FAHNDER Teppichfussel am Feldweg
Es war nur eine vage Idee, geboren aus schierer Verzweiflung, und ein Erfolg war etwa so unwahrscheinlich wie der Gewinn eines Jackpots im Lotto: Lasst uns doch, schlug ein hessischer Fahnder seinen Kollegen von der Sonderkommission Julia vor, alle Blitzbilder von Radarfallen in der Umgebung nach Hinweisen durchflöhen, nach irgendetwas.
Der Vorschlag, auf einer der Soko-Konferenzen geäußert, brachte die Wende im spektakulärsten Mordfall der jüngsten Zeit: Am 29. Juni gegen 18.00 Uhr war das Mädchen Julia Hose in der Nähe eines Spielplatzes seiner hessischen Heimatgemeinde Biebertal nahe Gießen zum letzten Mal lebend gesehen worden. Die Nation bangte um das Schicksal der Achtjährigen. Fünf Tage später schlug Hoffnung in Entsetzen um: Am 4. Juli, kurz nach Mitternacht, entdeckten Feuerwehrleute, die einen brennenden Holzstapel am Waldesrand nahe der Ortschaft Niddatal-Kaichen (siehe Grafik) löschten, den verkohlten Leichnam eines Kindes. Es waren, so ergab die Obduktion, die Überreste Julias.
In diesem Moment begann für die Soko Julia unter ihrem Leiter Michael Pfendesack, 45, die Jagd auf »das kranke Hirn«, so einer der Beamten, das hinter dem grausigen Verbrechen stand. Anfang vergangener Woche dann, 52 Tage nach dem Mord, wurde die »vielleicht aufwendigste Fahndung der hessischen Nachkriegsgeschichte«, so der Gießener Oberstaatsanwalt Reinhard Hübner, abgeschlossen. Julias Nachbar Thorsten V., ein 33-jähriger Angestellter der Universität Gießen, hat das Mädchen laut Polizei und Staatsanwaltschaft umgebracht. Der Mann kann noch nicht vernommen werden - er liegt, lebensbedrohlich verbrannt, im künstlichen Koma in der Kölner Universitätsklinik.
»Kriminalistische Intuition, das Medieninteresse und die moderne Forensik«, so Kurt Maier vom Polizeipräsidium Mittelhessen, hätten zum Erfolg geführt.
So, wie die Fahnder den Fall rekonstruieren, ergibt sich das Bild eines modernen Verbrechens, bei dem der Täter weiß, dass ihn nicht nur Polizisten jagen werden, sondern auch Wissenschaftler auf der Spur mikroskopisch kleiner Partikel: Es ist die Nacht des 3. Juli. Mit Julias Leiche in seinem VW Kombi fährt Thorsten V., so das Szenario der Polizei, durch das etwa 50 Kilometer von Biebertal entfernte Niddatal. Er sucht entlang der Bundesstraße 45 nach einem Platz, wo er den leblosen Körper so vollständig vernichten kann, dass den Kriminalisten kein Anhaltspunkt bleibt.
Südlich von Ilbenstadt biegt er in einen Feldweg ein. Aber dort wird er wohl gestört und versucht es gut einen Kilometer weiter nahe Niddatal-Kaichen erneut. Hier findet der Mörder, was er sucht: einen großen Stapel geschlagenes Holz. Er legt Julias Körper darauf, schüttet Benzin über die Leiche und entzündet den Scheiterhaufen.
Zurück an der B 45 folgt Thorsten V. der Straße nach Süden. Da passieren, zeitgleich um 23.10 Uhr, zwei Dinge: Weil er zu schnell fährt, löst er in Nidderau-Heldenbergen das Blitzlicht einer Radarfalle aus. Und ein paar Kilometer entfernt bemerkt ein Radler einen Brand nahe der B 45 und ruft per Handy die Feuerwehr.
Dem Radler sei zu danken, dass Julias Schicksal nun aufgeklärt wurde, so der Gießener Rechtsmediziner Günter Weiler. Der große brennende Holzstapel am Waldweg hätte ausgereicht, so Weiler, »den Kinderkörper einzuäschern«. Julias Überreste wären vielleicht nie entdeckt worden.
Als die Feuerwehrleute den verkohlten Körper finden, hat der Brand bereits all jene Spuren zerstört, die dank moderner Forensik und DNS-Analyse oft zum Mörder führen: ausgefallene Haare an der Leiche oder am Fundort, Spermaspuren am Körper, Hautpartikel des Täters unter den Fingernägeln oder auch fremde Stofffussel an der Kleidung des Opfers.
So gibt es nun keine DNS-Proben des Täters, mit denen die Soko Julia etwa per Massentests aller Verdächtigen vorankommen könnte. Ihr Schleppnetz knüpfen die Beamten stattdessen mit Hinweisen auf verdächtige Autos, Käufer von Benzinkanistern und mit Tausenden anderer Spuren - nichts. Wie es die Routine verlangt, überprüfen die Fahnder auch vorbestrafte Sexualstraftäter - wieder nichts.
Als sie kaum noch weiterwissen, kommt einem der Polizisten die Idee mit den Blitzbildern. Etwa 200 Filme aus ebenso vielen Radarfallen der Gegend werden entwickelt, Hunderte von oft unscharfen Schwarzweißfotos ausgewertet.
Während diese Kleinarbeit läuft, erscheint am 17. Juli ein Mann in einer Polizeiwache der Stadt Friedberg und legt einen Fund auf den Tisch: zwei Latexhandschuhe, einen Schnipsel blauen Markisenstoff, eine leere Schachtel Marlboro Lights und eine Wasserpistole, aufgesammelt an einem Feldweg. Was der Spaziergänger sonst für Müll gehalten hätte, erscheint ihm jetzt verdächtig, weil doch die Medien seit Tagen über diesen Kindermord berichten. Und mit Wasserpistolen spielen Kinder. Die Beamten schicken die Fundstücke an das hessische Landeskriminalamt in Wiesbaden zur Untersuchung.
Zwei Tage später geschieht das Unerwartete: Auf einem der Radarfotos ist Thorsten V. zu erkennen und vor allem sein Auto mit Gießener Kennzeichen; in dem Landkreis wohnte auch Julia. Ein erster Kontaktversuch schlägt fehl: Thorsten V. wohnt nicht mehr unter der Adresse, mit der er das Auto angemeldet hatte. Die Fahnder finden heraus, dass dieses eine Radaropfer von vielen kürzlich mit seiner Frau und der sechs Monate alten Tochter umgezogen ist: in Julias Wohnort Biebertal. Am nächsten Morgen sprechen ihn Soko-Beamte in der Universität an.
Den zu schnellen Nachttrip erklärt Thorsten V. damit, er habe das Auto einfahren wollen. Auch als die Beamten seine Hände und Arme sehen wollen, ziert er sich nicht. Brandwunden, wie sie sich der Scheiterhaufentäter hätte zuziehen können, entdecken die Ermittler nicht. Da seine Frau zudem erklärt, das Ehepaar habe den Abend von Julias Verschwinden gemeinsam im Biebertaler Haus verbracht, ist, so Oberstaatsanwalt Hübner jetzt, kein »unmittelbarer Tatverdacht« gegeben.
Auch ist Thorsten V., im Unterschied zu vielen Sexualtätern, zuvor noch nie einschlägig aufgefallen. Und doch bleiben die Fahnder ihm auf der Fährte: Der Telefonanschluss seines Hauses wird überwacht. Und da sowohl Thorsten V. als auch seine Ehefrau ein Handy haben, fordert die Staatsanwaltschaft vom Netzbetreiber alle Verbindungsdaten an.
Die Computerausdrucke kommen am 6. August. Es zeigt sich, dass die Eheleute nach Julias Verschwinden noch per Handy miteinander telefoniert haben. Dass die Plauderei nicht etwa von der Küche zum Wohnzimmer erfolgte, beweisen die Netzdaten: Die beiden Mobiltelefone waren zum Zeitpunkt des Gesprächs in zwei verschiedenen Zellen des Handynetzes eingebucht, waren also weit voneinander entfernt.
Die Schlinge zieht sich zu: Dem Mann, der in der Nähe des brennenden Scheiterhaufens geblitzt wird, platzt nun also auch noch das Alibi für den Mordabend. Umgehend beantragt die Staatsanwaltschaft eine Hausdurchsuchung.
Zwar kann Thorsten V. von den Ermittlungserfolgen nichts wissen, doch bevor die Fahnder anrücken, flattert ihm das Ticket für die Raserei ins Haus. Offenbar wird Thorsten V. immer klarer, wie kritisch es um ihn steht. Also geht er an diesem 6. August in seinen Keller - mit einem Kanister Benzin. Er hatte Julias Leiche einäschern wollen, nun will er wohl mögliche Spuren ihrer Anwesenheit in seinem Haus ebenfalls durch Feuer tilgen.
Doch der Treibstoff verpufft, schwer verbrannt kann sich Thorsten V. noch in den Garten retten. Am selben Tag wird der inzwischen höchst Verdächtige in die Kölner Spezialklinik eingeliefert. Als Spurensucher der Polizei nun das Haus durchsuchen, schlagen trotz des Brandes die Leichenspürhunde noch an.
Jetzt fehlen den Fahndern allein die letzten Beweise. Gut vier Wochen nach dem Feldwegfund haben die DNS-Detektive in den Latex-Handschuhen Schweißrückstände und Hautschuppen isoliert und einen genetischen Fingerabdruck gewonnen. Den müssen sie nur noch mit einer DNS-Probe des Schwerverbrannten abgleichen. Auch wollen sie Markisenstoff und einen an dem Tuch entdeckten Teppichfussel mit Materialien aus dem Haus des Verdächtigen vergleichen.
Am vergangenen Montag fügt sich das Puzzle schließlich zu einem Szenario: Die Handschuhe hat Thorsten V. getragen, Stofffetzen und Teppichfussel stammen offenbar aus seinem Haus. Dass der Buchhalter Marlboro Lights rauchte und die Wasserpistole von der Art ist, wie auch Julia eine besaß, runden das Bild ab.
Eins jedoch bleibt womöglich für immer vage: Warum musste Julia sterben? Ihr verkohlter Leichnam gab nicht mehr preis, ob sie vergewaltigt wurde. Und ob der mit dem Tode Ringende die Ermittlerfragen je beantworten kann, ist ungewiss.
Immerhin: Thorsten V. ist vergleichsweise jung, Experten wie Bernd Hartmann, der am Unfallkrankenhaus Berlin-Marzahn eine Abteilung für Verbrannte leitet, geben ihm eine Überlebenschance. ULRICH JAEGER