Terror durchs Telephon - DER SPIEGEL
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SCHULEN Terror durchs Telephon

Mit Bomben-Drohungen blockieren Unbekannte seit Wochen den Schulunterricht in Frankfurt. Bei den Behörden herrscht Zweifel, ob es sich dabei nur um dumme Streiche handelt.
• aus DER SPIEGEL 25/1977
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Der Anrufer, der im Sekretariat des Schulleiters anklingelte, machte es kurz: »Um elf Uhr wird in der Ludwig-Richter-Schule eine Bombe hochgehen.«

Rektor Heinz Reeg alarmierte Polizei und Stadtschulamt, die 700 Schüler schickte er »weit weg vom Gebäude« in den Hof. Nach wenigen Minuten meldeten sich vom benachbarten Polizeirevier »vier bis fünf Mann und haben das Haus von oben bis unten durchsucht« (Reeg) -- gefunden wurde nichts.

Wie Schulleiter Reeg an seiner Grund- und Hauptschule im Stadtteil Eschersheim ergeht es seit Wochen allen Rektoren und Direktoren der 162 Frankfurter Schulen. Mit gezielten Bombendrohungen legen anonyme Anrufer, oft mehrmals in der Woche, den gesamten Unterrichtsbetrieb lahm.

Um die Eltern von rund 95 000 Schülern nicht zu ängstigen, um auch Nachahmungstätern nicht neuen Anreiz zu geben, versuchten Stadtschulamt und Polizei einige Zeit, den Telephon-Terror zu verdecken. Bei Hausdurchsuchungen blieben die Pennäler länger in den Pausen; eine Unterbrechung oder das vorzeitige Ende des Unterrichts wurde als »Feueralarm« deklariert. Andere Schulleiter entschlossen sich kurzfristig zum Wandern, nur wenige unterrichteten weiter.

Erst Mitte Mai, als die Schüler fast täglich früher denn üblich nach Hause kamen, wurde dem Frankfurter Schuldezernenten Professor Peter Rhein »die Unruhe unter den Eltern zu groß«, sah er »keinen Sinn mehr, länger zu schweigen«. Rhein: »Das ist nicht allein das Werk von Schülern, die sich vor der anstehenden Latein- oder Mathematikarbeit drücken wollen und deshalb zum Telephon greifen.«

Für Rheins Vermutung, »chaotische Kräfte« seien am Werk, fehlen bislang ebenso die Anhaltspunkte wie für die Ansicht vieler Schulleiter, es handele sich ausschließlich um »Dumme-Jungen-Streiche«. Zwar waren nach Aussagen von Lehrern mehrmals Kinderstimmen zu hören, gelegentlich mit ausländischem Akzent; aber »mit Sicherheit«, so der Schuldezernent, »gab es unter den Anrufern auch Erwachsene«. Rhein: »Das ganze Ding ist bedrohlich, auch wenn wir bisher nichts gefunden haben. Ob es Jux ist, läßt sich verdammt schwer abschätzen.«

Nicht nur die Pädagogen, auch die Polizisten sind ratlos. Denn so schwierig wie die Fahndung nach den Tätern gestaltet sich auch in den Schulen die Suche nach angeblich versteckten Sprengkörpern. Anders als bei den ersten Bombendrohungen, die sich gegen einzelne Lehranstalten richteten, meldeten sich die Anrufer inzwischen direkt beim Schulamt, mitunter auch bei einer Pfarrei, und kündigten lediglich an, daß »in einer Schule eine Bombe hochgeht«. Folge: Spürtrupps der Frankfurter Polizei müssen zu allen Schulen ausrücken. Hessens Innenminister Ekkehard Gries: »Eine perfide Strategie, die die Polizei personell stark belastet.«

Anonyme Bombendrohungen, ob aus Geltungssucht oder Protest, ob fernmündlich oder per Post übermittelt, gehören seit Jahren zum Polizeialltag in Frankfurt (Kriminal-Hauptkommissar Hans Neitzel: »Da gehen im Schnitt fünfzig im Monat bei uns ein"). Aber mit der Durchsuchung von 162 Schulen, zumal mehrmals in einer Woche, sind die Beamten überfordert. »Wenn wir das richtig machen wollen«, rechnet Neitzel vor, »alle Wände abklopfen, in die Kamine gucken und auch noch die Kohlen im Keller umschaufeln, brauchen wir allein fünf Hundertschaften.«

Um Aufwand und Aufgebot der Polizei in erträglichen Grenzen zu halten, hat das Städtische Schulamt jetzt »eine Art Bewertungsstelle« (Rhein) eingerichtet, die nach Rücksprache mit den Schulleitern entscheiden soll, wie ernsthaft die eingegangene Drohung zu nehmen ist. Die Lehrer sind -- insbesondere wegen der Häufigkeit der Androhungen -- immer weniger geneigt, den Unterricht für den Rest des Tages ausfallen zu lassen.

Die regelmäßige Räumung der Gebäude führt nach Meinung von Polizei-Experten meist zu weiteren Drohungen oder Anschlußtaten. »Wenn die Schüler merken, wie einfach das ist«, befürchtet auch Oberstudiendirektor Wilhelm Höhn, der die Herderschule mit 1533 Gymnasiasten leitet, »dann kommen die öfter auf die Idee, sich für 20 Pfennig einen freien Tag zu machen.«

Ein vertraulicher Erlaß des hessischen Kultusministers, vor zwei Jahren gemeinsam mit dem Landeskriminalamt ausgearbeitet, untersagt den Schulleitern, Lehrer und Schüler nach angeblich versteckten Bomben suchen zu lassen -- wenn auch die Ortskenntnisse des Hausmeisters besonders dazu beitragen könnten, »irgendwo einen Zugzünder mit dünner Schnur an der Heizung oder am Stuhlbein zu finden« (ein Polizeibeamter). »Bei Gefahr für die öffentliche Sicherheit«, erläutert Regierungsoberrat Wolfgang Gerhardt aus dem Innenministerium, »ist eben zwangsweise Polizeieinsatz geboten«

Die Entscheidung aber, ob das Schulhaus geräumt oder ob weiter unterrichtet wird, liegt allein bei den Schulleitern -- und die klagen darüber, daß sie einerseits durch Minister-Erlaß angewiesen sind, den Unterrichtsausfall »auf ein Mindestmaß zu beschränken«, zugleich aber die Sicherheit der Schüler gewährleisten sollen. Nach den Beobachtungen von Schuldezernent Rhein »regelt sich das oft von selbst«. Bis die Polizei durchsucht hat, sind die meisten Schüler schon verschwunden. Direktor Höhn: »Ich habe immer das Gefühl: Es ist gut, wenn ein solcher Vormittag vorbei ist.«

-- Die Chancen der Polizei, die anonymen Anrufer zu fassen, stehen schlecht. Die Stimme des Täters, den Wortlaut einer Drohung auf Tonband festzuhalten und Fangeinrichtungen in die Fernsprechanlage einzubauen, das alles nützt wenig, wenn nicht gleichzeitig Polizeibeamte Hunderte von Telephonzellen in der Innenstadt observieren. Neitzel: »Da müßte ein riesiges Aufgebot in Sekunden ausschwärmen, das ist bisher nur bei außergewöhnlichen Kapitalverbrechen mal gemacht worden.«

Wer beim Telephon-Terror erwischt wird, muß mit empfindlichen Strafen rechnen. In Ulm wurde ein Dreher zu acht Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt, weil er bei der Ulmer Polizeidirektion ("In 30 Minuten fliegt der Omnibusbahnhof in die Luft"), beim Fernmeldeamt und beim Deutschen Roten Kreuz Bombenalarm ausgelöst hatte. In Freiburg hatte sich ein Rentner über Notruf bei der Polizei gemeldet: »Hier ist die Rote Hand. Ich melde, daß ich in einer Stunde den Polizeisender in die Luft sprenge und dann ein großes Ding drehe.« Urteil des Amtsgerichts: vier Monate Freiheitsstrafe.

In Frankfurt gab es vor Jahren einen Hausdiener, der in 150 Fällen zum Telephonhörer griff und mit Bomben drohte. Nach seinen Anrufen wurde der Hauptbahnhof teilweise geräumt, fielen Theatervorstellungen aus, wurden Kino- und Zirkusabende abgesagt und das Stadtbad geräumt.

Daß nun der Schulbetrieb über Wochen hinweg gestört wird, daß die Unterrichtsstunden ausfallen und Klassenarbeiten nicht geschrieben werden können, wird inzwischen selbst von den Schülern, vorwiegend in den Oberstufen, als »lästig« empfunden und »sehr schroff abgelehnt« -- so Oberstudiendirektor Gerhard Otte von der Wöhlerschule. Schulleiter Höhne: »Die möchten tatsächlich lieber ihren Unterricht haben.«

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