Super trainiert - DER SPIEGEL
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WAHLKAMPF Super trainiert

Joschka joggt, Rudolf radelt - für den Sieg. Mit Körpereinsatz werben die Politiker um Wähler.
• aus DER SPIEGEL 29/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf den letzten 100 Metern will es Joschka Fischer noch einmal allen zeigen. Als das Ziel in Sichtweite rückt, setzt er, ohne jede Vorwarnung, zum harten Sprint an. Das Feld ist völlig überrumpelt, etliche Läufer fallen zurück. Joschka joggt - und alle, die durchhalten, dürfen mit.

Es ist Wahlkampf, und dazu gehört auch, daß er seine Lust am Laufen großöffentlich inszeniert. Ob, wie an diesem grauverhangenen Morgen, in einem idyllischen Spessart-Tal, ob in Thundorf an der Donau, in Regensburg oder München - wo immer es sich zwischen Kundgebungen und PresseTalks für eine Stunde am Tag arrangieren läßt, lädt der Grüne zum wählerwirksamen Lauftreff.

Doch nicht nur Fischer hat die politische Kraft des Sports entdeckt. Vorträge in Bierzelten und auf Marktplätzen allein sind im Wahlkampf 1998 nicht mehr genug. Ein Politiker, der etwas auf seinen Körper hält, setzt ihn auch als Wahlkampfmittel ein.

Jeder tut, was er kann. Rudolf Scharping (SPD) und Theo Waigel (CSU) radeln, Volker Rühe (CDU) wandert. FDP-Querschläger Jürgen Möllemann springt als lebendes Wahlplakat mit dem blau-gelben Fallschirm über Gran Canaria ab. Und Klaus Kinkel (FDP), sonst eher dem Tennis zugeneigt, joggt mit Amtskollegen vor laufenden Kameras zum Auswärtigen Amt.

Laufen macht anscheinend besonders beliebt. In Bayern trifft der Polit-Jogger Fischer auf so viele Lauf-Begeisterte, daß es ihn bisweilen selbst verblüfft.

Vom Franziskaner-Pater Ewald im oberfränkischen Kloster Vierzehnheiligen lernt der einstige Meßdiener, daß Wallfahren viel anstrengender ist als Joggen - »weil man dabei ja auch noch beten muß«. In Sulzbach-Rosenberg, wo das krisengeschüttelte Stahlwerk Maxhütte raucht, begrüßt ihn der SPD-Bürgermeister Gerd Geismann euphorisch als »Läuferkameraden«. Beim Marathon ist er sogar schneller als der Grüne.

»Mann, der sieht ja wirklich super trainiert aus«, raunt einer der Mitläufer in Regensburg, der Fischer bisher nur im Fernsehen beim Joggen gesehen hatte. »Wieviel machst du die Woche?« oder »Läufst du zur Zeit auf Puls?« - was wir schon immer über Fischer wissen wollten. Der antwortet gern, denn über seine eigene Geschwindigkeit spricht er viel lieber als übers Tempolimit.

Doch der erwünschte Positiv-Effekt des Polit-Sportlers kann auch leicht ins Gegenteil umkippen - wie bei Helmut Kohl, der die deutsche Verlierer-Mannschaft beim WM-Spiel besuchte, oder Scharping, der 1996 mit seinem Rad verunglückte.

Damals hatte der Rennradfahrer wie gewohnt die härtesten Strecken der Tour de France persönlich abgestrampelt. Doch dann, zurück in der heimatlichen Pfalz, ereilte Radler Rudi das Schicksal an den Felgenbremsen: Auf einer Gefällstrecke, in einer Linkskurve, zog er offenbar Vorder- und Hinterrad-Hebel ungleichzeitig und stürzte kopfüber auf den Asphalt - ohne Helm. Sein Gehirn war erschüttert, und sein Ruf als Radkünstler fortan auch.

Wie schwierig der sportliche Einsatz mitunter im Wahlkampf zu steuern ist, mußte der SPD-Fraktionschef vergangene Woche erfahren. Idyllische Fotos vom radelnden Rudolf am Starnberger See sollte es geben. Doch es regnet so heftig, daß der Scharping-Troß die gesponserten »Diamant«-Räder aus Chemnitz erst gar nicht besteigen kann. Verzweifelte Fotografen lichten einen fröstelnden Scharping ab, der im feuchten Anzug unterm Regenschirm steht.

Erst am nächsten Tag klart es auf, und Scharping kann doch noch durchs Altmühltal radeln. Unterdessen hat Theo Waigel, der sich dieselbe Route für vergangenen Freitag ausgeguckt hatte, wegen des schlechten Wetters seine Tour schon kleinmütig abgeblasen.

Scharping und die bayerische SPD hatten bewußt nur auf wenige politische Auftritte und damit ganz auf den Effekt der Radl-Tour gesetzt. Mit Landschaft und Leberkäs-Gemütlichkeit wollen sie der CSU Konkurrenz machen. Anders als Fischer, für den der Lauf am Abend eine Art krönender Abschluß des Tages voller politischer Kundgebungen und Diskussionen ist.

Wie eigentlich alle Polit-Sportler betreibt Fischer sein Hobby im Wahlkampf auch aus ganz egoistischen Motiven - es ist seine Kraftquelle. »Die Leute denken, das sei eine Marotte«, sagt Fischer, »doch ohne das würde ich den Wahlkampf so gar nicht durchstehen.« Bekommt er seine Stunde Laufen am Tag nicht, kann er ganz schön ungemütlich werden.

Und Volker Rühe wandert schon seit Jahren zum privaten Vergnügen, »powerwalking« muß es schon sein für den Kraftbolzen von der Hardthöhe. Radfahren ist Rühe »zu unkommunikativ«, und »zum Joggen bin ich zu schwer«.

Begleitet von dem einen oder anderen Journalisten, hat er es bei seinen Märschen vor allem durch Ostdeutschland so ganz nebenbei auch immer verstanden, sich mediengerecht ins Bild zu setzen.

Das wird ihm jetzt wieder gelingen, wenn er diese Woche durchs Erzgebirge marschiert oder im August durch das Oderbruch. Die Bevölkerung ist eingeladen, sich an einem Schnitt von sieben Kilometern pro Stunde zu messen. »Jetzt im Wahlkampf«, meint Rühe, »muß ich das ja öffentlicher und mit größerer Begleitung machen«.

Lieber hört er sich eigentlich inkognito um, wo das Volk der Schuh drückt. Ohne sich weiter vorzustellen, nach einem einfachen »Tach«, schnackt er dann mit Anglern, Platzwarten und Kleingärtnern über ihren Alltag. Rühe: »Viele erkennen mich tatsächlich nicht, wenn ich da verschwitzt und in kurzen Hosen daherkomme.«

Mitunter erregt der Verteidigungsminister auf Schusters Rappen sogar Mitleid. »Manchmal rufen mir Leute entgegen: ,Ej, wer hat dir denn das Rad geklaut?'«

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