SCHWEDEN / BIER Tag M
In Schwedens größter Bierbrauerei - Pripp in Göteborg - wartete der Verkaufsdirektor Ulle Hyltén-Cavallius am letzten Donnerstag mit der Stoppuhr in der Hand auf Mitternacht.
Punkt null Uhr feuerte er einen Startschuß ab. In den überfüllten Brauerei -Höfen sprangen eintausendfünfhundert Lkw-Motoren an. Nach einem genauen Generalstabsplan brausten die Laster ab, dem »Tag M« (so die liberalen Stockholmer ,Dagens Nyheter") entgegen, der für Schwedens durstige Kehlen eine neue Oktoberrevolution verhieß.
Denn erstmals seit Jahrzehnten alkoholischer Trockenheit dürfen die trinkfreudigen Nordländer nun wieder ein vernünftiges Bier im Laden kaufen: »Mellanöl« ("Mittelbier"), das mit seinen 3,6 Prozent Alkoholgehalt etwa den bayrischen Bieren entspricht.
Vor einem halben Jahrhundert war 1917 den Schweden, die damals zu Hunderttausenden dem Suff verfallen waren, die Flasche von Staats wegen entzogen worden. Alkohol wurde fortan von Ausgabestellen des staatlichen Spritmonopols ("Systembolaget") nur in beschränkter Menge nur an Erwachsene und nur gegen Vorlage eines Alkohol -Passes ("Motbok") abgegeben. Über ganz Schweden waren nur 271 Systembolaget -Filialen verteilt.
Bei den echten Trinkern förderte die Teil-Prohibition den Durst mehr, als sie ihn einschränkte. Alkoholschmuggel und Schwarzbrennerei blühten.
Am 1. Oktober 1955 wurde die Alkohol-Rationierung abgeschafft. Aber zu einer völligen Mündigkeitserklärung der Flaschenbrüder mochte sich die Regierung auch damals noch nicht entschließen. Alkohol, auch Starkbier, durfte zwar in unbegrenzten Mengen, aber teuer und weiterhin nur in den wenigen grauen Läden des Systembolaget verkauft werden - die einzigen Geschäfte in Schweden, die jeden Rückgang ihres Umsatzes stolz verkünden.
Auf den Registrierkassen der Alkohol -Apotheken leuchten in unregelmäßigen Abständen rote Lämpchen auf. Dies bedeutet: Stichprobe. Der jeweilige Kunde muß seinen Ausweis vorzeigen. Steht der Name auf der staatlichen Säufer-Liste (derzeit sind 17 000 Trinker registriert), so bekommt er nichts.
Die Sicherungen nützen wenig. Obwohl der Rein-Alkoholverbrauch in Schweden mit 4,29 Liter pro Person und Jahr relativ gering ist (Frankreich: 18,3 Liter), machen die besonderen Trinkgewohnheiten der Nordländer den Alkoholismus zum Problem. Schwedische Trinker akzeptieren allein hochprozentiges Feuerwasser. Folge: 100 000 Menschen (von 7,5 Millionen) kommen jährlich unter Alkoholeinfluß mit dem Gesetz in Konflikt. Die Zahl der Alkoholdelikte Jugendlicher hat sich seit 1955 verzehnfacht.
»Wenn wir den Leuten Bier bieten, werden sie vom Schnaps lassen«, appellierte Finanzminister Sträng angesichts dieser Zahlen an das widerstrebende Parlament, um den Gerstensaft künftig in allen Geschäften des Landes frei fließen zu lassen.
Der Minister erwartet vom Mellanöl Mehreinnahmen von 50 bis 100 Millionen Kronen pro Jahr. Die 28 schwedischen und zahlreiche ausländische Brauereien rechnen mit einem Absatz von 500 Millionen Flaschen im Jahr.
Der »Tag M« wurde für die Schweden zu einer Art zweitem Mittsommer-Fest. »Stockholms-Tidningen« begrüßte das neue Bier mit der Schlagzeile: »Endlich wird es freigelassen.«
Schwedische »Mittelbier«-Trinker
»Endlich freigelassen«