System Karzai - DER SPIEGEL
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AFGHANISTAN System Karzai

Der jüngere Bruder des Präsidenten gerät wegen angeblicher CIA-Mitarbeit in Bedrängnis - willkommene Wahlkampfmunition gegen den Staatschef.
• aus DER SPIEGEL 45/2009
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In Kandahar nennen sie ihn »König«, dabei ist Ahmed Wali Karzai nur der kleine Bruder des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai. Im Süden des Landes gilt der 48-Jährige, der denselben Vater hat wie der vier Jahre ältere Hamid, aber eine andere Mutter, jedoch als gar nicht so heimlicher Herrscher über gleich vier Provinzen - von Uruzgan bis Helmand. Ohne ihn läuft nichts.

Der Afghanenfürst empfängt in seinem zweistöckigen Haus in Kandahar, er trägt einen getrimmten Bart, seit seinen Exiljahren in den USA spricht er perfekt Englisch. Sein Empfangssaal ist berstend voll von Bittstellern aus den Provinzen. Westlern sagt er dort, was die am liebsten hören: »Wir arbeiten für die Demokratie, wir wollen Jobs für unsere jungen Leute schaffen, das Land aufbauen.«

Doch der Ruf des kleinen Königs ist wenige Tage vor der Stichwahl zwischen seinem Bruder Hamid Karzai und dessen Herausforderer Abdullah Abdullah schwer angekratzt: Ahmed Wali, berichtet die »New York Times«, sei ein Mitarbeiter des amerikanischen Geheimdienstes CIA. »Die Behörde bezahlt Karzai für eine ganze Reihe von Dienstleistungen«, schreibt sie.

Der jüngere Karzai rekrutiere für die CIA eine paramilitärische Einheit, die sich an Razzien gegen Aufständische beteiligten. Zudem vermittle er den US-Agenten Kontakte zu den Taliban und habe ein Gehöft an CIA-Personal und Militärs vermietet - ausgerechnet den früheren Wohnsitz des Taliban-Führers Mullah Omar: eine große Anlage im Nordwesten von Kandahar mit Bäumen, Moschee und Gästehaus.

Zum SPIEGEL sagte Ahmed Wali Karzai dazu vergangene Woche: »Die Vorwürfe gegen mich sind völlig aus der Luft gegriffen, ich bin kein Agent der CIA, habe keine Gehöfte an die CIA vermietet, schon gar nicht das ehemalige Haus von Mullah Omar. Ich bin ein politisches Ziel.«

Nur Letzteres ist bestimmt richtig. Allein in diesem Jahr war Ahmed Wali Karzai zweimal Ziel eines Anschlags. Zuletzt, im Mai, töteten die Kugeln der Angreifer seinen Leibwächter, einen Monat zuvor hatten fünf Selbstmordattentäter im Gebäude des Provinzrates ein Massaker angerichtet, bei dem 13 Menschen starben. Ahmed Wali Karzai, der Chef des Provinzrates, hatte das Haus kurze Zeit zuvor verlassen. Ob ihm die Drogenmafia oder die Taliban nach dem Leben trachten, ist unklar.

Die seit Jahren kursierenden Gerüchte, dass der jüngere Karzai eine wichtige Rolle im Drogengeschäft spiele, belasten die Beziehungen zwischen Amerikanern und dem Präsidenten. Hamid Karzai will seinen Bruder nur entmachten, wenn die Amerikaner Beweise vorlegen. »Wir haben keinen harten, direkten Beleg, der für eine Anklage ausreicht«, räumte ein Sprecher des Weißen Hauses ein.

Ahmed Wali Karzai beteuert: »Ich bin kein Drogenhändler.« In Akten des deutschen Militär-Geheimdienstes steht dagegen, er sei »verantwortlich für den Schutz von Rauschgifttransporten« des - inzwischen in den USA angeklagten - Rauschgifthändlers Juma Khan. Im Sommer hatten britische Spezialkräfte in Kandahar große Mengen Opium in einem Gehöft gefunden, das angeblich Ahmed Wali gehört - er stritt alles ab. Dem Kabuler Innenministerium soll dazu Beweismaterial vorliegen, doch angeblich wurde es nie ausgewertet.

Nur wer in Afghanistan Geld und Einfluss zu verteilen hat, ist dort auch mächtig. Ohne dass Ahmed Wali Karzai zustimmt, wird in seinem Herrschaftsbereich kein einträgliches Geschäft abgeschlossen und auch kein größeres mit internationalen Geldern finanziertes Projekt. Für lokale Sicherheitsfirmen und Bauunternehmen geht es dabei oft um Verträge in Höhe von mehreren Millionen Dollar.

Die Nutznießer dieser Geschäfte sind immer wieder Verwandte - Angehörige des Popalzai-Stammes der Karzais oder befreundete Clans. Schlüsselpositionen wie die Posten des Gouverneurs oder des Polizeichefs besetzen der jüngere und der ältere Karzai in Absprache untereinander.

Ein Grund für den Taliban-Aufstand im Süden Afghanistans ist auch die Vernachlässigung ganzer Stammesgruppen, die nicht von solchen Posten und Zuwendungen profitieren. Viele amerikanische Diplomaten betrachten das System Karzai, das vor allem Loyalität belohnt, als Hindernis für die Entwicklung des Landes und hoffen auf einen Regierungswechsel.

Auch in der US-Regierung haben die Karzais einen gewichtigen Kritiker: Im Februar 2008 kam es zum mittlerweile berühmten Bruch zwischen dem Präsidenten Karzai und dem damaligen US-Senator Joe Biden, dem heutigen Vizepräsidenten. Während eines Abendessens in Kabul stritt Karzai jeglichen Vorwurf über Korruption in seinem Land und gegen seinen Bruder ab. Da rollte Biden seine Serviette zusammen und erklärte den Abend für beendet.

Es ist kaum ein Zufall, dass die mutmaßliche Zusammenarbeit Ahmed Wali Karzais mit der CIA genau vor der Stichwahl an die Öffentlichkeit kommt. Schließlich ist der jüngere Bruder einer der engsten Vertrauten von Präsident Karzai.

Der Abteilungsleiter der Isaf-Militäraufklärung in Kabul, Generalmajor Michael T. Flynn, macht kein Hehl daraus, welches Ziel die Führung des US-Militärs verfolgt. Er sagt: »Der einzige Weg, Chicago aufzuräumen, ist es, Al Capone loszuwerden.« SUSANNE KOELBL

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