Syke 16/21
Alle, außer der Bahn, reden vom Wetter. Alle wissen, wie das geht. Alle? Von wegen. Das Fernsehen schafft es regelmäßig, seinen Kunden die Laune zu verhageln. Entertainisierung, Personalisierung und all die anderen Rezepturen haben aus Information einen Dauerniederschlag von Zahlenmüll und Selbstverliebtheiten gemacht.
Zugegeben, die Zeiten sind vor- bei, da Hörer sich zur Geisterstunde beim Seewetterbericht unter die Decke kuschelten, wenn eine sonore Stimme den Tiefdruckausläufer ooost, südoost schwenken ließ. Und niemand möchte, dass wieder ein Meteorologiebeamter mit Kohlestift Isobaren auf eine Tafel kratzt, wie einst nach der »Tagesschau«.
Aber warum verzichten die Unterhaltungsprofis gleich auf jede Erzählstruktur? »Das Wetter«, um 19.52 Uhr in der ARD, ist eine neubabylonische Zeichenverwirrung: Unerbittlich menetekeln unverständliche Fließtexte über den Schirm, »Gaienhofen 13/23, »Darßer Ort 15/18«. »Syke 16/21«. Hektisch schaltet die Regie durch Deutschland, von Bergeshöhen ins Sturmgebraus auf der Insel Hiddensee; dazwischen erfährt man von der Einweihung einer neuen Wetterstation in irgendeinem Kaff und (freitags) die Antwort auf die weltbewegende Frage, ob irgendein Dieter und eine Moni im Kaiserstuhl wohl bei Sonne heiraten. Anhaltend penetrant faseln neckische Wetterfeen auf den privaten Kanälen von heißen Liebesspielen mit kalten Popos. Und selbst unser Regen-Rilke Jörg Kachelmann, der es einst aus Blumenkohlwölkchen spracherfrischend pieseln und »nassen Rotz« gegen die Alpen prallen ließ, wirkt wie ein in Selbststilisierung erstarrter Wettergott: Nur wenn er sich die Namen von Provinznestern wie Groß Bademeusel oder Linsengericht-Eidengesäß auf der Zunge zergehen lässt, kommt der alte Furor zurück.
Petrus, lass einen Sturm durchs Fernsehen fegen.