Millennium-Bilanz: Kultur TÄNZER IM DUNKELN
PANIK OHNE »TITANIC«
Wohin mit den Oscars? Weit und breit keine neue »Titanic« in Sicht - im Filmjahr 2000 gab es nur Kino-Eisberge: Selbst vermeintlich sichere Stars wie Arnold Schwarzenegger, Leonardo DiCaprio oder Jim Carrey landeten schwere Flops. Allein »Gladiator« und »Erin Brockovich« brachten handfesten, populistischen Unterhaltungsspaß und füllten die Kassen. Wenn es gerecht zuginge bei der Oscar-Verleihung im März, müsste der britische Animationsfilm »Chicken Run« (allein in Deutschland zwei Millionen Zuschauer) als bester Film des Jahres prämiert werden.
GENIALER JAMMERLAPPEN
Sexfrust und Schönheitsterror sind die Themen , mit denen der französische Schriftsteller Michel Houellebecq, 42, auch im Kulturbetriebsjahr 2000 die Hirne der Intellektuellen beschäftigte. Seine beiden Romane »Ausweitung der Kampfzone« und »Elementarteilchen« kamen - provokativer Stoff scheint Mangelware zu sein - in hastig erstellten Theaterbearbeitungen auf deutsche Bühnen. Der schüchterne Autor selbst zeigte auf einer kleinen Deutschland-Tournee den Mut, sich zu einer unglücklichen Liebe zu bekennen - die Liebe zur Popmusik. Da deklamierte der Trübezahl des Zeitgeists mit ausdruckslosem Singsang seine Lyrik gegen den Sound einer Rockband, bekam dünnen Applaus und erklärte am Ende, er wolle das nie wieder tun.
HAMLET SCHWARZ
Europas Kulturerbe im globalen Dorf. Darsteller afrikanischer oder asiatischer Herkunft in Rollen, deren Autoren daran nicht gedacht haben - in Opernhäusern auch außerhalb der USA ist das schon länger Brauch, und auch auf europäischen Schauspielbühnen gewöhnt man sich nun daran. Im Hamburger Schauspielhaus war im Jahr 2000 eine dunkelhäutige Heldin in Tschechows »Möwe« zu sehen, und im Londoner National Theatre spielte ein junger schwarzer Publikumsliebling nicht nur den Romeo, sondern auch den erznordischen Peer Gynt. Der schwarze Prinz der Saison aber ist Adrian Lester, 30, britischer Nachwuchsdarsteller mit kurzer Hollywood-Vergangenheit, der nun in Paris unter der Regie von Peter Brook den Hamlet spielt. Brook, 75, präsentierte mit diesem »Hamlet« nicht nur seine erste englischsprachige Shakespeare-Arbeit seit langem, sondern auch den formvollendet klaren, musikalischen Theater-Triumph des Jahres.
POLTERGEIST
Darling der Kulturnation hätte Marcel Reich-Ranicki 2000 sein können. Mit seinen viel gelobten, im Jahr zuvor erschienenen Memoiren »Mein Leben« brachte er es zum Auflagenkönig, anlässlich seines 80. Geburtstags ließ er sich Lob und Ehrerbietung darbringen. Dann aber sorgte der Kritiker-Poltergeist in seinem TV-Showkampf »Das Literarische Quartett« mit Attacken gegen die Kollegin Sigrid Löffler für einen Eklat - und den Austritt der Widersacherin. Gegen den Vorwurf, er sei ein Frauenfeind, suchte sich der Meister mit dem Neuzugang der »Zeit«-Redakteurin Iris Radisch zu entlasten. Selbst dem Bundeskanzler erschien der oberste Literaturrichter im Traum: »Das ist doch keine Prosa, diese Regierungserklärung!«, habe Reich-Ranicki gewettert, berichtete Gerhard Schröder über sein Nachtmahr.
FRISURPROBLEM
Blondes Haar trug Franka Potente in Tom Tykwers Liebe-Drama-Wahnsinns-Film »Der Krieger und die Kaiserin«, für den sie schwärmerische Kritiken bekam. Noch mehr Geld spielte sie im Leichen-Lustspiel »Anatomie« ein - dem erfolgreichsten deutschen Film des Jahres. In beiden Werken trug sie Frisuren, mit denen sie Gerhard Meir nicht mal farbenblind aus der Haube entlassen hätte. Nun ist Potente unterwegs zum Weltruhm: Neben Hollywood-Star Matt Damon drehte sie den Thriller »The Bourne Identity«, mit Johnny Depp die Dealer-Biografie »Blow« - und durfte Depp küssen, ehe sie »etwa in Filmminute 30« (Potente) starb. Sie fühle sich »noch« nicht als Hollywood-Star, sagte die Schauspielerin - glaubhaft, denn keine US-Diva ließe sich mit solchen Frisuren filmen.
SCHNAPSDROSSEL
Schön, jung und kinderzimmerkompatibel - mit koketten Songs wie »Ooops, I Did It Again!« und einem auch sexualmoralisch suprasauberen Strahle-Image erstürmte sich die Amerikanerin Britney Spears, 19, die Herzen deutscher Teenager. Doch als sie Anfang November zum ersten Mal auf Deutschlandtournee kam, wurde sie in Leipzig in einem Zustand fotografiert, der ihrer Beteuerung, nie Alkohol zu trinken, schwer zu widersprechen schien: Piña Colada habe Britney Spears geordert, beobachteten »Bild«-Reporter, und White Russian auch. Die Pop-Prinzessin zeigte sich über die deutschen Paparazzi nicht amüsiert: Einen Auftritt bei »Wetten, dass ...?« sagte sie kurzfristig ab.
TROTZKOPF
Da thront er und tadelt, waltet und wütet, mosert und mauert: Wolfgang Wagner, 81, der Greis mit dem Bayreuther Sitzfleisch auf Lebenszeit, will die Leitung der großväterlichen Festspiele partout nicht aufgeben. Mögen die ehrgeizigen Abkömmlinge des zinkennasigen Clans auch planen und bitten und flennen, mögen die Politiker dem störrischen Alten nach dem Liebesentzug sogar mit juristischen Scharmützeln und Kürzung der Subventionen drohen - der Nachfolgekrieg wird auch im neuen Jahr fortgesetzt. Abwarten, wann der Schlachtruf der Kulturnation Deutschland bei dem Komponistenenkel nicht mehr auf verstopfte Ohren stößt: Weiche, Wolfgang, weiche! Bayreuther Leidkultur.
WUNDER DER ERDE
Der Garten Eden ist auch für Künstler ein Sehnsuchtsort. Hans Haacke, 64, wollte den Abgeordneten aus ganz Deutschland einen Paradiestrog in den Innenhof des Berliner Reichstags stellen. In dem sollen Pfennigkraut, Drachenwurz oder sogar Rauschbeeren zart wuchern. Die überschaubare Grünanlage von 21 Meter Länge und 7 Meter Breite wurde zum Parlamentszankapfel, weil Haackes Trog-Inschrift »DER BEVÖLKERUNG« vielen als Provokation erschien. Auch auf der Expo erwies sich Gartenkunst als Publikumsrenner: Der niederländische Pavillon wurde vom Publikum gestürmt - wegen des Waldes in der zweiten Etage.
WENDEHALS
Erst schmiss er in Berlin hin, dann kam er in Bayreuth groß raus, jetzt hat sich auch in der Hauptstadt der Wind gedreht, und Christian Thielemann, 41, will mit geschwellter Brust heim ins Reich der netten Menschen, die ihn - trotz allem - so unglaublich lieben. Nach dem Bayreuther Triumph des jungen Stardirigenten im vergangenen Sommer wird dessen Porträt jetzt jedenfalls groß an der Deutschen Oper plakatiert, und die hauptstädtischen Kulturbürokraten küssen ihrem eigentlich abtrünnigen Generalmusikdirektor ergebenst den Taktstock. Den wiederum hat Thielemanns designierter Nachfolger, der Italiener Fabio Luisi, vom städtischen Kleinkrieg entnervt, gar nicht erst angepackt. Mag sein, dass er seine Hand nur noch für eine satte Abfindung aufhält. Berliner Streitkultur.
AUF LIEBE UND TOD
Melodramatisches Überwältigungskino zeigten der Däne Lars von Trier und seine isländische Hauptdarstellerin Björk in »Dancer in the Dark«. Das Opfer-Oratorium, in dem Björk als treu sorgende Mutter am Galgen endet, war 2000 beim Festival in Cannes und bei der Verleihung der Europäischen Filmpreise der große Sieger. Der Regisseur aber nannte sich selbst ein »Arschloch«, und seine Protagonistin bestätigte die Einschätzung: Von Trier, 44, habe sie und die Crew bei den Dreharbeiten regelrecht tyrannisiert, erzählte Björk, 35, die für das Musical mehr als ein Jahr lang ihre Popkarriere auf Eis legte. Immerhin hat sie die Drehschlacht weitgehend unbeschadet hinter sich gebracht. Vom Filmen aber ist sie fürs Erste kuriert.
WAS WAR DENN DAS?
SELBER GOTT
Michael Naumann wird uns fehlen. Wirklich. Würde es etwa Renten-Riester wagen, das schöne Wort »Apocolocyntosis« - es steht ironisch für die Selbstvergöttlichung eines Individuums - wie nebenbei in einem Goodbye-Interview in den Mund zu nehmen? Kennt er es überhaupt? Weiß er, dass eine Schrift von Seneca so heißt? Naumann dagegen, ein Herr von profunder Bildung und unstillbarem Drang, diese auch zu demonstrieren, frönte dem Hang zu hemmungslosen intellektuellen Muskelspielen ungestraft. Als Staatsminister für Kultur und Medien befand er sich nicht immer ganz auf der Höhe der Problemlage - doch als Erfinder seines eigenen Ministeriums und seiner Bedeutung war er einmalig. Regen konnte auch er nicht machen, aber mitunter göttlichen Wind.
WORTE 2000
»Das Theater in Berlin ist beschissen wie die Stadt selbst: unerträglich, laut, hysterisch«
Peter Zadek, Regisseur
»Das Festhalten an einem misslungenen Reformversuch gegen den entschiedenen Willen der Bevölkerung nimmt ... doktrinäre Gestalt an«
Günter Grass, Schriftsteller und Kritiker der Rechtschreibreform
»Das Hauptproblem in Deutschland ist, dass außer der Sexualität kein Thema tabufrei diskutiert werden kann«
Arnulf Baring, Historiker