Hausmitteilung Terroristen
Datum: 19. Oktober 1981 Betr.: Terroristen
Zum erstenmal stellten sich zwei Minister aus zwei Staaten simultan einem SPIEGEL-Gespräch: Bundesinnenminister Gerhart Baum, 48, und dessen italienischer Kollege Virginio Rognoni, 57. Aktueller Anlass: Im italienischen Parlament beginnt demnächst die Debatte über gesetzliche Massnahmen, die Terroristen den Ausstieg erleichtern sollen.
Eigens für dieses Gespräch war im Mailänder Kulturzentrum Puecher eine Anlage zur Simultanübersetzung installiert worden - auch ein Novum. Drei SPIEGEL-Redakteure, Paul Lersch, Bernhard Müller-Hülsebusch und Hans-Wolfgang Sternsdorff, diskutierten fast fünf Stunden lang mit den beiden Ministern über die rechtlichen Möglichkeiten, potentiellen Aussteigern zu helfen. Frage an Baum: Wäre die italienische Regelung ein Modell für die Bundesrepublik?
Seit mehr als zehn Jahren hat der SPIEGEL in Gesprächen mit Betroffenen, mit Politikern, Juristen und Fahndern die Unzulänglichkeit von Justiz und Polizei im Kampf gegen den Terrorismus offengelegt. »Das Problem ist«, so Sternsdorff, »dass man nicht erwarten kann, ein zum Aussteigen bereiter Terrorist müsse auch seine politische Überzeugung aufgeben und seine ehemaligen Freunde verraten, um sich mildernde Umstände zu erkaufen.«
Rognoni, Rechtsprofessor und seit 1978 Innenminister, will »auch dem Terroristen entgegenkommen, der ... nicht mit der Justiz zusammenarbeiten will«.
Die italienische öffentlichkeit kann die Diskussion verfolgen: Die römische Wochenzeitschrift »Espresso« druckt das SPIEGEL-Gespräch ab.