KOSOVO Täter und Opfer
Der Polizeikommandant Karlheinz Weber, Spitzname Charly, war mal wieder wütend. Die Albaner in den gemischtnationalen Polizeistreifen weigerten sich, mit ihren serbischen Kollegen Serbisch zu sprechen: Sie seien dieser Sprache nicht mächtig. Weber tobte, bedrohte die Albaner mit Kündigung. Wenige Minuten später erinnerten sich alle an ihre nahezu perfekten Serbischkenntnisse.
Solcher Ärger war und ist Routine: Immer wieder musste der vor einem Jahr in die kosovarische Serben-Hochburg Gracanica versetzte Ermittler des Landeskriminalamts Berlin durchgreifen, wenn es um den Schutz serbischer Belange geht. Vorige Woche endete sein Dienst. Der 41-Jährige wurde abberufen, obwohl die weitere Präsenz des entschlossenen Deutschen ("Ich diskutiere nicht, ich befehle") am ethnischen Krisenherd Kosovo angeraten wäre.
Mit Erfolg hat Weber einen »Saustall aufgeräumt«, wie er es nennt. »Unter den Augen der Uno«, klagt er, müssen kosovarische Serben unzumutbare Repressionen erdulden. Denn seit Kriegsende haben sich die Machtverhältnisse grundlegend geändert - aus Tätern wurden Opfer.
In Gracanica, dem Hauptquartier seines einstigen Streifenbereichs, fühlten sich die rund 6000 Einwohner unter seinem Regiment erstmals sicher. Morde oder Attentate aus nationalistischen Motiven gehörten während Webers Ägide der Vergangenheit an.
Der relative Frieden in der Enklave will dennoch peinlich überwacht sein. Noch patrouillieren Panzer der schwedischen Kfor und Polizeifahrzeuge durch die staubigen Straßen. Von Januar 2003 an allerdings werden im gesamten Kosovo die Kfor-Eskorten eingestellt, die bislang serbische Autokolonnen auf dem Weg durch die Albaner-Dörfer zur serbischen Grenze begleiten. Dann werde sich niemand mehr aus den Enklaven wagen, prophezeit Gracanicas Ortsvorsteher Slavisa Kostic: »Der Gedanke an eine Autopanne inmitten einer albanischen Gemeinde ist schlimmer als jeder Horrorfilm.«
Kostic drängt zu Verhandlungen mit den Albanern: »Unsere einzige Hoffnung ist die Teilung des Kosovo.« Denn immer mehr Indizien weisen darauf hin, dass insbesondere die USA die Forderung der Kosovo-Albaner nach Unabhängigkeit mit Wohlwollen betrachten. Längst werden in der Provinz separate Führerscheine und eigene Kfz-Nummernschilder ausgegeben, sind gesonderte Pässe in Planung.
Die Uno-Verwaltung (Unmik) hat in ihrem Protektorat große Probleme mit ehemaligen Kommandanten der albanischen Widerstandsbewegung UÇK. Diese sind im zivilen Kosovo-Schutzkorps organisiert und unterhalten geheime Waffenlager im ganzen Land. Ursprünglich sollten die entwaffneten Freiheitskämpfer als Helfer bei Naturkatastrophen oder Bränden eingreifen. Doch als es in Gracanica brannte, weigerten sich die Nationalhelden zu löschen.
Bei anderen Gelegenheiten handeln sie sofort. Im Sommer habe er den deutschen Polizeichef von Decani, Martin Zimmermann, in einer Klosterzelle verstecken müssen, erzählt Sava Janic, der stellvertretende Abt des orthodoxen Klosters Decani. Der Beamte hatte einen AlbanerProtest vor den Klostermauern aufgelöst und wurde daraufhin massiv bedroht.
Janic fährt einmal im Monat nachts zu Versorgungsfahrten ins nahe Montenegro. Tagsüber, da ist er sicher, würde er von den Albanern in seinem eigenen Bistum gesteinigt. Zwei orthodoxe Kirchen wurden allein in den vergangenen Tagen in die Luft gejagt, zwei weitere schwer beschädigt, seit dem Einzug der internationalen Truppen im Jahr 1999 über 110. Rapide wächst dagegen die Zahl der von islamischen Ländern finanzierten Moscheen, die zwischen zerstörten Häusern wie Fata Morganen leuchten.
Außerhalb der Enklaven lebende Serben sind hilflos einer albanischen Bevölkerungsmehrheit ausgeliefert, deren Spektrum vom loyalen Nachbarn bis zu mordenden Extremisten reicht. 80 Prozent der serbischen Wohnungen in Pristina sind trotz Verbots aus Belgrad längst an Albaner verkauft. Heute leben weniger als 200 Serben in der Kosovo-Metropole. In der Gemeinde Kosovo Polje, vor dem Krieg fast ausschließlich von Serben bewohnt, kauften die albanischen Kosovaren drei Viertel aller serbischen Häuser auf. Die halbherzig beschworene Rückkehr der rund 150 000 geflohenen Serben wird dadurch unmöglich.
Die langfristige albanische Strategie ist grenzüberschreitend. Immer mehr schwangere Albanerinnen entbinden in den Kliniken des Nachbarstaats Mazedonien. Damit soll der demografische Prozentsatz der dortigen albanischen Bevölkerung in die Höhe getrieben werden.
Karlheinz Weber wäre gern geblieben. Doch selbst eine vom serbischen Patriarchen Pavle und von Serbiens Regierung unterstützte Petition der Bevölkerung von Gracanica, das Mandat des beliebten Deutschen zu verlängern, wurde ignoriert. Berlin will bald einen Nachfolger entsenden, Weber aber musste zurück: Nach einem Jahr Kosovo sei die »Resozialisierung« eines Beamten dringend nötig. RENATE FLOTTAU