Auf den ersten Blick bietet Pnom Penh, die Hauptstadt Kambodschas, das Bild einer quirligen, blühenden Insel in einem von Krieg, Terror und Armut verwüsteten Land.
Von morgens bis abends ist die Stadt in den Radau hupender Autos, klingelnder Rikschas und in die stinkend-grauen Abgase unzähliger Mopeds gehüllt. Die Märkte quellen über, die Regale in den Läden biegen sich unter dem Warenangebot. Gold liegt in zahllosen kleinen Glasständen zum Verkauf aus, zur Schau getragen wird es an Hals, Handgelenk und Fingern.
Der Tag beginnt in Pnom Penh, wenn es noch dunkel ist und Dutzende von Bus- und Taxifahrern den Namen ihrer entfernten Ziele ausrufen, um Kunden anzulocken. Es ist das tägliche Spiel mit dem Tode, denn die Straßen, die von Pnom Penh in die Provinzen führen, sind unsicher. Rebellen verschiedener Gruppierungen, Banditen, selbst Soldaten der Regierung üben sich in Wegelagerei. Oft werden Autos überfallen, die Passagiere getötet und ausgeraubt. Trotzdem sind die Busse täglich mit Waren bepackt und die Taxis voll besetzt.
Schon bei Sonnenaufgang sitzen in den feinen klimatisierten Restaurants der Hauptstadt reiche Händler über ihren Frühstücksnudeln. Durch die mit Eisengittern bewehrten Fenster starren Scharen von ausgemergelten Bäuerinnen sie ausdruckslos an. An den Straßenrändern und in Hausnischen erheben sich Hunderte schmutziger, unterernährter Kinder von Pappkartons, auf denen sie übernachtet haben, und betteln oder wühlen in Müllhaufen.
Bei Sonnenuntergang knipst ein Dutzend Tanzhallen seine blinkenden Lichter an. Verwundete Soldaten stellen sich an den Eingängen auf und halten ihre verstümmelten Gliedmaßen dem abwesenden Blick von wohlgekleideten jungen Leuten, Regierungsbeamten, Händlern und Schmugglern hin, die sich, in Gesellschaft grotesk geschminkter Frauen, um Tische setzen, welche bald voll leerer Bierdosen sind.
Der Parkplatz vom »Boeung Kak«, Pnom Penhs beliebtestem Nachtklub, sieht aus wie die Verkaufshalle von Luxuswagen: BMWs, Mercedes, Volvos stehen da neben nagelneuen Toyotas. Und selbst wenn um Mitternacht die Ausgangssperre anbricht, lärmt die Stadt weiter. Es beginnt dann das Pfeifen der Polizisten, welche die Autofahrer willkürlich anhalten und Wegezoll erpressen.
Es gibt keine Regeln, keine Gesetze in Kambodscha. Nur Geld zählt. Mit einem dicken Bündel Banknoten kauft man sich ein gutes Mahl, mit einem Sack voll Geld ein aus Thailand geschmuggeltes Fahrrad. Für Autos wird in Dollar bezahlt: 50 000 für einen aus Singapur herübergeschafften Mercedes. Ein Haus läßt sich nur mit Gold kaufen: zwei bis fünf Kilo für eine Villa.
Ein Paß kostet 200 bis 500 Dollar, sich als Student an der medizinischen Fakultät zu immatrikulieren etwa 2000 Dollar. Die Kluft zwischen Reichen und Armen wird von Tag zu Tag breiter.
»Früher ertrug man seine Armut mit Stolz, heute findet man sie beschämend«, sagt Khieu Kannariddh, Kambodschas prominentester Journalist. »Heute gilt Ehrlichkeit als Dummheit.«
Durch Krieg und unvorstellbares Leid ist Kambodscha in den vergangenen zwei Jahrzehnten ins Weltbewußtsein getreten - und meist gleich wieder vergessen worden. Die Leiden, die Kambodschaner Kambodschanern zufügten, scheinen sinnlos. Und die Welt, vertreten durch die Uno, stützt die Mörder, ignoriert die Opfer.
1970 war Kambodscha ein kleines, unbedeutendes Land mit sechs Millionen Einwohnern, das friedlich unter der Herrschaft des flamboyanten, schlauen Prinzen Sihanouk lebte, einem Feudalherrn, der das Land als sein Eigentum, die Menschen als seine »kleinen Kinder« betrachtete. Mit einer gewagten Schaukelpolitik gelang es Sihanouk, Kambodscha aus dem Krieg herauszuhalten, der im benachbarten Vietnam und Laos wütete: Heimlich erlaubte er den Nordvietnamesen, ihren Ho-Tschiminh-Pfad durch die entlegenen Gebiete Kambodschas zu führen; den Amerikanern gestattete er, diesen wichtigen Nachschubweg des Vietcong mit ihren B-52 zu bombardieren.
Im März 1970, als Sihanouk von Moskau nach Peking reiste, stürzte sein eigener Premierminister Lon Nol den Prinzen - er hatte sich mit den Amerikanern und dem südvietnamesischen Regime in deren Kreuzzug gegen den indochinesischen Kommunismus verbündet. Sihanouk paktierte fortan im eigenen Land mit den Roten Khmer, einer damals noch kleinen Guerilla-Gruppe von höchstens 4000 Kämpfern, Radikalkommunisten unter Führung des menschenverachtenden Pol Pot.
Fünf Jahre dauerte der Krieg: Er verheerte Kambodscha, entwurzelte Millionen von Menschen und blähte die Roten Khmer zu einer mächtigen Armee von etwa 50 000 Kämpfern auf. Schließlich zerbröckelte das Lon-Nol-Regime, und die Roten Khmer marschierten am 17. April 1975 in Pnom Penh ein. Ihr erster Schritt zur »Befreiung« war die Vertreibung der gesamten Bevölkerung aus der Hauptstadt.
Pol Pot wollte ein »neues Kambodscha« mit »neuen Menschen« schaffen. Das konnte nur gelingen, meinte er, wenn er systematisch alles ausmerzte, was die Vergangenheit mitgetragen hatte. Also wurden das Militär und Beamte der ehemaligen Regierung samt ihren Familien zur Hinrichtung vorgemerkt. Intellektuelle, Mönche und Lehrer wurden zusammengetrieben und exekutiert. Selbst einfache Bürger galten Pol Pots Steinzeitkommunisten als entbehrlich. Sie wurden als Sklaven in den Reisfeldern und Wäldern eingesetzt, bis sie zusammenbrachen oder verhungerten.
Wie viele Kambodschaner dem fast vier Jahre währenden Massenmord in den »killing fields« zum Opfer fielen, ist unbekannt. Wahrscheinlich waren es anderthalb bis zwei Millionen Menschen - ein Drittel der Gesamtbevölkerung.
Obwohl Pol Pot Kambodscha von der Welt isolierte, gaben die Greuelgeschichten der in Thailand eintreffenden Flüchtlinge ein recht deutliches Bild von dem, was sich im Lande zutrug. Doch es gab keinen internationalen Protest, keine Kommission für Menschenrechte besuchte Kambodscha, um das wahre Ausmaß des Genozids festzustellen.
Im Dezember 1978 schlug Hanoi zu. Die vietnamesische Armee marschierte in Kambodscha ein, stürzte Pol Pot und befreite sein Volk von den Greueltaten der Roten Khmer. Pol Pot zog sich nach Thailand zurück, wo er noch heute ein Villen-Exil genießt. Eine neue Regierung kam an die Macht. Mit Ausnahme des damaligen sozialistischen Blocks und Indiens hat sich die internationale Gemeinschaft bislang geweigert, dieses Regime in Pnom Penh anzuerkennen. Der Grund: Diese Regierung sei eine Puppe Vietnams; und Vietnam dürfe für seine Aggression nicht belohnt werden. Die Uno verhängte ein Wirtschaftsembargo gegen die »Vietnam-Marionette« Kambodscha.
Auf sich selbst gestellt, konnten die Überlebenden des kambodschanischen Holocaust nicht an den Wiederaufbau ihres Landes denken. Sie mußten sich gegen ihre früheren Henkersknechte und deren neue Alliierte verteidigen.
In den Dschungel der Grenzgebiete mit Thailand verjagt, hatten sich Reste der Roten Khmer neu gruppiert - ihre Führerschaft blieb völlig intakt. Mit Unterstützung Chinas nahmen sie den Kampf gegen das neue Regime in Pnom Penh und die 200 000 in Kambodscha stationierten Vietnamesen auf. Bald gesellten sich zwei kleinere Guerilla-Gruppen, die von den USA und anderen westlichen Ländern unterstützt wurden, zu ihnen: die sogenannte Republikanische Gruppe und die Monarchistische Gruppe unter der Führung von Prinz Sihanouk.
Geächtet von der internationalen Gemeinschaft und bestraft mit einem westlichen Embargo, suchte Pnom Penh Hilfe bei Vietnam, der Sowjetunion und anderen sozialistischen Ländern. Als der sozialistische Block zusammenbrach, reduzierte die UdSSR, die 80 Prozent des Staatshaushalts Pnom Penhs bestritt, diese Hilfe auf die Hälfte. Ihre Erdöllieferungen, die fast den gesamten Bedarf Kambodschas deckten, wird sie Ende dieses Jahres einstellen. Die 15 sowjetischen Ingenieure, welche die vier veralteten Elektrizitätswerke Pnom Penhs geleitet haben, werden jetzt abberufen.
In Pnom Penhs Krankenhaus »17. April« waren sechs Ärzte aus der DDR tätig. Sie sind weggegangen. Ein ungarisches Projekt zum Bau einer Berufsschule wird nicht mehr vollendet.
»Die Sozialisten ziehen ab, aber die Leute aus dem Westen kommen nicht«, sagt ein Lehrer in Pnom Penh. »Kambodscha ist wie ein Waisenkind, das niemand adoptieren will.«
Vor zwei Jahren schien sich Besserung abzuzeichnen: Sollte sich die vietnamesische Armee zurückziehen und das Regime in Pnom Penh sich zur freien Marktwirtschaft bereit erklären, dann, so signalisierte die Uno, würden diplomatische Anerkennung und westliche Hilfe bald folgen.
Also fand sich Pnom Penhs Regierung plötzlich zu einer Reihe kühner Maßnahmen bereit: Religionsfreiheit, Abbau der sozialistischen Wirtschaftsstruktur, Handelsliberalisierung, Privatbesitz. Am 1. Mai 1989 wurden Kambodschas neue Millionäre geboren.
Alle, die eine Wohnung, ein Haus oder ein Zimmer besetzt hatten - Pnom Penh war ja von den Roten Khmer seinerzeit entvölkert worden -, wurden nun zu deren rechtmäßigen Besitzern.
Alle Eigentumsrechte aus Lon Nols und Prinz Sihanouks Zeiten wurden null und nichtig. Davon profitierten die Beamten des neuen Regimes, die als erste nach Pnom Penh zurückgekehrt waren und die zentral gelegenen, geräumigsten Gebäude okkupiert hatten. Einige dieser Villen, neu instandgesetzt, werden jetzt an Ausländer vermietet: für 1000 bis 2000 Dollar pro Monat. Das Monatsgehalt eines Regierungsbeamten liegt bei 5000 Riel, etwa acht Dollar.
Die Felder der Kommunen wurden nach Gusto unter den Bauern verteilt. Das Ende des sozialistischen Kommunalsystems hat die Schwachen der Gesellschaft bestraft: Bauernwitwen und -kinder ziehen jetzt in die Städte und betteln.
Die Liberalisierung hat einen scheinbaren Wirtschaftsboom ausgelöst und eine Menge versteckter Reichtümer wieder in die Wirtschaft geschleust. Bei weitem am lukrativsten ist der Handel. Kambodscha stellt kein einziges der Konsumgüter her, die es benötigt. Ihr Import und Vertrieb auf dem Binnenmarkt ist deshalb sehr einträglich. Koh Kong, ein kleiner Archipel nahe der thailändischen Grenze in Kambodschas Südosten, ist der größte Supermarkt des Landes. Eine der Inseln hat Pkw auf Lager, eine andere Motorräder, eine dritte Haushaltsgeräte und Elektronik. Kalifornische Äpfel und chinesische Pflanzenmedizin werden von den Koh-Kong-Inseln an die Warenhäuser der Hauptstadt versandt.
»Um hier als Millionär zu gelten«, sagt ein Regierungsbeamter, »muß man mindestens fünf Millionen Dollar in bar oder Gold besitzen.« Heute leben in Koh Kong schon an die 200 solcher Millionäre. Die meisten von ihnen sind Kambodschaner chinesischen Ursprungs.
Zu Prinz Sihanouks Zeiten gab es 800 000 Auslandschinesen und Sino-Khmer in Kambodscha, die schon damals die Wirtschaft des Landes beherrschten. Ein Teil dieser Sino-Kambodschaner hatte unter Pol Pot weniger zu leiden als die übrige Bevölkerung. Sie hatten niemals militärisch gedient, hatten niemals für die Regierung gearbeitet und wurden deshalb auch nicht zur Hinrichtung vorgemerkt. Außerdem standen sie unter dem Schutz der chinesischen Berater, die Peking Pol Pot zur Seite gestellt hatte.
Während die Händler immer reicher und mächtiger werden, verliert der Staat seine Autorität. Es gibt kein Gesetz zur Auferlegung von Steuern, keine Normen und Prioritäten für Investitionen.
»Zugegeben: Wir haben eine Marktwirtschaft ohne Steuersystem und ohne die notwendigen Finanzinstitutionen eingeführt«, sagt Uk Kinan, stellvertretender Premierminister. »Es ist ein Risiko, aber es ist auch die einzige Möglichkeit, um mit unseren Nachbarländern Handelsbeziehungen aufnehmen zu können.«
Das Risiko ist enorm. Während die neuen Reichen sich verschaffen, was sie brauchen, verlieren die normalen Kambodschaner ihr Vertrauen in eine Regierung, die nicht imstande ist, elementare öffentliche Dienstleistungen zu gewährleisten, weil sie kaum Einkünfte hat. Es gibt immer noch keine normale Telefon- und Telegraphenverbindung zwischen der Hauptstadt und den Städten der Provinz. Die meisten der sogenannten Krankenhäuser des Landes sind Schuppen mit Reihen von hölzernen Bettgestellen, ohne fließendes Wasser oder chirurgische Instrumente. Oft wird die Familie eines Patienten, der operiert werden muß, gebeten, die notwendigen Skalpelle und Medikamente auf dem freien Markt zu besorgen.
Eine Familie mit zwei Kindern benötigt in Pnom Penh durchschnittlich ein Monatseinkommen von 50 000 Riel (76 Dollar), während das von der Regierung gezahlte Standardgehalt bei 5000 Riel liegt. Ein Beamter muß sich das für das Überleben Notwendige mit Hilfe des »Parallelsystems« beschaffen. »Seine Loyalität ist gleichermaßen aufgeteilt«, sagt ein ausländischer Diplomat in Pnom Penh. »Zu 10 Prozent gilt sie der Regierung, zu 90 Prozent den Geschäftsleuten, die ihn ernähren.«
Die Regierung hat immer weniger Einfluß auf die eigenen Beamten und die Armee. Das Ausmaß dieses Problems wird deutlich, sobald man Pnom Penh verläßt und über Land fährt.
»Wer sind die? Werden sie auf uns schießen?« fragt der Reisende, als er zwei bewaffnete Männer an einer Brücke stehen sieht, die mit ihren Gewehren auf sein Auto zielen. »Wenn sie nicht schießen, dann stehen sie auf unserer Seite«, antwortet der Fahrer. Er verlangsamt die Fahrt und wirft ihnen eine Packung Zigaretten zu.
Die Straße zwischen Pnom Penh und der südlichen Stadt Kampot ist 148 Kilometer lang. Die Reise dauert vier Stunden und kostet zwei Stangen Zigaretten.
»Die Soldaten werden schlecht bezahlt, und die Bevölkerung muß sich für ihre Arbeit erkenntlich zeigen«, erklärt der Fahrer. Wenn der Betrag sie nicht befriedigt, wird der Wagen angehalten, werden die Passagiere ausgeraubt. Pnom Penhs Nachrichtenagentur wird dann später diesen Vorfall ein von »Banditen« oder Roten Khmer verübtes Verbrechen nennen.
Unlängst wurde eines Abends der neue Markt von Battambang, der zweitgrößten Stadt Kambodschas, bombardiert. 20 Menschen kamen ums Leben, über 100 Häuser brannten nieder. Der örtliche Parteisekretär behauptete schnell, die Roten Khmer seien für den Angriff verantwortlich, aber andere glauben, daß die reguläre Armee dahinterstand. »So ist Kambodscha, so ist Kambodscha«, wiederholt ein alter Mann zwischen den Trümmern seines Hauses, während Hunderte von Menschen, darunter viele Kinder, in den noch brennenden Trümmern wühlen und versuchen, irgendeinen Wertgegenstand herauszuklauben.
Seit dem Abzug der vietnamesischen Armee, von der sie in die einsamen Berggebiete entlang der thailändischen Grenze vertrieben worden waren, haben die Roten Khmer zwei verschiedene Ziele verfolgt: die reichsten Gebiete des Landes der Regierungskontrolle zu entreißen und die Provinzen zu infiltrieren, um sich wieder bei den Bauern einzunisten.
Pailin ist ein Name, der unter den Edelsteinhändlern von Amsterdam und New York berühmt ist. Denn in Pailin, einem entlegenen Dschungelgebiet in West-Kambodscha zehn Kilometer von der thailändischen Grenze entfernt, werden viele der reinsten Rubine der Welt gefunden. Vor eineinhalb Jahren haben Pol Pots Männer Pailin wieder erobert und machen seitdem höchst lukrative Geschäfte. Die Guerrilleros schürfen nicht selbst, sie lassen Massen bereitwilliger Thailänder schuften.
An die 50 000 Männer und Frauen aus der thailändischen Stadt Borai überqueren häufig die Grenze und bezahlen den Roten Khmer eine feste Gebühr für die Schürfrechte. Diese Einnahmen allein schaffen monatlich fünf Millionen US-Dollar in Pol Pots Kasse. Aber das ist noch nicht alles.
Seit Thailands Regierung ein Abholzverbot im Land verhängt hat, um die übriggebliebenen Wälder zu schützen, haben die Roten Khmer Straßen gebaut, die es den thailändischen Käufern ermöglichen, in ihre Gebiete vorzudringen und das kambodschanische Teakholz abzutransportieren. Man schätzt, daß Pol Pot - der in Pnom Penh alles Geld abgeschafft und die Zentralbank der Hauptstadt symbolisch in die Luft gesprengt hatte - jetzt über eine Reserve von über 150 Millionen Dollar verfügt. »Selbst wenn China Pol Pot nicht mehr mit Waffen beliefern sollte, hat er genug Geld für Jahre«, sagt ein Diplomat in Pnom Penh.
Zur Zeit stellen die Roten Khmer - heute eine Macht von circa 20 000 Mann - noch keine unmittelbare Bedrohung für die Regierung dar. Aber: »In ihren Dörfern sehen die Bauern die Roten Khmer, die für Nahrung bezahlen, schon lieber als die Regierungssoldaten, die sie bestehlen«, sagt ein Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes.
Dieser Wandel in der Einstellung der Landbevölkerung darf nicht unterschätzt werden. »Wenn die Regierung in Pnom Penh zerbrechen sollte, dann wären die Roten Khmer die einzige Macht, die einspringen kann«, sagt der Journalist Khieu Kannariddh. »Es könnte innerhalb der nächsten zwei Jahre geschehen.«
Was mit den Kambodschanern geschieht, scheint die Welt aber nicht zu rühren. Thailand beherbergt und schützt die Roten Khmer auf Wunsch Chinas. Als Gegenleistung unterstützt China nicht mehr die thailändische KP und ihre Guerilla. Die Vereinigten Staaten weigern sich weiterhin, diplomatische Beziehungen mit Hanoi aufzunehmen und die Pnom-Penh-Regierung anzuerkennen. Statt dessen unterstützen sie mehr oder weniger direkt die Roten Khmer, die gegen diese Regierung kämpfen.
Ohne die Hilfe der sozialistischen Länder und ohne die Anerkennung des Westens bleibt der kambodschanischen Regierung heute eine einzige Hilfsquelle: private, humanitäre Hilfsgruppen aus verschiedenen Ländern. Pnom Penh bleibt nichts anderes übrig, als ausnahmslos alle willkommen zu heißen, die Geld ins Land tragen.
Die Tatsache, daß die meisten Länder keine diplomatischen Beziehungen mit Kambodscha unterhalten, hält viele nicht davon ab, in Kambodscha Geschäfte zu machen. John Gunther Dean, letzter amerikanischer Botschafter in Kambodscha, der kurz vor dem Sieg der Roten Khmer mit der amerikanischen Flagge unterm Arm Pnom Penh in einem Hubschrauber verlassen hatte, war vor kurzem wieder an Ort und Stelle - diesmal als Vertreter einer Hotelkette.
Geschäftsleute aus Singapur, einem der hartnäckigsten Gegner des Regimes in Pnom Penh, ziehen den größten Profit aus der augenblicklichen Situation. Und die Japaner, obwohl sie sich offiziell an das Embargo halten, sind bereits mit verschiedenen Gesellschaften anwesend, die sich für den Tag vorbereiten, an dem ein befriedetes Kambodscha ein interessanter Markt zu werden verspricht.
Wird der Frieden kommen? Die Aussichten sind gering. Jahrelang schien es, als ob die Anwesenheit der vietnamesischen Armee im Land das Haupthindernis für eine kambodschanische Lösung sei. Jetzt sind Hanois Soldaten abgezogen.
Der Kampf der Guerrilleros gegen die Pnom-Penh-Regierung schien eine Frage der Ideologie zu sein: Demokratie gegen Kommunismus. So sieht es heute nicht mehr aus. Obwohl Kambodscha noch ein Einparteisystem hat und obwohl das Statut der Partei sich an den Marxismus-Leninismus lehnt, »ist dieses die antikommunistischste KP, die mir je begegnet ist«, sagt der ungarische Botschafter in Pnom Penh. »Sie hat ein kapitalistisches Wirtschaftssystem eingeführt, und die einzige Ideologie, die sie besitzt, heißt: Überleben.«
Das Land hängt noch den sozialistischen Popanz raus: Die Regierungsgebäude zieren die Bilder von Marx, Lenin und Ho Tschi-minh, aber »sie sind nur zur Dekoration da«, sagt ein Provinzgouverneur.
Warum steht dann Sihanouk weiter auf der Seite der steinzeitkommunistischen Roten Khmer statt auf der von Pnom Penh? Die Umkehrung dieser Allianzen und damit die Isolierung Pol Pots und Chinas, das ihn unterstützt, würde eine mögliche Lösung für Kambodscha bringen. Kambodschas Regierung hat mehrmals versucht, Prinz Sihanouk auf ihre Seite zu ziehen. Premier Hun Sen hat dem Prinzen angeboten, als Staatsoberhaupt nach Pnom Penh zurückzukehren, mit einem Jahresgehalt von 500 000 Dollar. Sihanouk hat abgelehnt.
»Grundsätzlich will der Prinz gar nicht zurückkehren. Er hat Angst«, sagt Pung Peng Cheng, Sihanouks ehemaliger Berater, der sich vor drei Jahren von ihm abgewandt hat, um Mitglied in der Pnom-Penh-Regierung zu werden. »Wenn der Prinz die Roten Khmer verläßt, werden sie ihn umbringen.«
Zweifellos liegt es im Interesse der Gruppe von Sihanouk, teilweise auch der Roten Khmer, ihre Hände auf den Millionen von Dollar zu behalten, welche die USA und andere westliche Länder durch verschiedene Kanäle den 300 000 Flüchtlingen zukommen lassen, die noch immer entlang der kambodschanischen Grenze mit Thailand leben.
Diese Menschen sind im Laufe der vergangenen zwölf Jahre aus Kambodscha geflohen. Viele suchten nur einen vorübergehenden Unterschlupf vor den Gefechten, andere hofften, im Ausland bleiben zu dürfen, was ihnen nicht gestattet wurde.
Die große Mehrzahl dieser Flüchtlinge lebt in sieben Lagern auf thailändischem Gebiet, ein paar Kilometer von Kambodscha entfernt. Jedes Lager steht unter der Kontrolle einer der drei Guerilla-Fraktionen. Seine Insassen sind praktisch Gefangene der Führer dieser Fraktionen, die sie brauchen, um ihre politische Rolle zu rechtfertigen und um sich junge Männer für ihre Armeen zu holen.
Jenseits der Grenze, in Kambodscha, liegen die sogenannten befreiten Gebiete. Auch sie unterliegen der Kontrolle der drei Guerilla-Gruppen. Auf diesen Gebieten, die nicht mehr als zehn Prozent des gesamten Landes ausmachen und auf denen keine größere Stadt liegt, leben circa 50 000 »befreite« Menschen, meist Bauern. Im Vergleich zu den restlichen Kambodschanern genießen sie einen großen Vorteil: Sie erhalten amerikanische Hilfe.
Die USA haben eine 21 Kilometer lange Straße und vier Krankenhäuser gebaut und sind dabei, ein fünftes fertigzustellen. Für diese »befreiten Gebiete« geben die USA jährlich über 20 Millionen Dollar aus.
Da die 300 000 in Thailand lebenden Kambodschaner nicht als »Flüchtlinge« anerkannt werden, also nicht unter dem Schutz der Uno stehen und deshalb jederzeit von der thailändischen Regierung nach Kambodscha ausgewiesen werden können, scheinen die drei Guerilla-Gruppen die Strategie gewählt zu haben, die »befreiten Zonen« innerhalb Kambodschas zu vergrößern, um dort später einmal alle Flüchtlinge, die zur Zeit in den sieben thailändischen Lagern leben, anzusiedeln.
»Sie beschießen unsere Dörfer, und unsere Leute laufen davon. Sie legen Minen in den Feldern, und unsere Leute werden zerfetzt, wenn sie versuchen zurückzukehren«, sagt Ith Loeur, der Gouverneur von Banteaj Meantscheaj, der nordwestlichen Provinz Kambodschas, die an Thailand grenzt.
Sisophon, die Provinzhauptstadt, ist eine Art Cowboystadt voller bewaffneter Männer und Tausender armseliger Bauern, die die Guerilla von ihren »befreiten« Reisfeldern verjagt hat. In dem Provinzhospital gibt es mehr Verwundete als Betten. Die meisten Patienten sind junge Soldaten und Kinder, die auf Minen getreten sind.
Kann all diesem ein Ende gesetzt werden? Niemand weiß bisher wie. Seit 1988 haben sich die Führer der verfeindeten Fraktionen unter der Schirmherrschaft verschiedener Vermittler - der Franzosen, Indonesier, Japaner und Thailänder - mehrmals in verschiedenen Hauptstädten der Welt getroffen, um den Krieg zu beenden. Ergebnislos.
»Die Politiker können Kambodschas Problem nicht lösen. Sie selbst sind das Problem«, sagt der Vertreter einer internationalen Organisation in Pnom Penh.
Ein kambodschanischer Intellektueller drückt sich drastischer aus: »Wir Khmer werden niemals imstande sein, mit unseren Problemen selbst fertig zu werden. Wir brauchen einen ausländischen Herrscher. Wir müssen eine gewisse Zeitlang unter Vormundschaft leben!«
Die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates der Uno haben sich auf einen Plan geeinigt, den einige Beobachter als Vorschlag zu einer »verkappten Vormundschaft« ansehen: Eine Koalitionsverwaltung sollte gebildet werden, in der alle vier Fraktionen vertreten sind - also auch Pol Pots Rote Khmer. Danach sollen freie Wahlen unter Uno-Aufsicht durchgeführt werden. 20 000 Uno-Beamte, zur Hälfte Soldaten, sollen dies überwachen.
»In den klimatisierten Hallen in New York bei den Vereinten Nationen mag der Plan gut klingen, hier wird er niemals funktionieren«, sagt ein osteuropäischer Diplomat.
Und ein alter Mann in Pnom Penh meint: »Das kambodschanische Problem wird erst gelöst sein, wenn nur noch zwei Khmer übriggeblieben sind - und der eine den anderen umbringt.« o