Tanz in den Tod - DER SPIEGEL
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CHINA Tanz in den Tod

Schlamperei und Korruption im Reich der Mitte machen tödliche Katastrophen wie den jüngsten Discotheken-brand beinahe zum Alltag.
• aus DER SPIEGEL 1/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als das Feuer ausbrach, versank die Disco im Chaos«, berichtet Frau Wang mit bebender Stimme, das Gesicht blutig und noch schwarz vom Rauch. »Ich habe nur überlebt, weil mein Mann ein Fenster zerschlug und mich auf eine Balustrade nach außen stieß.«

Das Ehepaar Wang war am Montagabend in die »Östliche Metropole«-Disco im zentralchinesischen Luoyang zum Tanz gegangen - ein Vergnügen, das für die Chinesen seit dem Beginn der Reformpolitik in den achtziger Jahren längst zum Alltag gehört.

Zufällig war es auch noch der erste Weihnachtsfeiertag: ein Fest, das den meisten Chinesen so fremd ist wie Europäern das chinesische Frühlingsfest.

Doch die Firmen haben entdeckt, dass Christkind, Knecht Ruprecht und Tannenbaum inzwischen auch im Reich der Mitte den Konsum ankurbeln. Am 26. Dezember sollte im Erdgeschoss ein neuer Supermarkt eröffnen. Also lockte die Disco Kunden an dem verhängnisvollen Abend in das Gebäude, der Eintritt war frei.

Es wurde ein Tanz in den Tod. Denn offenkundig hatten vier Schweißer bei Renovierungsarbeiten in den Untergeschossen gegen 21.30 Uhr einen Brand entfacht, der sich rasend schnell ausbreitete. Während die Verursacher flohen, konnten 309 Bauarbeiter und Disco-Gäste sich nicht mehr retten. Die Opfer erstickten kläglich oder wurden in der ausbrechenden Panik zu Tode getrampelt.

Feuerwehrleute versuchten vergebens, in die verqualmten Räume des dritten Stocks des Gebäudes vorzudringen. Sie wurden Zeugen, wie die Eingeschlossenen verzweifelt um ihr Leben kämpften, bis die Schreie verstummten. Einige starben, weil sie es nicht wagten, in die Sprungkissen zu springen.

Nur wer die Nerven behielt, konnte sich vor Rauch und Feuer retten: Die Arbeiterin Fang, 28, zum Beispiel versteckte sich sechs Stunden in einem kleinen Raum, den die Flammen wie durch ein Wunder nicht erreichten. Eine Besucherin hatte es sich mit vier Bekannten in einem Séparée gemütlich gemacht, als das Inferno losbrach. Ihr gelang es, ein Fenster einzuschlagen und Luft zu schöpfen.

Die Brandkatastrophe an dem historischen Ort am Gelben Fluss ist eine der verheerendsten in Chinas jüngster Geschichte. Obwohl die Ursachen noch nicht vollständig geklärt sind, scheint eines jetzt schon sicher: Grund für das Unglück war eine fatale Melange aus Schlamperei, Nachlässigkeit und Unwissen.

Notausgänge waren nach bisherigen Erkenntnissen entweder nicht vorhanden, abgeschlossen oder mit Baumaterialien versperrt. Sprinkleranlage und Rauchmelder, die womöglich Schlimmes hätten verhüten können, existierten in dem staatlichen Geschäftshaus überhaupt nicht.

Die an einen privaten Unternehmer vermietete Disco operierte ohnehin illegal, das ganze Gebäude war seit 1997 als unsicher bekannt. Just eine Woche vor der Katastrophe hatte eine Kommission erhebliche Sicherheitsmängel entdeckt - Konsequenzen hatte der Tadel nicht.

Grausige Unfälle geschehen allenthalben in der Welt, doch in China scheinen sie mittlerweile an der Tagesordnung zu sein. Zehntausende Arbeiter verlieren jährlich ihr Leben, im Jahr 2000 starben allein über 5000 Bergleute bei Minenunglücken. Im südlichen Dongguan brach jüngst ein Warenhaus zusammen und begrub zwölf Menschen unter sich.

Immer wieder verkommen Fabrikhallen und Kinos zu tödlichen Feuerfallen, 74 Menschen verbrannten im vergangenen März, als in Jiaozuo in der zentralchinesischen Provinz Henan ein illegales Pornokino in Flammen aufging.

Pekings Funktionäre, die immer wieder zu mehr Vorsicht und zu strengeren Kontrollen aufrufen, kämpfen einen Kampf gegen Windmühlen. Alle Appelle und Paragrafen sind zum Scheitern verurteilt, weil viele Verantwortliche entweder ungebildet, gleichgültig oder korrupt sind.

Gegen einen Obolus für die schlecht bezahlten Polizisten können sich Unternehmer von strengen Auflagen freikaufen, nicht selten sind die Funktionäre identisch mit den Verantwortlichen oder stecken mit ihnen unter einer Decke.

Die Reformpolitik hat die Gier nach dem schnellen Geld auch nach China gebracht. Immer wieder versuchen Bauunternehmer, oft im Bunde mit lokalen Kadern, ihren Verdienst zu vergrößern, indem sie schlechte Materialien verwenden - in der Hoffnung, es werde schon nichts passieren. Premier Zhu Rongji spricht denn auch von »Sojabohnenkäse«-Projekten, wenn zum Beispiel der Beton aus Profitsucht zu einer Art Pappmaché verdünnt wird.

Chinas höchste Funktionäre waren alarmiert, als aus diesem Grund im vorigen Januar in der Provinz Sichuan eine vier Jahre alte Brücke zusammenbrach. 40 Menschen starben bei dem Unglück, darunter auch eine Gruppe joggender Soldaten. Was, so fragten sich Politiker, wenn etwa der gigantische Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse auseinander bricht, weil Schlamperei und Korruption eine solide Bauweise verhinderten? Eine eilig zusammengerufene Untersuchungskommission entdeckte, gottlob, vorerst keine Mängel.

Fortan, warnte Premier Zhu, sollen nach Katastrophen nicht nur die direkt Schuldigen, sondern auch politisch verantwortliche Kader für Fahrlässigkeiten sühnen. Doch dass solche Drohungen verfangen, ist zweifelhaft, Katastrophen wie die in Luoyang sind programmiert.

An der Fassade des ausgebrannten Gebäudes in Luoyang hängt noch das rote Spruchband, das mit weißen Schriftzeichen »bessere Dienstleistungen« verkündet. Die Bewohner identifizieren derweil, streng abgeschirmt von Journalisten, die Toten.

Frau Wang, die den Unglücksort nicht ohne ihren Mann verlassen wollte, ist inzwischen nach Hause gegangen. Von seinem Schicksal weiß sie nichts.

ANDREAS LORENZ

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