Supermarkt in Not
An der Wall Street nennen sie Sanford Weill den »Postboten«. Das klingt vielleicht etwas abschätzig für den mächtigsten Banker der Welt, war aber immer als Ausdruck großer Bewunderung gemeint. Kein anderer amerikanischer Wirtschaftsführer liefert seit Jahren derart regelmäßig mit seinen Wachstumszahlen solche Frohbotschaften wie der Chef der Citigroup.
Im Juli erst hat Weill wieder einen neuen Gewinnrekord vermeldet. 4,1 Milliarden Dollar haben er und seine Leute im zweiten Quartal eingenommen, das ist ein Zuwachs von 15 Prozent. Von allen Unternehmen der Welt konnte nur der Ölkonzern Exxon für die Sommermonate ein besseres Ergebnis verkünden.
Die Erfolgszahlen scheinen noch beeindruckender, wenn man den Zustand der anderen Finanzgiganten an der Wall Street betrachtet. Verzweifelt bemühen sich Investmentbanken wie Merrill Lynch oder Morgan Stanley, ihre Kosten zu trimmen, um den für sie dramatischen Rückgang beim Aktienhandel und im einst so lukrativen Geschäft mit Börsengängen und Fusionen auszugleichen.
Weills Citigroup steht auch deshalb bisher so gut da, weil sich die Bank im Gegensatz zu ihren Konkurrenten nie auf das Investmentbanking allein konzentrieren wollte. Gut die Hälfte seines Gewinns macht das Geldhaus mit Kreditkarten und der Vergabe von Konsumentendarlehen - ein Geschäft, das gerade in den vergangenen Monaten noch einmal deutlich zugelegt hat. Für manchen krisengeschüttelten Banker taugt diese Strategie nun durchaus zum Vorbild.
So gesehen ist es zunächst eher verblüffend, dass die allgemeine Aktiendepression nun auch die gewinnträchtige Citigroup derart beutelt. Wenn es stimmt, dass Weill selbst bei Baseball-Übertragungen ständig zu den Finanzsendern schaltet, um den aktuellen Kursstand zu erfahren, dann hat er derzeit eine ziemlich harte Zeit: Seit Januar ist die Aktie seines Konzerns trotz guter Bilanzen um 40 Prozent gefallen.
Es kam auch für die stolze Citigroup in der letzten Zeit einiges zusammen. Erst war da die Argentinien-Krise, die Weill zwang, Anleihen in Höhe von einer Milliarde Dollar abzuschreiben. Dann warf ein Kongressausschuss der Bank vor, dem mittlerweile Pleite gegangenen Energieriesen Enron bei der Verschleierung seiner Finanzlage geholfen zu haben.
Und seit kurzem ermittelt der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer gegen die Investmenttochter Salomon Smith Barney und deren Star-Analysten Jack Grubman. In einer vor zwei Wochen eingereichten Klage wird detailliert beschrieben, wie Grubman und andere Citigroup-Beschäftigte die Firmen der Beklagten hochjubelten, um im Gegenzug lukrative Investmentaufträge einzusammeln.
Nun muss auch Weill erfahren, dass das wichtigste Kapital eines Finanzjongleurs Image und Glaubwürdigkeit sind.
Kein Banker hat in den vergangenen Jahren so auf Expansion gesetzt wie Weill. Im Grunde hat der Sohn polnischer Einwanderer, der sich mit 27 als Wertpapierhändler selbständig machte, sein Leben lang nichts anderes getan, als Firmen aufzukaufen und zu immer größeren Einheiten zu fusionieren. Er hat Smith Barney mit Salomon verschmolzen und den Versicherungsriesen Travelers mit der traditionsreichen Citicorp, um am Ende endlich Herrscher über den größten Finanzkonzern der Welt zu sein.
Alles an dieser Bank sprengt heute den Rahmen: die Zahl der Beschäftigten (270 000 in über 100 Ländern), die Summe des verwalteten Geldes (4,8 Billionen Dollar), die Zahl der Kunden (200 Millionen weltweit).
Zumindest für Weill ist es die perfekte Geldmaschine: ein Finanzinstitut, das wie ein Supermarkt funktioniert. Er hat immer von einer »Stop and shop«-Bank geträumt, bei der den Kreditkartenkunden die hauseigenen Versicherungen verkauft werden und den Versicherungsnehmern wiederum die Aktienfonds der eigenen Investmenttochter.
Doch in düsteren Zeiten wie diesen kann es selbst Weill seinen Investoren nicht mehr recht machen: Gerade die Größe und Allzuständigkeit der Citigroup bereitet vielen Anlegern neuerdings Unbehagen.
Seit mit dem Ende des Börsenbooms auch die Zweifel am Sinn von Großfusionen zunehmen, fragen sie nicht nur, ob sich ein solcher Gigant auf Dauer überhaupt vernünftig steuern lässt. Auf dem Prüfstand steht das Modell des branchenübergreifenden Finanzkonzerns selbst, den Weills Schöpfung geradezu exemplarisch verkörpert.
Denn im gleichen Maß, in dem eine Bank alle Finanzdienstleistungen unter einem Dach vereinigt, wachsen auch die internen Interessenkonflikte, wie die Ermittlungen der Strafverfolger deutlich zeigen.
Dass es dabei nicht um das Fehlverhalten Einzelner, sondern eher um Fehler im System geht, dafür spricht die Tatsache, dass Weill nun selbst ins Zwielicht geraten ist. Tatsächlich ist er der einzige Bankchef, gegen den die US-Justiz bislang namentlich ermitteln wird.
So soll der Citigroup-Boss seinen Analysten Grubman zu einer Entschuldigung genötigt haben, als der es unterließ, den Citigroup-Kunden AT&T auf einer Liste der wichtigsten Telekom-Unternehmen der Zukunft zu nennen. Die Ermittler untersuchen zudem, ob Weill den Analysten auch aufforderte, die Aktie von AT&T besser zu bewerten, als das Papier es eigentlich verdient gehabt hätte. Der Bankchef ließ vergangene Woche erklären, er habe »nie einem Analysten gesagt, was der zu schreiben habe«.
Eifrig ist Weill bemüht, den Schaden zu begrenzen. Den Leiter seines Investmentbankings hat er bereits ersetzt. Eine Reihe von Direktiven wurden erlassen, die seine Analysten in Zukunft unabhängiger machen sollen. Dem Aktienkurs nutzte das nichts.
Am Donnerstag vergangener Woche ereilte die Citigroup-Manager via »Wall Street Journal« eine neue Hiobsbotschaft. Die Ermittler, so berichtete das Blatt, hätten einen neuen Verbündeten gewonnen: ausgerechnet den mittlerweile in den Ruhestand verabschiedeten Weill-Analysten Grubman. JAN FLEISCHHAUER