erlaubt.

* Aus dem lateinischen Adjektiv caelebs = ehelos.

Zum erstenmal in dem weltweiten Kampf für und gegen den Zölibat entschied sich eine offizielle Kirchenversammlung anders als der Papst. Das holländische Pastoralkonzil, das in der vergangenen Woche in Noordwijkerhout an der Nordsee tagte, beschloß mit 90 gegen sechs Stimmen bei zehn Enthaltungen, daß verheiratete Männer zu Priestern geweiht werden sollen. Mit 86 gegen drei Stimmen bei zwölf Enthaltungen entschied sich Hollands Konzil dafür, daß heiratende Priester im Amt bleiben dürfen.

Vor der Konzilsaula bauten junge Priester vor Freude eine Schneefrau und hingen ihr ein Schild um. »Freu dich, morgen können wir heiraten.«

Für das katholische Kirchenrecht ist der Entscheid zwar ohne Bedeutung. Die Bischöfe enthielten sich der Stimme und beraten erst in den nächsten Tagen die Konsequenzen.

Ein neues Kapitel in der Kirchengeschichte hat gleichwohl begonnen. Die Bischöfe stehen vor der Wahl, entweder den Weisungen des Papstes oder dem erklärten Willen ihres Kirchenvolkes zu folgen.

Schon sprechen holländische Priester davon, daß notfalls ein Schisma nicht gescheut werden solle. Und zwar nicht den Bruch, aber einen tiefen Konflikt mit Rom scheint Hollands Kardinal Alfrink in Kauf nehmen zu wollen. Er hofft noch immer, durch vertrauliche Verhandlungen mit dem Vatikan eine Lösung zu erreichen, die den zweifellos gährenden Aufruhr in den Niederlanden verhindert.

Zum Problem einer ganzen Kirche ist in Holland geworden, was bislang das Problem vieler einzelner gewesen ist. Seit Monaten schon machen prominente Zölibats-Flüchtlinge Schlagzeilen rund um den Erdball. Sogar aus der Päpstlichen Familie, die sich in Rom um den Stuhl Petri sammelt, und aus der auserwählten Schar der Apostel-Nachfolger verschwanden Männer, die einst die Ehelosigkeit gelobt und nun die Ehe gesucht haben.

Sie schieden teils mit Auftritten wie in der Operette. teils mit Abgängen wie in Tragödien, teils schlichen sie sich davon. Und schon kündigen sich neue Schauspiele an -- wieder im Vatikan und wieder auch unter den Apostel-Nachfolgern. Ihre Namen, die bis heute noch keiner nennt, werden binnen kurzem so geläufig sein wie im Jahre 1969 die ihrer Vorgänger.

Berühmter als irgendein anderer Ex-Priester wurde Monsignore Giovanni Musante, 51, der offiziell zur geistlichen Familie des Papstes gehörte. An Festtagen durfte er Paul VI. auf der Sänfte (Sedia gestatoria) in den Petersdom tragen. In der Ewigen Stadt war er unter anderem für die Disziplin des Klerus verantwortlich.

Nach einem Vierteljahrhundert in der Soutane verließ er 1969 die Päpstliche Familie und gründete eine eigene: mit der zwölf Jahre jüngeren Giovannina. Der Papst gab Dispens, Segen und 60 000 Mark Abfindung. Musante ließ sich in einer römischen Kirche festlich trauen und einen deutschen Hochzeitsmarsch blasen. Einige Hundertschaften Karabinieri sollten das Paar vor etwaigen eifernden Frommen schützen, doch es kamen nur Neugierige und Reporter. Sie ermittelten in diesem italienischen Klatsch-Fall des Jahres 1969 sogar, um wieviel Pfund der Prälat seiner Braut zuliebe schon vor der Hochzeit leichter geworden war (30).

Bis heute verborgen aber blieb, wo (unter anderem) der damalige Monsignore Musante und seine von römischen Spöttern so genannte Monsignorina sich zum Stelldichein trafen: im Gebäude des Heiligen Offiziums, dem Amtssitz der päpstlichen Glaubenswächter (Parterre) und damaligen Wohnsitz Musantes (erster Stock).

In Perus Hauptstadt Lima verließ Weihbischof Mario Renato Cornejo Radavero, 41, seinen Bischofsthron und flog nach Argentinien. Gerüchte, Radavero wolle heiraten, dementierte Petrus Kardinal Landázuri Ricketts, und das Papstblatt »L'Osservatore Romano« berichtete »mit tiefem Schmerz« von »seelischen Störungen« des flüchtigen Oberhirten. Zu der Zeit aber genoß die Ex-Exzellenz im argentinischen Exil schon längst die Flitterwochen mit der Polizistin Maria, geborene Trevino. Seither ward er nicht mehr gesehen.

James P. Shannon« 48, Presse-Bischof der USA und Wortführer der geistigen Elite unter Amerikas Priestern, nahm im Pillenstreit für die Frauen und gegen den Papst Partei: »Ich kann nicht glauben, daß Gott die Menschen an unmögliche Normen binden will.« Zum Konflikt mit anderen Bischöfen kam es, als Shannon den Zölibat eine »gegenwärtig ernste Frage« nannte.

Dann gab er den Kampf auf und verzichtete auf Mitra, Krummstab und Bischofsring. Er heiratete Ruth Wilkinson, die ihm im Kampf gegen den Papst beigestanden hatte und deren vierter Ehemann er ist*. »Seit Jack Kennedy ermordet wurde, hat mich nichts so erschüttert wie dies«, zitierte das US-Magazin »Time« eine katholische Hausfrau zum Fall Shannon.

An seinem neuen Wohnsitz Santa Fé hofft der Ex-Bischof, daß es »viel-

* Zwei ihrer Ehen waren von der katholischen Kirche für nichtig erklärt worden, ihr dritter Ehemann war gestorben. Nach kanonischem Recht hätte sie eine gültige Ehe schließen können; da Shannon aber nicht um Dispens beim Heiligen Stuhl eingekommen ist, lebt sie in ungültiger Ehe.

leicht doch noch zu unseren Lebzeiten möglich werden wird, daß ich als verheirateter Priester wirken darf«. Er und seine Frau seien bereit, dann »Überall hinzugehen, wohin uns der Papst senden will«.

Johannes Alkuin Heising, 42, war einst als Benediktinerabt ranggleich mit Bischöfen. Als er Kloster und Klerus verließ, versicherte er, es geschehe »nicht des Zölibats wegen«. Drei Monate später war er verheiratet. Jetzt sitzt er in Sevilla und wartet mit Ehefrau Maria auf Papiere: Rom soll ihn aus dem Priesterberuf entlassen, von der Unesco möchte er für den Lehrerberuf engagiert werden.

Andere Priester heiraten anders als diese vier bislang ranghöchsten Zölibats-Flüchtlinge. Sie suchen nicht wie Musante Blitzlicht und Schlagzeilen für den Beginn ihrer Ehe, sondern lassen sich entweder nur insgeheim kirchlich trauen, weil es die Kirche so will, oder überhaupt nicht, weil sie mit der Kirche nichts mehr zu tun haben wollen. Sie verstummen aber auch nicht wie Radavero, sondern setzen -- jedenfalls in Deutschland -- an das Ende ihres Priesterlebens oft sogar eine Grundsatz-Erklärung in einem Kanzelwort, einem Abschiedsbrief an die Gemeinde oder in einem Interview wie der Kölner Ex-Benediktiner und künftige evangelische Pfarrer Edmund Steffensky. Eine (später zurückgezogene) Klage des Kölner Kardinals Höffner brachte den Kernsatz in alle Zeitungen: »Es ist ja nicht wahr, daß katholische Priester nicht verheiratet sind. Viele sind mit tausend Dingen verheiratet; angefangen vom guten Essen und Trinken über viele andere Dinge bis hin zur Selbstbefriedigung, zur Freundin und zur Homosexualität,«

Und sie gehen weder in die Fremde wie Heising, noch hoffen sie wie Shannon auf die Heimkehr in den alten Beruf. Die meisten sind in neuen akademischen Berufen zufrieden. Einige nahmen Abstieg in Kauf wie der französische Abbé Weitlauff, der heute sein Geld als Drucker verdient, oder wie ein halbes Dutzend italienischer Ex-Priester, die als Gastarbeiter in München U-Bahn-Schächte ausheben.

Hochzeitsmeldungen häufen sich so, daß sie oft nur noch auf den Lokalseiten erscheinen. Ausgenommen sind geweihte Ehemänner wie der Amerikaner Anthony Girandola, der auch als Ex-Priester sein Habit nicht ablegte, und wie der einstige deutsche Olympia-Ruderer Helmut Lebert. Als die Bischöfe ihn nach Mexiko als Sportler-Seelsorger schicken wollten, war ihm ein Minikleid schon näher als der Priesterrock. Länger noch als Lebert war der Amsterdamer Studentenpfarrer Jos Vrijburg in den Schlagzeilen, der als erster und bisher einziger heiratete und trotzdem Priester bleiben, aber nur predigen und keine Sakramente spenden durfte. Später gab er seinen geistlichen Beruf dann doch auf.

Manche legen Wert auf die Feststellung, daß manches Dogma sie abstieß und nicht eine Dame sie fortzog -- so der Ex-Priester Friedhelm Luthe, 34, vervettert mit dem Kölner Weihbischof Hubert Luthe. Er schreibt an der Universität Bochum eine Doktorarbeit über seine Weggefährten, von denen er 76 über ihre geistliche Vergangenheit und ihre weltliche Gegenwart befragte. Tatsächlich mag oft nicht streng zu unterscheiden sein, ob erst das Fleisch schwach und dann der Geist unwillig geworden ist oder umgekehrt.

Noch sind die 1969er Verluste nicht ausgezählt, schon kündigen sich für 1970 neue Fälle an. In Brasilien ist seit kurzem der Bischof von Ilhéus, Caetano António Lima dos Santos, 53, aus der Öffentlichkeit verschwunden. Kirchenamtlich wurde er für krank erklärt. Gerüchte wollen nicht verstummen, daß er auf dem Wege in die Ehe ist.

In der Ewigen Stadt konnte bis heute geheimgehalten werden, daß nach

* Bei der Zölibats-Diskussion; hinter der Katholikin am Mikrophon die Bischöfe Janssen, Ernst, Binyssen (r.).

Musante schon wieder ein Mitglied der Päpstlichen Familie verlorengegangen ist: Monsignore Armando Fattinnanzi, ehemals päpstlicher Geheimkämmerer.

Wie der SPIEGEL in der vergangenen Woche feststellte, hat Fattinnanzi der Liebe wegen den Heiligen Stuhl verlassen. Im Gegensatz zu Musante hat er auf päpstlichen Segen und kirchliche Heiratserlaubnis verzichtet und lebt in einer Ehe, die nach kanonischem Recht ungültig ist.

Der nächste prominente geweihte Hochzeiter in Deutschland wird der Dominikanerpater Dr. Bertrand Kauffmann, 41, sein. Fünfeinhalb Jahre saß er in Hamburgs »Offener Tür«. Er gab anderen Rat und wurde der populärste Priester der Hansestadt. Zur Christmette 1969 stand er (was nur Vertraute wußten) zum letztenmal am Altar und auf der Kanzel. In der vergangenen Woche haben seine Katholiken erfahren, daß er eine »Brigitte«-Redakteurin heiraten will.

Noch vermag ein kurzsichtiger römischer Prälat darüber zu spotten, daß die Verluste erst halb so hoch seien wie zur Zeit Jesu. Seine Rechnung: ein Judas unter zwölf Aposteln gleich acht Prozent; ausgeschiedene Priester in den letzten Jahren maximal vier Prozent.

Einen solchen Priesterschwund aber gab es noch nie seit der Zeit der Reformation. Papst und Bischöfe haben, solange sie die Ehelosigkeit verteidigen, kein Mittel, die Priesterflucht einzudämmen. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, ist der Höhepunkt des Exodus in die Ehe noch nicht erreicht. Schon denken die meisten Priester über den Zölibat anders als der Papst. Niemand vermag abzusehen, ob und wann die meisten Priester auch anders handeln, als der Papst es will.

Vorerst nur eine kleine, aber entschlossene Minderheit von Geistlichen hat sich in den »Priestergruppen« organisiert und ist wie für andere Forderungen öffentlich auch zum Kampf für die freie Wahl zwischen Ehelosigkeit und Priesterehe angetreten.« Die Verpflichtung zum Zölibat«, so stellten in der Schweizer Kantonshauptstadt Chur 1969 die Delegierten der Priestergruppen aus ganz Europa fest, »widerspricht dem Geist des Evangeliums.«

Eine schon größere Minderheit von Priestern erklärt stets, wenn irgendwo in der Welt eine Umfrage nach dem Zölibat gehalten wird: Sie würden sofort heiraten, wenn sie im Amt bleiben könnten.

Stets die Mehrheit der Priester. meist zwei Drittel, sprechen sich bei Umfragen dafür aus, daß das Junktim zwischen Priesteramt und Zölibat aufgehoben wird. Ein erheblicher Teil fordert die Ehe nicht mehr für sich sondern erklärt, selber unverheiratet bleiben zu wollen.

Und noch größere Mehrheiten werden erreicht, wenn katholische Theologiestudenten nach ihrer Meinung über den Zölibat gefragt werden. In Tübingen sind 95 Prozent, in München 94,4 Prozent der potentiellen Priester gegen die Ehelosigkeit, die ihnen bevorsteht.

Schon sind sich viele Fürsprecher und Gegner des Zölibats darüber einig, daß ein Ende der erzwungenen Ehelosigkeit der Priester in Sicht kommt.

Die einen befürchten das Ende des Zölibats -- wie der Münchner Erzbischof Julius Kardinal Döpfner: »Die Art und Weise, wie die Diskussion über den Zölibat von manchen betrieben wird«, könne »die priesterliche Ehelosigkeit zum Verschwinden bringen«.

Die anderen hoffen es -- wie der prophetisch begabte Tübinger Theologieprofessor Hans Küng: »Es wird in diesem Punkt in der katholischen Kirche jedenfalls keine Ruhe geben, bis die Ehelosigkeit wieder wie ursprünglich der freien Entscheidung des Einzelnen anheimgestellt ... wird.«

»God save the Küng!« schrieb ein Kommentator sogar in dem sauerländischen katholischen Zwei-Groschen-Blatt »Neue Bildpost«.

Wann diese Ruhe nach dem Sturm kommen wird, vermag niemand vorauszusehen. Aber immer neue Böen treiben das Schiff Petri in die Richtung Priesterehe.

In dieser Woche werden Pastoraltheologen, die an deutschsprachigen Hochschulen lehren, der Deutschen Bischofskonferenz eine Entschließung übergeben. Sie sprechen sich einhellig für die Zulassung verheirateter Priester aus und bitten die Oberhirten »eindringlich, die notwendigen Schritte zu unternehmen, daß die entgegenstehenden kirchenrechtlichen Bestimmungen abgeändert werden«.

Selten ist unter den Katholiken, den gebildeten wie den schlichten, eine Meinung so schnell und so gründlich umgeschlagen wie in den letzten Jahren die über den Zölibat. Ein Tabu ist zerbrochen. Kein Argument, das für oder gegen den Zölibat spricht, wird noch ungeprüft übernommen. Ohne Scheu werden die Widersprüche aufgedeckt, in die sich die Kirche verwickelt hat.

Den Priestern wird die Ehe verweigert, obwohl es -- als Ausnahme -- schon verheiratete katholische Geistliche gibt:

* Frühere nichtkatholische Geistliche. die konvertiert sind und sich zu Priestern weihen ließen, dürfen weiter mit ihren Ehefrauen zusammenleben.

* Priester der mit Rom unierten Kirchen des Ostens dürfen heiraten, Ehelosigkeit ist nur Bischöfen vorgeschrieben. Patriarch Maximos IV. Saigh war denn auch auf dem Konzil der ranghöchste Kritiker der Zwangs-Ehelosigkeit. Er sagte: »Im Bedarfsfall muß nicht das Priestertum dem Zölibat, sondern der Zölibat dem Priestertum geopfert werden.«

* Diakone -- Geistliche minderen Ranges -- dürfen verheiratet sein und viele priesterliche Funktionen ausüben.

Weitere Widersprüche sprechen nach Ansicht vieler Theologen gegen das Zölibatsgesetz:

* Der Zölibat wird verteidigt wie ein Dogma, obwohl er nach einhelliger katholischer Lehre nicht göttlichen, sondern kirchlichen Rechts ist und aufgehoben werden könnte.

* Die Keuschheits-Vorschriften halten viele junge Katholiken vom Priesterberuf fern, obwohl der Mangel an Geistlichen überall beklagt wird.

* Weniger der Glaube und katholischer Geist als vielmehr die körperliche Eignung für ein eheloses Leben ist das Kriterium vieler junger Katholiken für die Entscheidung, ob sie Priester werden wollen oder nicht.

* Die Heiligkeit des Zölibats wird gepriesen, obwohl vor allem in weiten Landstrichen Südamerikas ein großer Teil der Priester mit Frauen außerhalb der kanonischen Legalität zusammenlebt.

* Die Ehelosigkeit wird ein Charisma genannt, das Gott einigen gebe, und zugleich wird sie per Gesetz von allen Priestern verlangt.

In der innerkirchlichen Auseinandersetzung ist es fast ohne Bedeutung. wie sehr früher die Außenwelt sich mit diesem katholischen Problem beschäftigt hat. Es wird kaum auf die vielen Freigeister verwiesen, die den Zölibat ablehnten -- wie Frankreichs Jean-Jacques Rousseau: »Einer so zahlreichen Körperschaft, wie es die Geistlichkeit der römischen Kirche ist, das ehelose Leben aufzulegen, heißt nicht sowohl, ihr verbieten, keine Weiber zu nehmen, sondern vielmehr ihr befehlen, sich mit den Weibern anderer zu behelfen.«

Es werden aber auch selten die wenigen Nichtkatholiken bemüht, die Gutes über die Ehelosigkeit sagten -- wie Dänemarks Sören Kierkegaard: »Der Unverheiratete kann im Geisteskampf mehr wagen als der Verheiratete.«

Und selten auch schlägt sich ein nichtkatholischer Welt-Mann auf die eine oder die andere katholische Seite in diesem Kirchen-Streit -- wie etwa Johannes Gross, der den »Klerikern, die so gegen den Zölibat wüten«, zum Nachdenken rät-», Die Sonderstellung, die sie noch haben ... beruht ja nicht auf einer Überlegenheit an Bildung, die sie nicht haben, nicht auf den Weihen, die kaum einer versteht, sondern auf der einen Tatsache, daß der Verzicht auf die Geschlechtsfunktion sie aus dem Zeitgeist

was noch zu beginn der sechziger jahre einzelne geistliche nur unter pseudonym zu hektographieren wagten, wird heute von angesehenen katholischen verlagen gedruckt und von priesterprofessoren in akademien gesagt. bekenntnis-bücher ehemaliger priester sind bestseller geworden wie vor allem die bilanz des englischen spitzen-theologen charles davis, der die katholische kirche verließ und sich anglikanisch trauen ließ.

auf neuere arbeiten von renommierten moraltheologen wie dem bonner schweizer franz böckle und dem deutschen römer bernhard häring, deren frühere werke von kardinälen den zweiflern am zölibat zur belehrung empfohlen wurden, können sich heute die protest-priester berufen.

und auch im unteren kirchenvolk ist die stimmung umgeschlagen. früher wurden die sogenannten gefallenen priester gemieden und oft gehaßt, nicht selten auch von ihren nächsten angehörigen. heute gibt es schon katholische gemeinden, die sich offen für heiratende priester und gegen die kirchliche obrigkeit aussprechen. so richteten in münchen 300 meist jüngere katholiken der st.-laurentius-gemeinde einen offenen brief an kardinal döpfner, als ihr pfarrer eine ehe schließen wollte und aus dem amt scheiden mußte: »wir fragen sie, ob sie es zulassen können, daß der kirche, d. h. uns und vielen anderen gemeinden wegen eines unchristlichen kirchengesetzes die pfarrer weggenommen werden ... dringen sie beim papst darauf, daß der pflichtzölibat abgeschafft wird.«

wie der meinungswechsel im fußvolk lassen sich auch differenzen unter den oberhirten nicht mehr verbergen. vor den fernsehkameras des zdf spielte sich ab, daß erst ein bischof etwas sagte, was er hernach nicht mehr gesagt haben wollte, und daß dann ein anderer oberhirte doch den einheits-block der bischöfe sprengte.

der mainzer bischof hermann volk in einer. fernsehdiskussion: »ich spreche ja nicht dafür, daß der zölibat bleiben müsse, dafür spreche ich gar nicht.« kommentar seines gesprächspartners küng: »das habe ich aber noch von keinem bischof so deutlich gehört.« dementi volks einige tage später: er habe »noch nie ein wort verloren, auch keinen gedanken, durch welchen der zölibat in frage gestellt würde«.

das hat erst am vergangenen sonntag passaus bischof hofmann getan. in einem spiegel-gespräch distanzierte sich kölns weihbischof augustin frotz von seinem bayrischen amtsbruder (siehe seite 59).

je heftiger und offener seine eigenen hirten und herden den zölibat ablehnen, um so entschiedener verteidigt ihn der »oberste hirte«, wie papst paul vi. sich selber nennt. in seiner bislang letzten rede verglich er sich mit christus und nannte die priesterflucht »unsere dornenkrone«, die er tragen müsse. als »unglückliche menschen« bezeichnete er die ex-priester, deren »fälle von fahnenflucht das volk gottes verbittern, ihm zum stein des anstoßes werden und daher tief beklagt werden müssen

strenger noch als der papst urteilen jene prälaten über ihre ehemaligen

* im hintergrund links der wiener kardinal könig.

amtsbrüder, die im heiligen offizium für sie zuständig sind. monsignore lanciotti, der leiter der dispens-abteilung: »die meisten fälle, wenigstens 90 prozent, sind jene armen priester, denen ich so sehr zu helfen versuche, denn sie tun mir leid. diese armen priester sind entweder krank oder zum priestertum gezwungen worden.« und: »manche dieser leute sind kinder von alkoholikern, und der sohn des alkoholikers mag erbliche belastungen haben, die gewiß sein priestertum beeinflussen.«

wie der papst, versucht auch lanciotti den priestern jede hoffnung auf ein ende des zölibats zu nehmen. es gebe »keinerlei anzeichen für eine eventuelle Änderung ... im gegenteil, ich kann sagen, daß die kirche eher die gesetze strenger fassen möchte, denn einige haben angst vor einem ausbluten der kirche, vor diesem verlust an priestern«.

das starre festhalten am zölibat verschärft die krise der kirche. die autorität des papstes wird gefährlicher noch als in der pillenfrage aufs spiel gesetzt, und das in einem aussichtslosen kampf, der schon verloren ist. welche gründe könnten den papst und seine berater leiten, eine Änderung zu hemmen, die, was immer sie bringen mag, gefüge und selbstverständnis der kirche tiefgreifend umpflügen muß?

es scheint, als scheue der jetzige papst, der sich zunehmend als wahrer der tradition versteht, vor der Änderung zurück, weil sie so einschneidende und unübersehbare folgen hätte, aus emotionalem schauder. rationale erwägungen müßten ihn längst umgestimmt haben. denn was immer der sinn gewesen sein mag, priester vom heiraten abzuhalten: in dieser gewandelten welt hat das verbot seine frühere ratio verloren.

um die sünde der bösen lust besser brandmarken zu können, sei es aus geistlicher inspiration oder aus gründen der disziplinierung, mochte es geboten erscheinen, die priester als ausschließliche diener ihres herrn und nicht ihres leibes figurieren zu lassen. heute, wo die überwiegende mehrheit der katholiken in der ehe ungescheut lust empfinden will, wirkt das verbot für die priester, das einem absoluten keuschheitsgebot gleichkommt, obsolet.

aber der zölibat diente auch anderen zwecken. ehelose priester waren -- mit oder ohne konkubinen -- billiger zu unterhalten und leichter zu bewegen. sie vergeudeten keine freizeit an familien und ersetzten durch ehrgeiz, was sie an trieb-kräften unterdrückten.

vor allem machte der zölibat die priester zu einer kaste, die erfüllt war vom geist der eigenen exklusivität. geblieben ist von all dem fast nichts. in der kleidung wie im einkommen, im lebensstil wie im arbeitsaufwand haben sich viele priester ihren weltlichen mitchristen angeglichen. ihr junggesellenleben wird weithin nicht mehr bewundert, sondern bewitzelt. ihre keuschheit gilt vielen katholiken nicht mehr als übernatürlich, sondern nur noch als überflüssig.

aber folgenschwerer noch als die erkenntnis, daß der zölibat ein machtmittel in den händen der päpste war, ist das katholische eingeständnis, daß die forderung nach enthaltsamkeit der priester nicht christlichen ursprungs ist, daß jesus sie seinen jüngern nicht zur pflicht gemacht hat und daß die geschichte des zölibats von ungezählten päpsten, theologen und kirchenhistorikern verschönt und verfälscht worden ist.

die revision des katholischen geschichtsbildes wird deutlich an figuren wie dem heiligen petrus kardina] damiani (1007 bis 1072), der 750 jahre nach seinem tode zum kirchenlehrer erklärt wurde. pius xii. zitierte ihn noch kritiklos als einen vorbildlichen verteidiger des zölibats.

heute distanziert sich der münchner kirchenhistoriker georg denzler im jesuitenblatt »stimmen der zeit« von ihm als einem »frauenverächter größten ausmaßes«. zur abschreckung gibt er damianis anreden für priester-frauen ausführlich wieder: »ihr schätzchen der kleriker, ihr lockspeise des satans, ihr auswurf des paradieses, ihr gift der geister, schwert der seelen, wolfsmilch für die trinkenden, gift für die essenden. quelle der sünde, anlaß des verderbens. euch rede ich an, ihr lusthäuser des alten feindes, ihr wiedehopfe, eulen, nachtkäuze, wölfinnen, blutegel, die ohne unterlaß nach mehreren gelüstet. kommt also und hört mich, ihr metzen. buhlerinnen, lustdirnen, ihr mistpfützen fetter schweine, ihr ruhepolster unreiner geister. ihr nymphen, sirenen, hexen. dianen und was es sonst für scheusalsnamen geben mag, die man euch beilegen möchte. ihr seid speise der satane, zur flamme des ewigen todes bestimmt.«

mit dieser damenrede und ähnlichen porno-proben des heiligen enthaltsamen wurden früher nur antiklerikale schriften gefüllt. vielzitierte stelle: »kürzlich habe ich mich mit einigen bischöfen unterredet. dabei versuchte ich, ihren heiligen oberschenkeln einen riegel vorzuschieben, ihren genitalien sozusagen keuschheitsschnallen anzulegen.« heute dienen solche texte katholischen zölibats-kritikern als belege dafür, zu welchen verkrampften haltungen die ehelosigkeit führen kann und wie zeitbedingt die abneigung gegen die ehe gewesen lt.

worte und werke solcher keuschheits-eiferer machen den zölibat eher abschreckend als anziehend, dessen wurzeln in die vorehristliche zeit zurückreichen.

im judentum und in anderen vorchristlichen religionen wurde von den priestern verlangt, daß sie sich vor den gottesdiensten der liebe enthielten. in einigen religionen wurde auch die häufig »jungfräulichkeit« genannte -- ständige keuschheit der kultdiener gefordert. der gedanke, daß der geist rein und der leib unrein sei, führt zwangsläufig dazu, daß der geschlechtsverkehr verachtet wird und der enthaltsamere als derjenige gilt, der gott näher ist.

ober fremdeinflüsse auf das »christliche jungfräulichkeitsideal« urteilt denn auch kirchenhistoriker denzler: »platonisch-aristotelische gedankengänge vom primat des geistigen, vermischt mit alttestamentlich geprägten kultischen reinheitsvorstellungen haben ... stark eingewirkt und es entscheidend geformt, manchmal sogar entstellt.«

jesus, selber ledig, hat sich zwar für die »ehelosigkeit um des himmelreiches willen« ausgesprochen. doch er schränkte zugleich ein, daß »nicht alle dieses wort fassen, sondern nur jene, denen es gegeben ist«. und sicher ist, daß jesus es nicht auf seine jünger gemünzt hat.

daß einige anhänger jesu verheiratet gewesen sind, beweist allein schon eine stelle in einem paulus-brief: »hätten wir kein recht, eine (glaubens-)schwester als frau mitzuführen wie die anderen apostel und die brüder des herrn und kephas (petrus)?« die schwiegermutter des petrus -- der nach katholischer lehre der erste papst war -- wird sogar in der bibel erwähnt: »als jesus in das haus des petrus kam, sah er, daß dessen schwiegermutter am fieber darniederlag. er nahm sie bei der hand, und das fieber verließ sie. und sie stand auf und bediente ihn.«

häufig wird von den zölibats-fürsprechern ein paulus-wort zitiert: »der unverheiratete sorgt sich um das, was des herrn ist, wie er dem herrn gefalle. der verheiratete sorgt sich um das, was der welt ist, wie er der frau gefalle, und ist geteilt.« doch paulus selber verwies darauf, daß er hierfür »kein gebot vom herrn« habe. er empfahl die ehelosigkeit so, wie sie heute auch von katholischen kritikern des zölibats-zwangs befürwortet wird: als freiwillige aufgabe. paulus nahm nicht daran anstoß, daß der bischof »eines weibes mann« ist.

während früher trotzdem von geistlichen autoren oft behauptet wurde, der zölibat habe seinen »soliden grund in der heiligen schrift« (so der wiener theologieprofessor michael pfliegler), ist neuerdings vorherrschende katholische auffassung, daß er noch nicht im neuen testament gefordert worden ist.

es wird von katholischen autoren auch kaum noch vertuscht, daß die enthaltsamkeits-fürsprecher eineinhalb jahrtausende brauchten, bis sie die ehelosigkeit der priester gegen den widerstand vieler kleriker-generationen durchgesetzt hatten.

daß in den ersten jahrhunderten alle priester bis hinauf zu den bischöfen frei zwischen ehe und ehelosigkeit wählen konnten und fast alle verheiratet waren, versuchte noch 1963 der aachener regens und heutige weihbischof josef hünermann zu bestreiten. es sei ein »fehlschluß anzunehmen, die verpflichtung zur ehelosigkeit sei erst im 4. jahrhundert entstanden«, und niemand dürfe behaupten, die synode von elvira im jahre 306 habe »den zölibat erst eingeführt«.

diese ansichten sind tatsächlich falsch. nur: das zölibats-gesetz wurde nicht eher beschlossen (wie hünermann meint), sondern erst rund sechs jahrhunderte später. und die synode von elvira (dem heutigen granada) hat den geistlichen nicht die ehe, sondern den geschlechtsverkehr verboten. 19 bischöfe und 24 priester faßten damals den beschluß, der nur für teile spaniens gelten sollte: »diakone, priester und bischöfe müssen sich ihrer frauen enthalten und dürfen keine kinder zeugen.« solche elvira-ehen hat es allerdings auch in spanien zunächst kaum gegeben.

noch im selben jahrhundert scheiterte auf dem konzil von nicäa (325) der versuch, diese radikale forderung für die ganze welt zu erheben. auch die synode von konstantinopel im jahre 692 mochte nicht so weit gehen. sie entschied sich für eine regelung, die bis heute in den orthodoxen kirchen gilt: die ehe, die ein priester vor seiner weihe geschlossen hat, bleibt mit allen rechten und pflichten bestehen. nach seiner weihe darf ein geistlicher allerdings nicht mehr heiraten, und bischof kann nur werden, wer ehelos geblieben ist oder seine frau ins kloster schickt.

in den folgenden jahrhunderten waren päpste, bischöfe und synoden häufig bemüht, die priester-ehen zu vermindern oder zu verbieten. doch sie konnten nicht verhindern, daß »die mehrzahl der priester bis in das zwölfte jahrhundert hinein verheiratet gewesen« ist, wie der kirchenhistoriker denzler 1969 in der münchner katholischen akademie feststellte.

vergebens wurde beschlossen, priestersöhne für unehelich zu erklären (synode von sevilla 592), konkubinen von priestern zu sklavinnen herabzu

* oben: pater im gemach einer dame; unten: aus »pardon«.

stufen (synoden von toledo 633 und 653) und unkeusche kleriker einzukerkern (concilium germanicum 742).

der niedere wie zum großen teil auch der höhere klerus widersetzte sich den aufforderungen, frau und kind aus pfarrhäusern oder residenzen zu jagen. als papst gregor vii. (1073 bis 1085) die priesterehen mit drakonischen strafen abschaffen wollte, gefährdete er eher den bestand der kirche als die familien der geistlichen.

als der erzbischof johann von rouen seine priester mit dem gregorianischen dekret vertraut machen wollte, wurde et von den empörten seelsorgern mit steinwürfen aus der kirche gejagt. in erfurt verließen sämtliche geistliche lärmend die versammlung, als ihr erzbischof sigfrid die römische botschaft überbrachte, und berieten vor der tür, oh sie erst noch ihren sigfrid ermorden oder gleich zu ihren familien zurückkehren sollten. die mehrheit entschied sich gegen einen mord.

im zwölften jahrhundert wurde trotz des widerstandes der geistlichen familienväter der zölibat zum gesetz erhoben. das zweite lateran-konzil erklärte im april 1139 die ehen aller priester nicht nur für unerlaubt, sondern auch für ungültig.

auf dem kirchenpapier war nun jene forderung verwirklicht, auf der papst paul vi. noch heute besteht. doch die wirklichkeit entsprach dem noch lange zeit keineswegs.

viele pfarrer behielten trotz konzilsbeschluß ihre frauen. etliche oberhirten verzichteten nun zwar darauf, ehen zu schließen. der fleischeslust außerhalb der ehe mochten sie aber um so weniger entsagen.

so ließ sich der patriarch von aquileja, gregor von montelongo, 1251 den wahlspruch »si non caste, tarnen caute« ("wenn nicht keusch, so doch wenigstens vorsichtig") ins wappen setzen.

1272 sah sich papst gregor x. genötigt, dem bischof heinrich von lüttich per brief die sünden aufzuzählen: »du hast sowohl vor als auch nach deiner ernennung zum bischof zahlreiche söhne und töchter gezeugt. eine Äbtissin dient dir als konkubine. bei einem festgelage rühmtest du dich vor allen anwesenden. innerhalb von 22 monaten 14 söhne gezeugt zu haben

drei weitere söhne, die deinen beziehungen zu einer nonne entstammen, nahmst du in den klerus deiner diözese auf. dieselbe nonne gebar dir noch zwei töchter.« 25 jahre lang hatte der fleißige heinrich im bischofsamt bleiben dürfen.

viele päpste etlicher jahrhunderte kannten entweder in der beschimpfung fremder oder in der pflege eigener liebesfreuden kein maß. papst benedikt viii. nannte 1022 die verheirateten priester »springhengste und schweine des epikur«. papst innozenz iii. schimpfte um 1200 über einen bischof und dessen frau: am tage vor der bischofsweihe habe »seine kuh geworfen, er hat aber auch noch nachher als bischof auf ihr geackert«. andererseits gab es neben papst alexander vi. (1492 bis 1503), der fünf kinder hatte und auf dem stuhl petri orgien feierte, noch etwa drei dutzend heilige väter, deren frauen-affären verbürgt sind.

zur massenflucht ganzer familien aus den pfarrhäusern und zugleich aus der katholischen kirche kam es nach der reformation. luther. der selber erst spät (mit 41 jahren) und erst nach zureden seiner freunde die ehemalige nonne katharina von bora geheiratet hatte, war strikter gegner des zölibats: »daß sie die ehe verboten und den göttlichen stand der priester mit ewiger keuschheit beschwert haben, dazu haben sie weder fug noch recht gehabt, sondern haben gehandelt als die endchristischen, tyrannischen, verzweifelten buben, und damit ursache gegeben allerlei erschrecklicher, greulicher, unzähliger sünde der unkeuschheit, darin sie denn noch stecken.«

die frau im haus, die in der neuen kirche allen pfarrern von vornherein erlaubt war, genehmigten sich in der alten kirche viele geistliche weiterhin selber. 1540 berichtete der mainzer erzbischof albrecht dem päpstlichen nuntius: »ich weiß, daß all meine priester konkubinarier sind. doch was ist dagegen zu tun? wenn ich ihre konkubinen verbiete, verlangen sie entweder frauen oder werden lutheraner.«

daß schließlich doch aus den katholischen pfarrhäusern die ehefrauen ausnahmslos und die heimlichen bräute größtenteils verschwanden, ist auf das konzil von trient zurückzuführen (1545 bis 1563). jede weitere diskussion, ob die priesterehe wieder erlaubt werden solle, wurde strikt verboten: »wenn jemand sagt, daß die kleriker ... eine ehe eingehen können und die eingegangene gültig sei, trotz dem verbote des kirchengesetzes ... so sei er verflucht.«

doch auch nach dem beschluß dieses reformkonzils griff noch im 17. jahrhundert die »krebskrankheit des konkubinats« um sich (denzler). und erst allmählich wurde der zölibat etwa so befolgt, wie es zunächst wenige eiferer, später viele obere empfohlen oder verlangt hatten und wie es schließlich das kirchengesetz befahl.

selten gab es zeiten, in denen der protest von priestern gegen die mühsam erzwungene ehelosigkeit gänzlich verstummte. zur zeit der aufklärung lehrten theologieprofessoren fast aller hochschulen, der zölibat sei überholt.

in zunehmendem maße bemühten sich päpste und theologen im 19. und 20. jahrhundert, die ehelosigkeit der priester theologisch zu begründen und fromm zu verherrlichen. mit biblischen bildern und in mannigfachen worten priesen sie den zölibat. johannes xxiii. etwa nannte ihn »eines der edelsten und reinsten ruhmesblätter ihres priestertums«.

viele ruhmestitel nahm paul vi. von seinen vorgängern auf, und andere fügte er selber hinzu, als er 1967 in seiner enzyklika den zölibat unter anderem feierte als »kostbaren edelstein«, »großartiges schauspiel«, »gottgeweihte ehelosigkeit«, »kostbares göttliches geschenk«, »heilige jungfräulichkeit« und »süßes joch christi«.

Ähnliches hat auch das zweite vatikanische konzil verkündet: die ehelosigkeit ermögliche es dem priester, auf »jenen geheimnisvollen ehebund« hinzuweisen, »der von gott begründet ist und im anderen leben ins volle licht treten wird: in ihm hat die kirche einen einzigen bräutigam: christus«.

und kaum anders predigten es fast alle bischöfe und viele theologen immer wieder.

die durch ehe-askese gewonnene reinheit, so formulierte es kölns weihbischof stockums selig, hebe den menschen »gleichsam zu den heiligen bergen empor, wo eine sinnliche atmosphäre ihn nicht mehr umgibt, vielmehr eine himmlische ihn umweht, und läßt ihn atmen in einem geistigen reiche, wo gedanken und phantasien, sehnsüchte und hoffnungen nicht mehr aus fleischlichen quellen fließen, sondern unmittelbar von gott her kommen und zu gott zurückfließen«.

gegen abstürze aus solchen himmelshöhen sollen die vorschriften des codex iuris canonici schützen -- des kirchlichen gesetzbuches, das 1918 in kraft getreten und bis heute gültig geblieben ist.

der junge katholik, der sich zur ehelosigkeit verpflichtet hat, wird mit hilfe etlicher alter kanones entsext. er wird für »unfähig« erklärt, eine ehe zu schließen: die höheren weihen sind ein trennendes ehehindernis wie impotenz oder enge blutsverwandtschaft. wer trotzdem standesamtlich heiratet, verfällt der exkommunikation und kann nicht etwa (wie sonst nahezu jeder sünder) von seinem beichtvater losgesprochen werden, sondern nur von der obersten römischen bußbehörde, der pönitentiarie.

auch dem verstoß gegen die »vollkommene keuschheit« wird durch einen kanon vorgebeugt. um nicht in den verdacht eines solchen »sakrilegs« zu geraten, dürfen die geistlichen nach kanon 133 paragraph 1 damen weder in ihren haushalt aufnehmen noch auch nur besuchen oder empfangen, wenn »zum beispiel wegen ihrer vergangenheit, jugend, körperlichen reize verdacht entstehen könnte« (kirchenrechtler professor klaus mörsdorf, universität münchen). darauf hat der priester selbst dann zu achten, »wenn für den kleriker wegen seiner tugend und seiner natürlichen veranlagung durchaus keine gefahr besteht« (kommentator heribert jone).

zusammenwohnen darf ein geweihter junggeselle nur mit nahen verwandten (mörsdorf: »z. b. mutter, schwester, tante, nichte") oder mit frauen, die »wegen ihrer ehrbaren lebensführung in verbindung mit einem vorgerückten alter« über jede verdächtigung erhaben sind (kanon 133 paragraph 2). in mitteleuropa ist man allgemein mit 35 bis 40, in köln schon mit 30 jahren hinreichend vorgerückt. kirchenintern wird vom »kanonischen. alter« gesprochen.

ob argwohn erregt wird, stellt im zweifelsfall allein der zuständige bischof fest. er darf pfarrhaus-gemeinschaften auflösen und besuche sogar dann untersagen, wenn die frau »is unbescholten gilt. verweigert der betroffene priester den gehorsam, so ist er »von rechts wegen des konkubinats verdächtig«. ihm obliegt dann die beweispflicht, daß er kein verhältnis hat. ein konkubinat, von mörsdorf definiert als »der wiederholt gepflegte geschlechtsverkehr mit einer weiblichen person«, gilt als schweres vergehen und wird mit enthebung vom weihedienst nebst stufenweisem entzug von geld. amt und würden bestraft.

solange allerdings das institut des zölibats nicht gefährdet ist, verfahren zahlreiche bischöfe nicht so streng, wie es ihnen der römische kodex erlaubt. bleibt der seitensprung eines priesters nicht ohne folgen. läßt mancher bischof sogar das kinder-geld aus der kirchenkasse zahlen.

gleichwohl ist der keuschheits-kanon eine waffe« die jederzeit gegen viele mißliebige priester gerichtet werden kann. in einer deutschen diözese durfte sich ein priester zehn jahre lang von einer frau regelmäßig besuchen lassen. erst als er sich einer linken priestergruppe anschloß, nahm der bischof an dem besuch der gar nicht alten dame anstoß und legte dem geistlichen nahe, den dienst zu quittieren.

das verhältnis von priestern zu frauen haben etliche bischöfe und synoden in ausführungsbestimmungen zu detaillieren versucht. die kölner synode legte 1954 in nummer 41 ihrer vorschriften den »obersten grundsatz« für jeden priester fest, »zu jeder stunde und in jeder lage der frau als wahrer priester und nur als priester zu begegnen«. schon ein »leichtfertiger ton« und »jede art verkappter erotik« seien zu meiden. wallfahrten, an denen nur frauen teilnehmen, sollen priester nicht leiten, sondern nur begleiten. mit ihrer haushälterin dürfen sie, wenn es keine verwandte ist, weder tischgemeinschaft haben noch spaziergänge machen.

und ein »unerträgliches Ärgernis« ist es nach nummer 49, »wenn geistliche bei ausflügen, wanderungen, fahrten und ferienlagern der weiblichen jugend mädchen zum bade begleiteten oder gar mit ihnen badeten«. diese vorschriften aus dem jahre 1954 werden zwar längst von vielen priestern belächelt und nicht mehr beachtet, sind aber offiziell noch immer gültig.

den früher oft befohlenen abstand zwischen priestern und frauen könnten die jungen geistlichen heute nicht mehr halten, selbst wenn sie es wollten. nur noch wenige werden wie früher von der knabenzeit bis zur ersten kaplanstelle gegenüber dem anderen geschlecht isoliert.

aus den bischöflichen gymnasien und anderen kirchlichen schulen, die für künftige priester bestimmt sind, kommt heute nur noch ein bruchteil der theologiestudenten. an den universitäten mischen sich auch an den katholischen theologischen fakultäten mädchen unter die studenten. allerdings (wie in münster> nur im Verhältnis eins zu sieben.

Zwar wohnen künftige Priester mehrere Semester lang Im Konvikt oder im Seminar, doch auch dessen Mauern schützen nicht mehr vor Gefahren. Fast überall dürfen heute in der Bundesrepublik die Seminaristen, die in ihrer Kleidung nicht mehr von anderen Studenten zu unterscheiden sind, ihre Freizeit frei gestalten. In einigen Konvikten ist sogar Damenbesuch, wenn auch nicht immer auf den Zimmern, so doch im Gästeraum erlaubt. Für zwei sogenannte Freisemester (zumeist das fünfte und sechste) schwärmen die Priesterkandidaten ohnehin aus und mieten sich eine Bude.

Noch viel weniger als ein Theologiestudent kann ein Priester jeder Versuchung ausweichen. Über sein Verhältnis zur Frau haben Oberhirten und fromme Frauen mehrfach Ratschläge veröffentlicht. Kardinal Döpfner etwa hat in ein und demselben Brief an seine Priester förderlichen Umgang bejaht und vor gefährlichem Kontakt gewarnt.

Einerseits: »Eine ebenso unbefangene wie grundsatzfeste Art, der Frau innerhalb der heutigen Gesellschaftsformen zu begegnen, und ein geistiger Austausch zwischen Priester und Frau können wertvolle, starke Kräfte im priesterlichen Mann erschließen.« Andererseits: »Manche Verhaltensweisen, zumal von jungen Priestern, etwa bei Tanzveranstaltungen oder bei der Begegnung mit der Frauenjugend, überschreiten in bedrohlicher Weise die gebotene Grenze.

Die Schriftstellerin Luise Rinser las aus Döpfners Brief heraus, daß der Kardinal im Gegensatz zu Paul VI. die Frau nicht nur »als das vom Zölibatär zu Meidende, zu Überwindende« sehe, Sie versuchte in einem Buch »Zölibat und Frau« seine Empfehlungen zu präzisieren, Aber auch sie weiß nur zu sagen, was die Beziehung zwischen Priester und Frau nicht sein solle: »Weder das, was man ein »Verhältnis« nennt. noch eine geschlechtlich indifferente. farblose, gefahrlose und letztlich fruchtlose »Bekanntschaft zwischen einem braven Junggesellen und einer ebenso braven. unerweckten alten Jungfer.«

Wie viele Priester auf solchen Grenzgängen verunglücken, ist überall in der Welt das Geheimnis der Bischöflichen Ordinariate geblieben. Weder über Verstöße, die nachgesehen wurden, noch über Abgänge von Priestern des Zölibats wegen werden Zahlen veröffentlicht.

Daß die Flucht von Priestern aus dem Zölibat einem Sturz ins Nichts gleichkam, war jahrzehntelang eindeutig das Ziel der katholischen Kirche. Wo sie es durchsetzen konnte, ließ sie sich dafür auch Staats-Hilfe geben. Das zur Mussolini-Zeit abgeschlossene Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Italien beispielsweise verbietet bis heute, daß »abgefallene Priester« -- so der amtliche Text -- im öffentlichen Dienst beschäftigt werden. Ex-Geistliche dürfen mithin nicht einmal Müllfahrer oder Busschaffner werden.

Sogar wer aus dem geistlichen Stand ausgestoßen oder in den Laienstand zurückversetzt wird, bleibt nach kanonischem Recht zum Zölibat verpflichtet. In einem Dekret wurde 1936 fixiert, daß von der Ehelosigkeit »in der Vergangenheit fast nie dispensiert wurde und daß nach heute geltender Disziplin davon nie dispensiert wird, nicht einmal in Todesgefahr«. Mit anderen Worten: Ob und wie ein ehemaliger Priester mit seiner Familie leben konnte, war der Mutter Kirche gleichgültig. Daß er bis zum Tode eigentlich enthaltsam hätte bleiben müssen, war ihre einzige Sorge.

Zehntausende von »gefallenen Priestern« wurden überall in der Welt von ihrer Kirche »mit unbeschreiblicher Brutalität und heidnischer Grausamkeit« (so die deutschen Priestergruppen 1969 in ihrer Zeitschrift) ins Elend gejagt. Dem Buchstaben des Gesetzes entsprach weithin der Geist des Kirchenfußvolkes, das diese geweihten Sünder ächtete.

Nicht wenige Männer, die sich eigentlich nur anders betten und weiter beten wollten, wurden so in die Reihen der eifernden Gegner der Kirche getrieben. Teils stiegen sie auf evangelische Kanzeln, teils setzten sie sich in Parteibüros der extremen Rechten und Linken. So sind etwa 900 Ex-Priester in NS-Dienste getreten, und heute arbeiten in etlichen italienischen KP-Filialen ehemalige Kleriker.

Andere Ex-Priester gingen an ihren Skrupeln zugrunde. Manche kehrten in die Kirche zurück und lebten als geduldete Außenseiter, dem Segen und dem Heil zuliebe, mit ihren Frauen nur noch wie Bruder und Schwester zusammen -- wie es in solchen Fällen das kanonische Recht verlangt.

Heirats-Dispens für Ex-Priester gab es nur überaus selten: wenn der Betroffene nachweisen konnte, daß er die Weihen »unter Zwang oder schwerer Furcht« empfangen hatte. Das aber gelang kaum jemandem.

Zum Kurswechsel entschloß sich Paul VI. zu Beginn des Jahres 1964 Daß es aber nicht der Ex-Priester, sondern des Zölibats wegen geschah. machte ein geheimes Dekret sogleich allen Bischöfen und Ordensoberen klar.

»Unser Heiligster Herr Paulus VI., durch Gottes Vorsehung Papst, sorgt sich heftig um den Schutz und die unbefleckte Bewahrung des Heiligen Zölibats«. teilte Alfredo Kardinal Ottaviani, damals Chef des Heiligen Offiziums« lateinisch allen Eminenzen und Exzellenzen mit. Der Papst sei »ängstlich bekümmert« über diejenigen Priester, die »so weit gekommen sind, sich an Frauen zu binden und bisweilen sogar bemüht sind, in einer sogenannten Zivilehe zu leben«. Die Aufgabe: »Der Höchste Pontifex wünscht nachdrücklich, daß möglichst alle Ursachen und Gelegenheiten zu Abfall und Untreue mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden.« Neue Kandidaten sollten sorgfältiger als bisher besonders hinsichtlich »ihrer Hinneigung zu einem keuschen Leben« überprüft werden. Die Fälle »verirrter Priester, die mit ihrer Familie bis dahin einen schlimmen Lebenswandel geführt haben«, sollten vor eine Kommission beim Heiligen Offizium gebracht werden. Nach der Überprüfung könne ihnen eine Heirats-Dispens erteilt und eine heimliche kirchliche Trauung ermöglicht werden.

Von dieser Aktion durften nicht einmal die engsten Mitarbeiter der Bischöfe erfahren: Die Oberhirten selber oder ausgesuchte Geistliche sollten die Ex-Priester trauen und die Akten im »Bischöflichen Geheimarchiv aufbewahren«.

Offenkundig war nur an einige hundert Geistliche gedacht. Doch es ergoß sich eine Sturzflut von Anträgen über den Heiligen Stuhl. Sie schwoll noch an, als der Papst selber in seiner 1967er Enzyklika den ersten öffentlichen Hinweis auf die neue Dispens-Praxis gab.

Daß er über die Ex-Priester nicht weniger streng denkt als sein Glaubenswächter Ottaviani, bewies er in diesem Rundschreiben. Er nannte ihr Los traurig und ihren Zustand beklagenswert, und er warf ihnen »Unehre« und »Untreue« vor. Er verwies auf dir »Wunden«, die der Kirche »durch ihren Abfall zugefügt werden«. Und er stellte ihrem »sehr geringen Prozentsatz« die »große Zahl seelisch gesunder und würdiger Priester« gegenüber.

Die um Dispens bemühten ehemaligen Priester, vom Papst für seelisch krank und unwürdig erklärt, bekommen denn auch oft den Widerwillen der Kirchenbeamten auf einem langwierigen Behördenweg zu spüren. Wer aus seinem Amt ausscheidet und nur standesamtlich heiratet, wird exkommuniziert. Wer seinen Frieden mit der Kirche schließen will, muß die Dispens beantragen. Ist sie erteilt, wird seine Exkommunikation aufgehoben, und die Ehe kann kirchlich getraut werden -- allerdings unter Ausschluß der Öffentlichkeit.

Nicht selten lassen sich schon Bischöfliche Ordinariate Zeit, die Anträge nach Rom weiterzugeben. So handeln manche Oberhirten vor allem dann, wenn sie darauf hoffen, daß dem Priester die Braut noch davonläuft (oder umgekehrt) und er seinen Antrag zurückzieht.

In Rom prüfen dann die einschlägig tätigen Prälaten in aller Ruhe, »welches die Gründe sind: Krankheit, böser Wille oder irgendeine Frau, die ihn irritiert hat« so Monsignore Lanciotti, der Chef des Dispens-Büros im Heiligen Offiztum.

Zwischen Antrag und Dispens vorgehen zuweilen nur drei Tage (bei dem geistlichen Papst-Verwandten Musante) und gelegentlich vier Jahre, zumeist aber etwa zehn bis zwölf Monate. Verhöre in Bischöflichen Ordinariaten sind die Norm. Die Fragen werden zum Teil noch immer nach dem 1964er Ottaviani-Formular gestellt. das den Betroffenen aber nicht ausgehändigt wird. Über den Bescheid aus Rom werden die Ex-Priester daheim in den Ordinariaten zumeist nur mündlich unterrichtet. Abgelehnt wurde bislang vermutlich kein einziger Antrag.

Teils zur Strafe, teils aus Hoffnung auf Rückkehr und Reue läßt Rom manche Antragsteller besonders lange warten. Dazu Ober-Dispenser Lanciotti: »Es gibt einige Verfahren. die wir in der Kongregation verzögern oder lange dauern lassen, weit es sich um Individuen handelt, die viel Propaganda und viel Lärm gegen den Zölibat gemacht haben.

Daß die schon Verheirateten schneller abgefertigt werden als die noch Ledigen, gibt Lanciotti nur ungern zu: »Wenn einer schon durch eine Familie gebunden ist, dann ist es schwierig. daß er zurückkommt. Aber nicht wegen der Ehe wird sein Antrag genehmigt, nicht deswegen. Diejenigen, die schon eine Ehe eingegangen sind. müßte man erst recht warten lassen. denn das ist Zynismus, Bosheit!

Strittig ist. wie viele heiratende Priester sich überhaupt um die römische Dispens bemühen. Im Vatikan wird behauptet. es seien etwa 85 Prozent. Kundige Prälaten schätzen, dat) es in Wirklichkeit 55 bis 60 Prozent sind.

Die meisten Ex-Zölibatäre, die um Dispens einkommen, wären vermutlich Priester geblieben, wenn ihnen der Papst die Ehe nicht erst draußen vor der Pfarrhaustür erlaubt hätte. So unterschiedlich wie die Wartezeiten in Rom, ist auch die Behandlung der ausscheidenden Priester durch ihre Bischöfe. Singulär geblieben ist das Beispiel des (inzwischen verstorbenen) holländischen Bischofs Bekkers, der zur Verabschiedung zweier Priester in deren Gemeinde auf die Kanzel stieg und bat, »im Urteil milde zu sein. Niemand weil) besser als ich, was hinter den beiden Entscheidungen an Kampf und Tragik steckt.

Eher typisch ist ein Brief des Ruhrbischofs Franz Hengsbach (Essen) an einen Bochumer Kaplan. Ohne ein Wort des Dankes und ohne gute Wünsche für die Zukunft teilte der Oberhirte dem Priester mit, seine Tätigkeit sei ab sofort beendet«. Die »Hoffnung auf eine Umbesinnung bei Ihnen« verknüpfte Hengshach mit einer Warnung vor der Ehe: »Nach Kenntnis vieler bisheriger Erfahrungen glaube ich vermuten zu dürfen, daß die Ehe Sie nicht von den Problemen. die sich Ihnen stellen, befreien würde.«

Bedingung für jeden Dispens ist, daß der ehemalige Priester nie wiedei« in seine frühere Gemeinde zurückkehrt. Bescheid des Münchner Generalvikars Gerhard Grober an einen Dispensierten: »Im übrigen werden Sie im Auftrag des Heiligen Stuhls dringend gebeten. die Orte nicht mehr zu besuchen, an denen Ihre priesterliche Vergangenheit bekannt ist.«

Noch immer sind die deutschen Bischöfe unsicher, wie viele Befugnisse sie ihren ehemaligen Mitarbeitern lassen sollen. Etliche Ordinariate entziehen den Ex-Priestern zumindest für drei Jahre die »Missio canonica«, die jeder Religionslehrer braucht. Damit wird, wie die Priestergruppen in einer Entschließung monieren, »ihr Glaube von vornherein in Zweifel gestellt und ihr Lebenswandel verdächtigt«. Dabei gibt es Leerstellen für Religionslehrer in jeder Diözese.

Viele ehemalige Priestei in der Bundesrepublik lassen sich auf den Lehrerberuf umschulen. Einige kommen an den Hochschulen unter, andere gehen in die Wirtschaft. Fast keiner hat sich, wie der Doktorand Luthe feststellte, nach einer Zeit der Umstellung im Einkommen oder im Sozialprestige verschlechtert.

Ebenso wie das Ausscheiden dieser Amtsbrüder schmerzt progressive Priester, daß der Papst durch seine Verteidigung des Zölibats die Kirche in überholten Strukturen erstarren läßt. Er will die Priester isolieren und herausheben aus dem Kirchenvolk und der Welt. Überall in der Kirche aber geht die Entwicklung umgekehrt dahin, daß sich die Grenzen zwischen dem früheren Priesterstand und den sogenannten Laien verwischen.

Erste Beispiele da« für sind die Katholiken mit weltlichen Berufen, die in ihrer Freizeit als Diakone geistlichen Dienst versehen, und ebenso Priester, die nebenberuflich in Fabriken und Büros arbeiten. Künftig soll es nach dem Willen der Reformer eine Vielfalt solcher Übergänge geben, darunter auch Priester auf Zeit, die später in andere Berufe überwechseln.

Alle diese Entwicklungen werden durch die Zölibatspflicht blockiert, während es

in der Kirche der Zukunft, so die Progressiven, gänzlich nebensächlich sein würde, ob ein Priester verheiratet ist oder nicht.

Daß der heutige Papst die Entwicklung zur Priesterehe doch noch freigibt, wagten bis zur vergangenen Woche auch die kühnsten Köpfe nicht mehr zu hoffen. Nun scheint es manchen offen, ob der drohende Abfall der holländischen Provinz ihn nicht vielleicht doch noch zur Einsicht zwingt.

Dieser Papst verbietet den Frauen die Pille und den Priestern die Ehe vor allem deshalb, weil ei« sich fürchtet, anders als seine Vorgänger zu entscheiden und eine geheiligte Tradition zu brechen. Nun aber droht ihm ein Jahrtausendereignis, wie es noch kein Papst seit der Reformation hat hinnehmen müssen: die Loslösung der katholischen Kirche eines Landes von Rom.

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