* 10. Die Grenzen der Erkenntnis * 10.3 Die Zukunft der Weltreligionen Supermarkt der Religionen
Oh Gott, in welchen Kreis bin ich geraten?«, dachte Wolfgang Lamek, als er vor zehn Jahren zum ersten Mal, es war stockdunkel, inmitten fremder Nackter auf dem Grasboden einer indianischen Schwitzhütte kauerte. Vor sich dampfende Steine, einen Finger breit über der Schädeldecke die zum Hüttendach gebogenen Weidenruten, darüber mehrere Schichten Wolldecken, damit die Körper und Seele reinigende Hitze bloß nicht entweicht.
Heute ist Lamek, 45, selber »Wassergießer in der Tradition Sun Bears«. Alle vier Wochen bittet der Werber mit dem Spirit-Namen »calls the people« - »der das Volk ruft« - jetzt in die eigene Hütte auf einem Bielefelder Acker. Nirgendwo, sagt er, könne man »so gut zu sich selbst finden« und seinen »inneren Akku mit Energie aufladen« wie bei dieser Zeremonie.
Bis zu zehn Stunden dauert die schweißtreibende Innenschau im Namen des Adlers, des Kojoten, des Bären und der Büffelin. Kirchliche Gottesdienste meidet der ehemalige Messdiener - wer schwitzt, kennt keine Konfessionen mehr, er kennt nur noch »Brüder und Schwestern": eine Gemeinschaft von Pragmatikern, denen die Hütte vor allem als »Kraftquelle für den täglichen Karriere- und Beziehungsstress« dient. »Wäre dies nicht so sinnvoll wie Zähneputzen«, sagt Lamek, »ich würde es nicht tun.«
Während Pastoren und Priester hilflos auf die seit 1968 wachsende Zahl von Kirchenverweigerern starren - rund 600 000 Austritte allein in den vergangenen beiden Jahren -, gedeiht der Markt der Designer- oder Patchworkreligionen. Nach dem Motto »Was göttlich ist, bestimme ich« versuchen sich immer mehr Menschen an Tantra, Trance und Traum.
Schamanismus, Hexenkult, Zwiesprache mit den Ahnen; Tinkturen für Bachblüten- oder Aura-Soma-Therapie, Heilkristalle, holotrophes Atmen, Numerologie - der Supermarkt für Instant-Spiritualität wird immer lukrativer und unüberschaubarer.
Eine Bottroper Pharmareferentin reibt sich jeden Morgen mit ihrem eigenen Urin ein, um ihrem Gesundheitsschutzengel zu huldigen. Manager und Unternehmer aus aller Welt meditieren wochenlang im Kloster des Lama Yeshe Losal im Südwesten Schottlands; andere, wie Shell oder Microsoft, bitten den Tibeter zu Führungskräfte-Tagungen. Ausgebrannte Lehrerinnen besuchen Feuerlaufseminare, Verwaltungsangestellte reisen zu indischen Ashrams oder magischen Plätzen wie der Inka-Stadt Machu Picchu. Auf der Suche nach Strategien, im zunehmend flexiblen Alltag, wie der amerikanische Soziologe Richard Sennett schreibt, »Herr seiner Biografie zu werden«, experimentieren sie mit Körper und Seele.
Es werden immer mehr. Auf dem deutschen Buchmarkt wurden im letzten Jahr einschlägige Titel für schätzungsweise 900 Millionen Mark verkauft. Allein die Kartei der Hamburger Esoterik-Handlung Wrage umfasst inzwischen 30 000 »gut gepflegte Kunden«, von denen, wie der Besitzer Jürgen Lipp schätzt, rund 10 000 mindestens einmal schon an einem der von Wrage veranstalteten Seminare teilgenommen haben. Solche Angebote, jammert der Papst, täuschten die Möglichkeit vor, zum wahren Sinn des Daseins zu gelangen, erhöben aber in Wahrheit das Vergängliche zum Wert.
Religionssoziologen wie Klaus-Peter Jörns, emeritierter Professor der Berliner Humboldt-Universität und Herausgeber der Studie »Was die Menschen wirklich glauben«, werten den Trend zur Multi-Transzendenz als typisch für eine moderne pluralistische Gesellschaft. Wahlfreiheit führe unweigerlich zu unterschiedlichen Glaubensvorstellungen, und in einer globalisierten Welt würden die Angebote, und damit die spirituellen Biografien, zwangsläufig immer bunter.
Bille, 33, arbeitet als Unternehmensberaterin in Köln, macht Tai Chi, fährt einmal im Jahr eine Woche zur Zen-Meditation, besucht Lebenscoach-Seminare des Indianers Art Reade und ist, wie sie sagt, »dadurch auch Gott näher gekommen«. Johanna, 55, Ärztin in Bonn, singt im Kirchenchor, hat erst Yoga, dann Tai Chi ausprobiert, trifft sich regelmäßig mit einem Sufi-Lehrer, hat die Bibel im Nachttisch liegen und lernt gerade vedisches Kochen.
»Esoterik« ist die Worthülse für das Sammelsurium diffus religiöser Gefühle. Im 19. Jahrhundert umschrieb der Begriff, abgeleitet vom griechischen »esoterikòs«, »innerlich«, eine »neue universalreligiöse Weltanschauung für Auserwählte« um die russische Spiritistin Helena Blavatsky, Wortführerin der Theosophischen Gesellschaft, zu deren Anhängern auch Rudolf Steiner zählte, ehe er mit der Anthroposophischen Gesellschaft seinen eigenen Verein aufmachte.
Madame Blavatskys elitärer Zirkel inspirierte Künstler wie Max Beckmann oder Wassily Kandinsky, Steiners Geraune faszinierte Joseph Beuys und seine Gefolgschaft. Heute meint Esoterik jede noch so bizarre Ersatz-Spiritualität für die Masse.
Ihr Image hat sich in den vergangenen 40 Jahren gewandelt. Überzeugungstäter in selbst gestrickten Pullis und Gesundheitslatschen, die beim Müsli-Meister Sinn suchen, gibt es kaum noch. Während in den siebziger Jahren der Trip zum Guru auch Protest gegen das Establishment und Yoga eine Sportart für Aussteiger waren, gehört eine irgendwie geartete Eso-Ader heute zum Mainstream der Erfolgreichen. Popstars wie Madonna oder Xavier Naidoo inszenieren sich als Über-Spirituelle. Der Modeschöpfer Paco Rabanne kreiert Texte über den »Aufbruch ins Wassermannzeitalter«.
»Dispersion des Religiösen« nennt der Freiburger Religionssoziologe Michael N. Ebertz den spirituellen Nebel. Religion ist nicht länger das Monopol der Kirchen, sondern ein durchkommerzialisiertes Angebot spiritueller Meister, Therapeuten, Ausdruckstänzer oder Reiki-Lehrer. Inmitten einer entzauberten, individualisierten Welt boomt das freie religiöse Unternehmertum. Wer bestehen will, muss drei Dinge im Angebot haben: Sinngebung, Lebenshilfe und Unterhaltung.
»Natürlich sollen unsere Veranstaltungen auch gesellschaftliche Ereignisse sein«, sagt Seminar-Planer Lipp. »Schließlich könnten die Leute ihr Geld auch fürs Kino oder Theater ausgeben.« Das Seminar mit der amerikanischen Rückführungs-Therapeutin Chris Griscom verlegte er in die Hamburger Musikhalle. Ende Oktober saßen dort etwa 400 Menschen auf roten Samtstühlen, lauschten, wo sonst Brahms und Ligeti erklingen, den Ausführungen Griscoms über den psychischen Draht des Menschen zu seinen Urahnen und ließen sich anschließend kollektiv für zehn Minuten ins Unterbewusstsein führen.
So viel Zauber kann Kirche kaum bieten. Versucht sie es mal, wie beim Wochenend-Workshop der Offenen Kirche Alt-Hamburg, entfernt sie sich weit von ihrer Mission. Dafür erreicht sie die »irgendwie Transzendenzgläubigen«, wie Religionssoziologe Jörns den hohen Prozentsatz von Menschen nennt, die »an einen nicht personalisierten, höheren Geist« glauben.
Als Leiterin des Frauen-Workshops ist Donate Pahnke, 48, eingeladen, Dozentin für Religionswissenschaften an der Universität Bremen, Deutschlands bekannteste neue Heidin und Anhängerin eines modernen Hexenglaubens - eine Frau, die von sich sagt, sie könne »so gut mit Energie umgehen«, dass sie noch jeden Gremienbeschluss an der Uni beeinflusst habe. In ihrem Workshop - Thema: Heilungsrituale - heißt es erst einmal »erden, atmen und einfach mal hinspüren«. Die rund 20 Teilnehmerinnen - Krankenpflegerinnen, Lehrerinnen, Betriebswirtinnen, Hausfrauen - sollen »Erdenergie fließen lassen, durch die Füße, die Beine, die Vagina, den Leib«.
Den Kirchenschmuck, ein Ölgemälde mit strengem Pastor in Halskrause und Talar, haben sie abgehängt - der »Typ mit Patriarchenblick habe beim Ritual nichts verloren. Nun stehen die Frauen Händchen haltend - »weil so die Energie besser fließt« - im Altarraum, und Pahnke, »die Priesterin im Ritual«, ruft, wie in der Hexenreligion üblich, die vier Elemente Wasser, Luft, Feuer und Erde in den Kreis.
Sie beschwört die Gruppe, »Kontakt aufzunehmen zu der inneren Heilerin. Atmet einen Kreis lodernder Flammen!« - nur dann wird aus dem Kirchenraum ein heiliger, geschützter, der zum Rendezvous mit der »Anderswelt« einlädt. Ein letzter Hinweis noch, bevor die Heidin zur Schamanentrommel greift: »Die Toiletten im Untergeschoss sind Teil des heiligen Raums. Wer aufs Klo muss, verlässt den Energiekreis nicht.«
Dann tanzen die Frauen. Zwei Stunden lang singen sie sich in Trance mit einem vierzeiligen Hexenchant: »Jeder Schritt ein Heilungsschritt, jeder Schritt ein heiliger Schritt. Wir heilen die Erde, wir heilen das Land.« Manchmal löst sich eine Frau aus dem Kreis, legt sich auf die in der Mitte ausgebreiteten Schaffellmatten, bittet eine andere, ihre Aura zu spüren. Kurz vor Workshop-Ende, gegen 17 Uhr, muss Schluss sein mit der Spiritualität. Schnell noch ein letzter Dank an die vier Elemente: »Gesegnet sei's!«
Gesünder ist am Ende des Tages niemand. Nicht die Frau mit dem Brustkrebs, nicht die mit der Nackenverspannung und auch nicht die, die sich während der Einführungsübungen mit Urschreien locker gemacht hat. Doch Donate Pahnke ist sicher, dass - lässt man sich darauf ein - Rituale »als tiefenreligiöse Erfahrung bei einem Heilungsprozess psychisch unterstützend« wirken. »Gesund machen können wir hier natürlich keine.«
Ritualgruppen, wie sie Frau Pahnke leitet, treffen sich regelmäßig in jeder deutschen Stadt. »Knüpfe Kontakt zu deinem Unterbewusstsein«, predigen die »neuen Hexen«, die mit vorchristlichen Bräuchen locken: Jahreszeitenfeste zu Halloween und Sonnenwende, Menstruations- und Sterberituale - Versatzstücke, die einwandfrei in jedem handgestrickten Religionsmix funktionieren. »An die Elemente muss man nicht glauben, die erlebt man jeden Tag«, sagt Pahnke.
Versprochen wird Harmonie für Leib und Seele - Heilsein hat Konjunktur. »Darin liegt die Zukunft des Esoterik-Marktes«, sagt Matthias Pöhlmann von der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). »Unendlich gefährlich« findet er die zahlreichen Versprechungen fern jeder wissenschaftlichen Grundlage. »Selbst wenn Kranke neben Gesundbetern weiterhin Schulmediziner aufsuchen: Viele Esoterik-Angebote sind Seelenexperimente mit ungewissem Ausgang.«
Das Hoch, so der Theologe, dauere meist gerade mal so lange wie der - bezahlte - Workshop. Hinterher sitze man dann doch wieder allein zu Haus, mit allen enttäuschten Hoffnungen und kein bisschen heiler. Und: »Wenn jemand durchdreht oder Schaden nimmt, können sich die Anbieter jederzeit distanzieren: Der hat halt meine Lehre nicht verstanden.«
Relativ frisch auf dem deutschen Markt ist »Prana« (Sanskrit für »Lebensenergie"), eine auf indischer Mythologie beruhende Heilslehre. Ihr Meister in Deutschland, der Inder Sai Choletti, vollbringt nichts ohne Wassereimer und Speisesalz. »Wasser leitet die negativen Energien, Salz zerstört sie«, erläutert der 33-jährige diplomierte Kraftfahrzeugingenieur. Im Abstand von fünf Zentimetern fährt er mit einer wischenden Handbewegung die Konturen der schmerzenden Körperstelle nach. Hat er die, wie er sagt, »schmutzige Energie« aus dem Körper gezogen, schüttelt er die Hand überm Wassereimer aus und lässt den unsichtbaren Dreck ins Salzwasser plumpsen. Auch Schmerzfreie - gleich welchen Glaubens - sollten sich, so Choletti, ab und an den Wisch-und-Weg-Bewegungen anvertrauen. Höheres Bewusstsein erlange man nun mal nur in einem reinen Körper.
Die fernöstliche Weisheit, zugeschnitten auf westeuropäische Bedürfnisse, bieten inzwischen auch niedergelassene Ärzte an. Insgesamt arbeiten in elf Bundesländern angelernte Heiler, alle Mitglied im Prana Germany e. V., in dessen Zeitschrift dankbare Adelheids und Peters von wundersamen Spontan- und Selbstheilungen berichten und eine glückliche Mutter Skizzen vom Karies-Befall der Zähne ihrer Tochter gemalt hat - vor und nach der Salzwassereimer-Behandlung.
Cholettis Seminare - »Prana Psychotherapie«, »Prana Kristallheilung«, »Psychischer Selbstschutz« - kosten rund 300 Mark am Tag und sind, wie seine Reisen zu den mythischen Plätzen Indiens, meist ausgebucht.
»Die Sehnsucht nach Spiritualität wird in dem Maße zunehmen, wie das Gefühl sozialer Kälte wächst«, prognostiziert Pöhlmann. Weil immer mehr Menschen »in dieser hoch technologisierten, effizienz- und karrieregläubigen Gesellschaft« nicht zurecht kommen, befürchtet er auch eine Zunahme von Psycho-, Endzeit- oder Ufo-Sekten.
»Die Kirchen haben nicht begriffen, dass eine der elementarsten Fragen im Leben eines Menschen ist, ob es so etwas wie Unsterblichkeit gibt«, kritisiert der Religionssoziologe Jörns, der früher selbst einmal Gemeindepfarrer war. Er begriff es am Sterbebett seiner Mutter. Die wollte wissen, wie ihr längst verstorbener Mann nun wohl aussehe und ob sie, träfe sie ihn im Himmel wieder, mit diesem »jungen, unerfahrenen Kerl« überhaupt noch klar- käme. »Die meisten spirituellen Meister hätten ihr wohl eine ganze Menge dazu sagen können.« Ihm, dem Glaubensexperten, half seine Wissenschaft nicht weiter.
Jörns fordert mehr Alltagsbezug in Predigten, eine »normale Umgangssprache« und Erfahrungsaustausch in den Gottesdiensten, die er »hochakademisierte Bildungsinstitute« schimpft. »Wo das Wort über alles gesetzt wird, bleiben Geborgenheit, Gemeinschaft und das fundamentale Bedürfnis nach Spiritualität auf der Strecke.«
Was Jörns erträumt, haben die »Jesus Freaks«, wenn auch für eine begrenzte Zielgruppe, geschafft. Die charismatisch angehauchten Gläubigen sind im Durchschnitt um die 20, viele ehemals drogenabhängig und ohne jeden Bezug zur Amtskirche. Doch irgendwann »bekamen sie«, wie Taade Voß, 25, ein führender Freak, sagt, »voll Bock auf Jesus«. Sie hätten gemerkt, »was für eine superheftige Sache der christliche Glaube ist«. Er selbst habe vorher immer eine Sehnsucht im Herzen gehabt, gegen die mit Sport, Frauen und Drogen nicht anzukämpfen war.
Jesus-Freaks-Gottesdienste, bundesweit im Angebot, gleichen Rockkonzerten mit Predigteinlage. Jeder, der möchte, darf zum Mikro greifen, um ein Spontangebet zu sprechen oder seine Ängste loszuwerden. Die Verkündigungssprache nährt sich aus der Jugendszene: Ihre Bibel-Hauskreise heißen »Gruftgruppen«, die Gottesdienste »Jesus-Abhängabende«. Dennoch sind die Sitten streng - im Einsteigerkurs lernen Interessierte die »Basics": Was bedeutet überhaupt ein Kreuz? Wer ist Jesus eigentlich? Was steht in der Bibel? Statt Kirchensteuern gibt es Mitgliederspenden. »Theologisch sind wir so konservativ wie eine Glaubensbewegung aus dem 17. Jahrhundert«, sagt Taade. »Wir sehen nur nicht so aus.«
Die Jesus Freaks, meint der Religionssoziologe Jörns, seien ein typisches Beispiel für Glaubenspluralität auch innerhalb des Christentums. Er sieht voraus, dass es in Zukunft, ähnlich wie in den USA, wo selbst der Hexenkult zu den amtlich anerkannten Religionsgemeinschaften gehört, immer mehr Abspaltungen von den beiden Großkirchen geben wird.
»Dann wechseln die Gläubigen, je nach Bedürfnis und Angebot, ihre Kirche eben öfter«, meint der Soziologe. »Es bleibt ja auch kaum jemand ein ganzes Leben im gleichen Sportverein.« KATJA THIMM