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PRESSE System dahinter

Steht die Ehre des weiblichen Geschlechts auf dem Spiel, wenn der »Stern« Nacktes zeigt? Mit kollektiver Klage wollen zehn Frauen, geführt von Alice Schwarzer, die Illustrierte zur »Unterlassung« zwingen.
• aus DER SPIEGEL 27/1978
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als ihnen »mal wieder ein praller Frauenhintern entgegengestreckt wurde«, da sahen, vorletzte Woche, »die Frauen von Emma« ihre »Stern«-Stunde gekommen, und sie verklagten »das wichtige Organ« wegen Beleidigung - »beinahe eine Ehre« für Alice Schwarzer, Chefin der Kölner »Zeitschrift für Frauen von Frauen«.

Laut »Emma« steht nun also »in der BRD der erste Prozeß ... wegen Sexismus«, das heißt wegen der Diskriminierung eines Geschlechts« bevor: Die Zivilkammer 24 beim Landgericht Hamburg soll den »Stern« verurteilen, es zu unterlassen, insgesamt zehn Klägerinnen immerzu »dadurch zu beleidigen, daß auf den Titelseiten ... Frauen als bloßes Sexualobjekt dargestellt werden und dadurch beim männlichen Betrachter der Eindruck erweckt wird, der Mann könne über die Frau beliebig verfügen und sie beherrschen«.

Zunächst war dieser Eindruck lediglich bei zwei weiblichen Betrachtern entstanden - vor rund zwei Monaten auf dem Kölner Flughafen, als sich, beide den »Stern« unterm Arm, die Emanzen-Führerin Schwarzer und Darstellerin Inge Meysel über den Weg liefen und auf das Titelbild der Woche zu sprechen kamen: »Eine Schwarze, nackt, in der Hand ein phallisches Mikrophon und um die Fesseln schwere Ketten«, wie »Emma« sich erregte. In den letzten Monaten, so die Schwarzer zur Meysel, hätten immer mehr Frauen an »Emma« geschrieben, »daß sich das beim »Stern« verschärft hat«. Und die Darstellerin, die sich als »Briefmarke der Nation« einschätzt, meinte, sie sei »auch schon lange an der Sache dran« und halte es nicht für »die feine englische Art«, daß »Stern«-Chef Henri Nannen solche Bilder auf den Titel setzt - »damit die Auflage steigt« und »um geilen Herren eine Freude zu machen«.

Was zunächst mehr »privates Unbehagen« (Schwarzer) war, schwoll allmählich zur »Ehrverletzung« (Klageschrift) an. Das »ewige Damenhinterteil«, das »Emma« auf »Stern«-Bildern mal »anzüglich plaziert auf einem Fahrradsessel« mal »sandbedeckt an den entscheidenden Stellen« registrierte, »übertraf das Maß des leider Gewohnten«, als die Illustrierte Anfang Juni einen Bericht über »St. Pauli - das deutsche Reich der Sinne« mit einem Plakat des Nachtklubs »Rote Katze« auf dem Titel versah: Eine Dame mit roten Strapsen hatte sich da rittlings einen Herrn im Sessel untertan gemacht.

Die Nummer, »unglaublich geschmacklos«, gefiel auch Henri Nannen nicht. Nachdem der »Stern«-Chef »fast vom Stuhl« gefallen war, ließ er den Andruck stoppen und nahm für den Rest der Auflage zwei nackte Mädchen vom »Chérie« auf das Cover. In Köln aber befand Alice Schwarzer, die noch mit dem Ur-Bild - laut Klage »ein Kulminationspunkt« - beliefert wurde: »Jetzt reicht es.«

Und so wurde bei »Emma« beschlossen, »daß wir uns darum kümmern, daß etwas zustande kommt«, wie Alice Schwarzer erzählt. Von »mehreren hundert Frauen«, die sich ähnlich der Schauspielerin Meysel »seit Monaten geärgert, nein: geschämt« hatten, erhoben - dies »aus Kostengründen« - zehn Klage. Alle sind verbunden durch »das gemeinsame Anliegen, die Diskriminierung der Frauen zu beseitigen«, jede ist »persönlich betroffen und in ihrer Ehre verletzt«,

Nicht nur Mutter Meysel war dabei, die, wie Henri Nannen findet, mittlerweile zu den »Unterschreibern aller möglichen Resolutionen« zählt. Auch der Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen »leuchtete es sehr ein, weil dadurch eine sehr notwendige Diskussion in Gang kommen könnte«.

Mit ihr klagten, nebst einer Sekretärin, einer Abiturientin und anderen beleidigten Frauensleuten, die Schriftstellerin Luise Rinser ("Abenteuer der Tugend"), die Schauspielerin Erika Pluhar, die sich gleichfalls schon nackt dargeboten hat, und die Münchner Regisseurin Margarethe von Trotta, der es gegen den Strich geht, daß immer »der Mann als Denker, die Frau für die Denkpause« hingestellt werde.

Was seit Eva so ist, darf seit Emma nicht mehr sein, jedenfalls im »Stern« nicht. Obschon nicht nur Firmen, sondern sogar öffentliche Hände, etwa Städte wie Basel und Berlin, mit Brustbildern, Schenkeldruck und erogenem Zonenrand zu werben pflegen und obgleich auch »Emma« einräumt: »Die Kioske brechen zusammen unter Publikationen mit Titeln und Inhalten dieser Art« - beim »Stern« »wie beim SPIEGEL« sei derlei »besonders gravierend«. Da, so meinte man wohl, dürfe das Niveau innen nicht auf Po-Ebene außen herniedersinken.

Die Hamburger Anwältin Gisela Wild, die auch schon die Interessen der »St. Pauli Nachrichten« (Titel-Beispiel: »Sie verlor den Verstand - Orgie ohne Ende") vertreten hat, formuliert es in ihrer Klagebegründung für die zehn Emmas so: »Erklärtes Ziel« des »Stern« sei es zwar, »politisch die verfassungsrechtlich garantierten Menschenrechte zu erhalten oder notfalls zu erkämpfen«; doch im Gegensatz dazu verletze das Blatt mit seinen Titelseiten immer wieder »die Menschenrechte von mehr als der Hälfte der Bevölkerung, nämlich der Frauen«, und es sei anzunehmen, »daß System dahinter steckt«.

Auf den Titeln, so die Anwältin, werde »die Frau« nämlich »so dargestellt, als sei sie männlicher sexueller Lust jederzeit verfügbar«, und da dies »für jede Frau verletzend sein muß«, seien auch die zehn »Klägerinnen persönlich beleidigt«. Analog den im Nationalsozialismus verfolgten Juden, die jetzt in Deutschland leben, seien auch die deutschen Frauen »eine beleidigungsfähige Personengemeinschaft, durch deren Beleidigung jedes einzelne Mitglied in seiner Ehre verletzt wird«.

Henri Nannen vom »Stern« hält das für »künstliche Problematik« und »juristisch natürlich nicht schlüssig«, und er hat auch keineswegs die Absicht, seine Titelmädchen künftig vermummt abzubilden: »Zum Heucheln eigne ich mich nicht.«

So verbiestert, wie die Klage klingt, stehen die Dinge zwischen »Stern« und »Emma«, zwischen Henri Nannen und Alice Schwarzer aber wohl gar nicht. Am Dienstag voriger Woche hatten die beiden, so Nannen, am Telephon »ein sehr amüsantes Gespräch«. Nannen verabschiedete sich »mit schwesterlichen Grüßen«.

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